1771_Haller_032_5.txt

, das angebaute, das gelehrte, das weise China vor seinem verwilderten vaterland hatte. Er begriff, dass die Gemüter seiner Mongalen noch unverdorben, und eben so unschuldig waren, als die Hand der natur sie erschaffen hatte: er sah ein, dass bloss der Mangel an Einrichtungen, und an Wissenschaften, sie zu Barbaren machte, und dass sie alle Anlagen zu einem glücklichen volk hätten, wenn ein Gesetzgeber das viele Gute anzuwenden wüsste, das in diesen rohen Edelsteinen verborgen lag. Und dieser Guttäter meines volkes kann ich sein, sagte sein Herz, nicht mit Worten, aber mit der lebhaftesten Empfindung, die ohne Zeitfolge, und ohne Worte, die Sprache des Herzens ist.

Junger Fremdling, sagte der Unterkönig, du verlangest nach Weisheit, du sollst sie erlangen; du bist frei, und ich werde sorgen, dass du unterrichtet werdest.

Die Freigebigkeit des Unterkönigs erstreckte sich auch auf den getreuen Scherin; er erhielt seine Freiheit: auf dass dem beliebten Usong kein Wunsch übrig bleiben möchte. Dieser junge Fürst befliss sich unter den vortreflichen Meistern, die ihm der Zongtu gab, die Weisheit der alten Herrscher von China, sich nützlich zu machen; er fand in der Billigkeit dieser Fürsten, in ihrer Bemühung ihres Volkes Glück zu bewirken, in ihrer Entfernung von allem Eigennutze, in ihrem geist der Ordnung, einen Reiz, der sein Herz erhöhete. So hätte ich gedacht, das hätte ich getan, sagte Usong zu sich selber, ihn dünkte, nichts wäre schwer, was gut wäre. Er kannte die Schwierigkeit noch nicht, die ein Menschenfreund findet, wenn er Gutes tun will.

Ob ihn wohl die Sitten der Chinesen abhielten, die liebenswürdige Liosua zu sehen: so war sie doch die angenehmste Beschäftigung seines Herzens. Er fand tausend Mittel eine Art eines Zuganges zu ihr sich zu öffnen; und da alle ihre Dienerinnen in ihm den Retter einer angebeteten Fürstin liebten: so erleichterten sie willig seine Absichten. Bald fand er seltene Blumen in den Gebürgen, und blühende Nipponische Bäume in den Gärten der Grossen, und liess sie der fräulein zubringen; bald waren es die farbenreichsten Vögel, deren Fang einen teil seiner scytischen Auferziehung ausgemacht hatte; bald neue Gedichte, die er bei seinen Meistern abschrieb. Er vernahm ihren Geburtstag, der im Pallast ein fest war, und heftete heimlich an eine Spitzsäule in dem Garten des Fräuleins einige Verse an, worinn er das Glück der Ming10 beneidete, unter denen der Phönix gebohren wäre. Das fräulein lächelte, und nahm was von Usong kam, mit einer jugendlichen Unschuld freundschaftlich an.

Dennoch vergass er nicht, dass er ein Fürst, und gebohren war, für sein Volk zu sorgen. Er versäumte die Verhörstunden des Unterkönigs niemals: er bewunderte, wie die erfahrne Weisheit in den Rechtssachen den Knoten im Augenblick auflösete, der die Wahrheit umschlang, und den Schlüssel ausfündig machte, der aus dem Labyrinte führte. Er sah mit Vergnügen die Anstalten, mit welchen Liewang dem Mangel wehrte: er erkannte die Klugheit, mit welcher er die Rechte des Ackermanns in einem Gleichgewichte gegen den Vorteil des Bürgers hielt, und sowohl den Schweiss des bauern zu belohnen, als dem armen Handwerksmanne die Notdurft des Lebens in einem billigen Preise zu verschaffen wusste. Usong fühlte, dass er diese edelste der schulen nicht immer geniessen würde, und eilte sich mit dem Lichte aufzuklären, das die Einsicht des Unterkönigs von sich gab.

Aber der Fürst war zu jung, und zu feurig, als dass seine Liebe lang hätte verschwiegen bleiben können. Er hatte zwei Jahre zu Singan zugebracht, als endlich sein beständiges Bestreben dem fräulein gefällig zu werden, den ernstaftern unter ihren Frauen zu missfallen anfieng. Schon hatte er sich unterwunden, den eigenen Garten zu betreten, in welchem die Fürstin sich erlustigte, und der für ihn ein verbotenes Heiligtum war. Er erfand immer neue Anlässe, die seine Freiheit entschuldigen konnten. Unter den Blumen, die er ihr zutragen liess, waren öfters Verse verborgen, deren allgemeine Ausdrücke doch allemal Zeichen behielten, die nur der jungen Schönheit sich zueignen liessen, die er verehrete. Er liess Zeugnisse seiner Liebe im hellesten Feuer brennen; er weihete selbst die Stellen, die Liosua berührte, mit zärtlichen Sinnbildern ein.

Endlich hielten sich die Frauen verpflichtet, die Unbedachtsamkeit des Fremdlings dem Unterkönige anzuzeigen. Der weise Herr erwog, was die Sitten des Reichs und seine Eher erforderten, und dann, was Usongs liebenswürdige Eigenschaften, und glückliche Dienste, dagegen vermögen sollten. Er liess den Sohn des Timurtasch vor sich fordern, und sagte zu ihm: Jüngling, der Sohn der Schlange bewarb sich um die Tochter des Drachen; aber der Drache fragte ihn, wo sind deine Flügel? In dem Herzen des Fürsten hob sich auf einmal das Angedenken des Oguz und des Tschengis, die Herrlichkeit des Kublai,11 und die ganze Grösse seines Geschlechts empor; er antwortete mit gesetztem Anstande: der Sohn der Schlange hatte Flügel, aber man sah sie nicht. Diese Antwort misfiel dem ernstaften Herrn. Wenn der Fremdling deutlicher unterrichtet werden muss, so wird er sich erinnern, dass die Tochter der durchlauchtigen Ming nicht gebohren ist, unter einem scytischen Zelte zu wohnen. Usong wird sein Vergehen einsehen, und nicht, da er die gesetz und die Sitten des Reiches zu lernen hier wohnet, durch unerlaubte Triebe sich des Mittels berauben, weiser zu werden. Hastig fuhr der Jüngling bei diesem Verweise auf; er riss seine Oberkleider entzwei, und