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fand sich auch dabei ein, und bemerkte die aus der bescheidensten Kleidung ausbrechenden Reitze der jungen Fürstin von Trapezunt. Es war ein anmutiges Gemische von Andacht, von Demut, und von einer fürstlichen Würde. Der Herzog von Naxos sah ihre Schönheit nicht unempfindlich an; ihm gefielen noch über die reizenden Züge die Spuren der Tugend, die er in dem ganzen Wesen der jungen Schönen wahrnahm. Er fand noch mehrere gelegenheit sie zu sehen, und entzündete sich täglich mehr.

Die kaiserliche gemahlin sah alle Christen als ihre Verwandten an, und gab dem Fürsten von Naxos den Vorzug, den seine Geburt und seine angenehmen Eigenschaften verdienten. Durch ihre Güte aufgemuntert, wagte er es der Despoina zu eröffnen wie sehr er wünschte, ihrer liebenswürdigen Schwester Hand zu verdienen. Usongs gemahlin trennte sich ungern von ihrer Schwester, sie fand aber unendlich mehr Hoffnung zu der Glückseligkeit der jungen Eudoxia bei einem christlichen Fürsten, als bei irgend einer Vermählung mit einem Mahometaner. Sie selbst hatte den Unterschied des Glaubens nicht zu büssen gehabt; sie wusste aber, wie sehr sonst die morgenländischen Fürsten auf die Annehmung ihrer Grundsätze bei allen den schönen Einwohnerinnen ihres Harems zu dringen pflegten. Sie machte dem Crespo Hoffnung, und leitete es dahin ein, dass er der jungen Fürstin seine innigste Liebe zu erkennen geben konnte. Crespo gewann einen so grossen Anteil an ihrer Hochachtung, dass Eudoxia kein anderes Beding vorschrieb, als die Einwilligung ihres Beschützers, des Usongs. Sie war nicht schwer zu erhalten. Seine weise Güte sah nur auf das wahre Glück derer die er liebte; er fand keinen gültigen Einwurf wider des Crespo Ansuchen, und die Trauung sollte in der Stille vor sich gehen: aber ein tiefes Stillschweigen herrschte über die ganze Sache, da es im Morgenlande einer bescheidenen fräulein schon misfällt, auch nur genannt zu werden.

Die schöne Eudoxia besuchte einmal die tugendhafte Nuschirwani, als unvermutet Ismael in seiner geliebten Mutter Zimmer trat, bei welcher er eine jugendliche Bitte anzubringen hatte. Die fürstliche fräulein konnte nicht entweichen, sie war ohne Schleier, und in aller Freiheit, die der Besuch einer vertrauten Freundinn gibt. Ismael sah sie nur zu wohl, und fand an ihr eben die Reitze, die der griechische Fürst verehrte. Sie verliess zwar, sobald es ihr möglich war, das Zimmer der Kaiserstochter: aber ihre Augen hatten ihre unglückliche Macht schon ausgeübt. Ismael war mit aller der Lebhaftigkeit eines Jünglings, und mit der Heftigkeit eines Morgenländers entflammt, und sah kein Glück mehr vor sich, als in dem Besitze der schönen Griechinn.

Er konnte seine leidenschaft nicht bezwingen, und bat seine erlauchte Mutter um ihre Fürsprache beim Kaiser. Da er doch Persiens einziger Tronerbe wäre, da er nicht unvermählt bleiben würde, so hoffte er, man würde ihm die einzige Braut nicht versagen, bei welcher er glücklich zu sein hoffen könnte.

Nuschirwani liebte ihren Sohn, aber noch mehr die Tugend: sie hatte eben das zarte Gefühl der Gerechtigkeit, wodurch jener Kaiser so berühmt worden war, dessen Namen sie trug. Sie belehrete den feurigen Ismael über die wahren Umstände, und suchte ihn zu überzeugen, Eudoxia sei nicht mehr frei, und seine Liebe sei den Gesetzen entgegen. Er stiess die bittersten Klagen aus: und selbst die Verehrung seiner Mutter konnte ihn nicht verhindern, wider seinen Mitbuhler sich einige Worte zu erlauben, die heimliche Drohungen waren. Man vernahm auch von seinen Vertrauten, er hätte die heftigste leidenschaft geäussert, sobald er von seiner Mutter zurück in seine Zimmer gekommen wäre.

Nuschirwani hoffte, der grosse Usong würde den feurigen Fürsten besänftigen, und einem Ausbruche vorkommen, der dem Kaiser sehr unangenehm sein würde, ihm der die Mildigkeit selbst war, und in dessen erlauchtem haus noch niemals eine leidenschaft war bekannt worden, welche die Tugend hätte missbilligen können.

Usong liess den Erbfürsten von Persien vor sich kommen. Ismael, sagte der ehrwürdige Monarch, zweifelt an meiner Liebe nicht: er ist der einzige Zweck aller meiner arbeiten: alles, was ich für Persien tue, das tue ich für ihn, und in der Absicht, ihm ein ruhiges und glückliches Reich zu verlassen. Aber ich liebe den tugendhaften, den sich zu einem guten Herrscher bereitenden Ismael: einen ungerechten, einen gewalttätigen Ismael würde ich nicht lieben, auch nicht wenn er meiner Nuschirwani Sohn wäre.

Ismael ist nur zwei Schritte vom Trone entfernt, er wird in wenig Jahren selbst fühlen, wie schwer der Zepter ist. Dennoch ist es möglich, diese Last zu erleichtern. Wann Ismael mit dem Ruhme eines tugendhaften Fürsten den Tron besteigt, wann Persien von ihm sein Glück hoffen kann, so werden ihm alle Herzen entgegen gehen, und alle seine Befehle werden der Wille des Volkes sein.

Wie aber, wenn derjenige, der auf mich folgen soll, ein Fürst wäre, der seine Begierden der Gerechtigkeit vorzieht, der versprochene Bräute ihren Verlobten entreissen, und Bande trennen will, die keine Menschen mehr auflösen sollen? was wird Persien von Ismael erwarten, wann der junge Tieger an der Kette der väterlichen Gewalt schon raubet, schon seinem Grimme die noch zarten Klauen leihet? wer wird vor dem erschrecklichen Wütriche sicher sein, wenn ihn kein Gesetz, keine Ehrerbietung mehr einschränken wird?

Aber so unglücklich wird Ismael nicht sein: er wird für den Einfall eines Augenblickes die Ehre nicht verscherzen, ein tugendhafter Fürst zu sein: eine jugendliche Begierde wird nicht mehr auf ihn vermögen, als die Hoffnung einer glücklichen Regierung, der Beifall aller seiner Perser,