1771_Haller_032_65.txt

öffnete sich dem liebenden Fremdlinge noch nicht. Aber sein Herz hatte einen Vertrauten nötig, er sah beim Veribeni Ernst, Gründlichkeit, Rechtschaffenheit, und Verschwiegenheit, er gestund ihm bald hernach was ihm am Herzen nagete, und alle Ruhe von seinem Gemüte verscheuchte.

Veribeni war ein ächter Christ, der nicht in Feierlichkeiten, nicht in äussern dem verdorbensten Herzen leichten Taten seine eigene Beruhigung suchte, der seine Zuversicht auf die Versprechungen Gottes setzte, und den Weg zur Rettung da suchte, wo ihn die geoffenbarten Bücher zeigten. Er leitete nach und nach den Kaiser auf die völlige Kenntniss der Verdorbenheit des Menschen, auf sein Unvermögen der göttlichen Gerechtigkeit genug zu tun, auf die Mittel, die die Erbarmung des Richters erfunden hatte, mit seiner Gerechtigkeit die Rettung des Sündigers zu vereinigen. Usong trat begierig in die Bahn, die einzig zur Hoffnung führte, er glaubte, und von dem augenblicke an verschwanden seine Sorgen: eine Aussicht in eine endlose Glückseligkeit öffnete sich seinen aufgeschlossenen Augen, und er sah mit gefälligkeit die Annäherung einer Ewigkeit, die ihn zu einem versöhnten Gott zurück führte.

Nicht lang hernach erklärte sich der Kaiser, er wäre gesinnet, dem Schach Sade' den Tron abzutreten. Die Geschäffte der Reichsverwaltung wären ihm zu schwer geworden, er wollte sie nicht verabsäumen, und sein Volk nicht ohne ein tätiges Haupt lassen. Usong hätte für sich selber ein wichtiges Geschäffte, das alle seine Kräfte und seine Stunden erfoderte, vielleicht würde diese Ruhe, sagte er freundlich gegen die bekümmerte Nuschirwani, seine Tage um etwas zu verlängern.

Der Tag wurde angesetzt; die Feldherren, die Häupter aller Abteilungen, die Abgesandten, die vornehmsten Richter, die Daroga, die Stattalter in den Provinzen, die noch übrigen Nowiane, erschienen vor dem grossen Diwan. Ein Tron wurde in den grossen offenen Saal gesetzt, die Seiten des Meidans besetzten die besten Krieger des Reiches, und den Raum ein unzählbares Volk. Usong trat mit allem Pomp eines orientalischen Kaisers auf den Tron, neben ihm und niedriger sass der Tronfolger.

Häupter der Perser, sprach Usong, indem er aufstund, heute sind fünfzig Jahre verflossen, seitdem ihr mich auf diesen Tron setztet: habt Dank für euer Vertrauen, habt Dank für eure Treu. Kein Perser hat den Usong mit seinem Widerwillen betrübt, keinen Perser hat er zum Feinde gehabt. Ich bin nicht mehr derjenige, der für euch zu feld zog, meine arme sind schlapp geworden, meine Augen sehen dunkler, meine stimme wird undeutlich, und in kurzer Zeit würde ich ein blosser Schatten eines Herrschers sein.

Zum letztenmale seht ihr mich: ich werde aber Persien nicht verwaiset verlassen. Ich habe alles getan, einen würdigen Tronfolger zu bilden, empfangt ihn mit Vertrauen, liebt ihn, wie ihr mich geliebet habt. In ihm vereinigt sich das edelste Blut unter den Menschen, des Ismaels, und des Tschengis. Es lebe Ismael Padischa, der Kaiser der Perser! Hiermit stieg er herunter, er gürtete seinem Enkel Rustans geweihetes Schwerdt um, und leitete ihn auf den erledigten Tron.

Halb bestürzt, wehmütig, und dennoch durch des wohlgebildeten Jünglings edlen Anstand gerührt, gewohnt alle Räte des Usongs als die Aussprüche der Weisheit zu verehren, rief das Volk: Es lebe Ismael Padischa, er herrsche wie Usong!

Die Grossen bezeugten, nach der Weise der Morgenländer, dem neuen Kaiser ihre Ehrerbietung, und Usong suchte ermattet die Ruhe.

Veribeni verliess ihn selten mehr: die Kräfte nahmen täglich ab, und täglich füllten sich seine Augen mit einem höhern Vergnügen, dessen Quelle nicht in der Welt entsprang. Er liess zum letztenmal seinen Nachfolger zu sich bitten. Ismael ist jung, er liebt aber die Tugend. Höre, mein Sohn, die Räte deiner Mutter, dein Ahnherr hat sie gehört, und nützlich gefunden, wer wird dich besser lieben? Traue nicht zu viel auf deine Kräfte, zieh zu Rat, erwäge und dann entschliesse. Ich habe getrachtet, die Aemter mit würdigen Männern zu füllen, verändere sie nicht plötzlich. Liebe deines Ahnherrn Freunde, sie sind ihm treu gewesen, und die Erfahrung hat sie weise gemacht. Er umarmte den bestürzten Ismael, wandte sich zur weinenden Nuschirwani, und sagte mit dem zärtlichsten Anblicke: Fahre wohl, meine Tochter, die würdig war meine Freundinn zu sein. Brauche alle die sieghafte Anmut deines Geistes, deinen Sohn im Vertrauen gegen dich zu behalten, das Schicksal von Persien beruht auf eurer Freundschaft. Nach meinem Hinscheide wird Veribeni dir die Worte sagen, die mir den Tod zum Wunsche gemacht haben. Fahre wohl, sterbe wie Usong.

Er umarmte die in Tränen schwimmende gemahlin, und bat sie, in der Nuschirwani Freundschaft ihren Trost zu suchen. Er beurlaubte sich vom getreuen Scherin, und von seinen Vertrautesten. Er ersuchte hernach, dass man ihn allein lassen möchte: ich kann nicht mehr, sagte er schmachtend. Nur Veribeni blieb: man hörte den Kaiser zuweilen auf einige Zureden des ehrbarn Waldensers antworten; es blieb bald bei einem blossen ja, und endlich redete Veribeni allein.

Nuschirwani, die im nächsten Zimmer war, konnte sich nicht mehr halten, und stürzte vor das Bette des Sterbenden. Mein Vater, rief sie mit ringenden Händen! Usong sah sie mit einem Antlitz an, auf dem der Glanz der himmlischen Freude sich verbreitete, still, aber ohne Wolken; der blick war der letzte, sterbend heftete er sein Auge auf die Geliebte, und schloss sie auf ewig.

Man bot