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; das Schicksal gibt Ihnen an meinem Freunde einen zweiten Sohn, der aller Ihrer achtung und Güte würdig ist. – Sie haben oft gewünscht, dass unsre Sophie glücklich sein möge. Ihre Verbindung mit dem geistvollen rechtschaffenen Mann wird diesen mütterlichen Wunsch erfüllen. Legen Sie Ihre Hand auf die hände Ihrer Kinder; ich weiss, dass der mütterliche Segen ihren Herzen heilig und schätzbar ist."

Die Dame legte ihre Hand auf und sagte: "Meine Kinder! wenn euch Gott so viel Gutes und Vergnügen schenkt, als ich von ihm für euch erbitten werde, so wird euch nichts mangeln." Und nun umarmte der Baron den Obersten als seinen Bruder und auch die glückliche Braut, welcher er für die Gesinnungen, die sie gegen seinen Freund bezeugt hatte, zärtlich dankte. Der Oberste speiste mit ihnen. fräulein Charlotte kam nicht zur Tafel. Die Trauung geschah ohne vieles Gepränge. Etliche Tage nach der Hochzeit schrieb

Frau von Sternheim an

ihre Frau Mutter

Da mich das schlimme Wetter und eine kleine Unpässlichkeit abhalten, meiner gnädigen Mama selbst aufzuwarten, so will ich doch meinem Herzen das edle Vergnügen nicht versagen, mich schriftlich mit Ihnen zu unterhalten.

Die Gesellschaft meines teuren Gemahls und die Überdenkung der Pflichten, welche mir in dem neuen Kreise meines Lebens angewiesen sind, halten mich in Wahrheit für alle andre Zeitvertreibe und Vergnügungen schadlos; aber sie erneuern auch mit Lebhaftigkeit alle übrigen edlen Empfindungen, die mein Herz jemals genährt hat. Unter diese gehört auch die dankvolle Liebe, welche Ihre Güte seit so vielen Jahren von mir verdient hat, da ich in Ihrer vortrefflichen Seele alle treue und zärtliche Sorgfalt gefunden habe, die ich nur immer von meiner wahren Mutter hätte geniessen können. Und doch muss ich bekennen, dass Ihre gnädige Einwilligung in mein Bündnis mit Sternheim die grösste Wohltat ist, die Sie mir erzeigt haben. Dadurch ist das ganze Glück meines Lebens befestiget worden; welches ich in nichts anderm suche noch erkenne, als in Umständen zu sein, worin man nach seinem eignen Charakter und nach seinen Neigungen leben kann. Dieses war mein Wunsch, und diesen hab' ich von der Vorsehung erhalten. – Einen nach seinem Geist und Herzen aller meiner Verehrung würdigen Mann; und mittelmässiges, aber unabhängiges Vermögen, dessen Grösse und Ertrag hinreichend ist, unser Haus in einer edlen Genügsamkeit und standesgemäss zu erhalten, dabei aber auch unsern Herzen die Freude gibt, viele Familien des arbeitsamen Landmanns durch hülfe zu erquicken, oder durch kleine Gaben aufzumuntern.

Erlauben Sie, dass ich eine Unterredung wiederhole, welche der teure Mann mit mir gehalten, dessen Namen ich trage.

Nachdem meine gnädige Mama, mein Bruder, meine Schwester und meine Schwägerin abgereiset waren, empfand ich sozusagen das erstemal die ganze Wichtigkeit meiner Verbindung.

Die Veränderung meines Namens zeigte mir zugleich die Veränderung meiner Pflichten, die ich alle in einer Reihe vor mir sah. Diese Betrachtungen, welche meine ganze Seele beschäftigten, wurden, denke ich, durch die äusserlichen Gegenstände lebhafter. Ein anderer Wohnplatz; alle, mit denen ich von Jugend auf gelebt, von mir entfernt; die erste Bewegung über ihre Abreise usw.

Alles dieses gab mir, ich weiss nicht welch ein ernstaftes Ansehen, das dem Auge meines Gemahls merklich wurde.

Er kam mit dem Ausdruck einer sanften Freudigkeit in seinem gesicht zu mir in mein Kabinett, wo ich gedankenvoll sass; blieb in der Mitte des Zimmers stehen, betrachtete mich mit zärtlicher Unruhe und sagte:

"Sie sind nachdenklich, liebste Gemahlin! darf ich Sie stören?"

Ich konnte nicht antworten, reichte ihm aber meine Hand. Er küsste sie, und nachdem er sich einen Stuhl zu mir gerückt hatte, fing er an:

"Ich verehre Ihre ganze Familie; doch muss ich sagen, dass mir der Tag lieb ist, wo alle Gesinnungen meines Herzens allein meiner Gemahlin gewidmet sein können. Gönnen Sie mir Ihr Vertrauen, so wie Sie mir Ihre Hochachtung geschenkt haben; und glauben Sie, dass Sie mit dem Mann, den Sie andern so edelmütig vorgezogen haben, nicht unglücklich sein werden. Ihr väterlich Haus ist nicht weit von uns entfernt, und in diesem hier wird Ihr wohlgesinntes Herz sein Vergnügen finden, mich, meine und Ihre Bediente, meine und Ihre Untertanen glücklich zu machen. Ich weiss, dass Sie seit vielen Jahren bei Ihrer Frau Mutter die Stelle einer Hauswirtin versehen haben. Ich werde Sie bitten, dieses Amt, mit allem, was dazu gehört, auch in diesem haus zu führen. Sie werden mich dadurch sehr verbinden; indem ich gesinnet bin, alle meine Musse für das Beste unsrer kleinen herrschaft zu verwenden. Ich setze dieses nicht allein darin, Güte und Gerechtigkeit auszuüben, sondern auch in der Untersuchung, ob nicht die Umstände meiner Untertanen in andrer Austeilung der Güter, in Besorgung der schulen, des Feldbaues und der Viehzucht zu verbessern seien? Ich habe mir von allen diesen Teilen einige Kenntnis erworben; denn in dem glücklichen Mittelstande der menschlichen Gesellschaft, worin ich geboren wurde, sieht man die Anbauung des Geistes und die Ausübung der meisten Tugenden nicht nur als Pflichten, sondern auch als den Grund unsers Wohlergehens an; und ich werde mich dieser Vorteile allezeit dankbarlich erinnern, weil ich Ihnen das unschätzbare Glück Ihrer Liebe schuldig bin. Wäre ich mit dem Rang und Vermögen geboren worden, die ich jetzt besitze, so wäre vielleicht mein Eifer, mir einen Namen zu machen, nicht so gross gewesen. Was ich aber in dem Schicksal meiner verflossnen