liess also den Unterkönig in seinem Irrtum, und man hielt ihn für einen Mongalen, von einer weit entlegenen und besser gebildeten Horde. Man wies ihm seinen Aufentalt bei dem Gärtner des Pallastes an, wo er zugleich die fremden und seltenen Tiere zu besorgen hatte, die der Unterkönig vornemlich zum Zeitvertreibe seiner Tochter hielt.
Liosua war zehn Jahr alt, die einzige Tochter, und die einzige Lust, des weisen Vaters. Sie hatte ihre Mutter, eine fürstin aus dem kaiserlichen Stamme der Ming, sehr früh verloren. Liewang vereinigte nunmehr alle die Zärtlichkeit seines Herzens in der Liebe dieses angenehmen Kindes. Ihre Bildung war ausserordentlich schön, aber das Gemüt erfullte alle Wünsche des kennenden Vaters. Mildigkeit, Grossmut, und kindliche Liebe, waren mit dem schärfesten Witze, und mit den lebhaftesten Gaben des Verstandes, begleitet. Sie übte sich in den Wissenschaften des Reiches, und füllete ihr Gedächtniss mit den Lehren dir alten Weisen an, der Halbgötter, die zuerst unter den Menschen Ordnung und gesetz erfunden hatten8.
Die Flüchtlinge der geschlagenen Mongalen kamen indessen traurig zu dem Ulanischen Gebürge zurück, und aus der Beschreibung des verlornen Jünglings musste Timurtasch die unglückliche Gewissheit abnehmen, dass auch sein edler Sohn das Leben eingebüsset habe. Usong wusste kein Mittel, seinen Eltern seine Erhaltung einzuberichten: die Bekanntschaft mit einem Erben der Iwen wäre für ihn, und selbst für den Boten tödtlich gewesen. Der junge Fürst zwang sich unter sein Schicksal. Die angeborne Munterkeit seines Gemüts machte ihm den niedrigen Zustand erträglich, und seine Neugierigkeit fand eine angenehme Nahrung an den Blumen, und an den Tieren, die er zu warten hatte. Er blieb aber nicht lang in dieser demütigenden Beschäftigung.
Des Unterkönigs Pallast hatte hinter sich weit ausgedähnte Gärten liegen. Aus einem9 nahen Hügel quollen häufige wasser, die bald in Teiche gesammelt, seltenen Fischen, oder schön gefiederten Wasservögeln zum Aufentalte dieneten, und bald als schlänglichte Ströme durch die Waldung schlichen, die aus einer Verschiedenheit von Bäumen bald einzeln, bald in kleinen Klumpen, bald auch in Reihen gepflanzet waren. Ein Tal, umringt mit bewachsenen Hügeln, wurde von einem reinen Bache durchflossen, und endigte sich durch einen Felsen, den aber auch die Kunst aufgeführt hatte, und wodurch ein heimlicher gang, gekrümmt, zu einem zweiten Garten führte. Diesen beschloss ein Gebüsch, das unzugänglich schien, und dennoch einem Fusssteige offen war, der nach einem Tempel auf dem Hügel leitete.
Liosua hatte in dem nächsten Garten bei ihren Zimmern Goldfische, die sie aus ihrer Hand die speisen holen gelehrt hatte; ihre unschuldige Jugend fand ein Vergnügen, auch stumme Geschöpfe glücklich zu machen, die nicht danken konnten. Sie beschäftigte sich eben mit diesem Spiele ihrer Mildheit, als sie sich etwas zu niedrig bog; das fräulein stürzte in den Teich, und wurde plötzlich vom wasser verschlungen. Ihre Frauen schrien und eilten, wie die verstümmelten Füsse es dem Chinesischen Frauenzimmer zuliessen, dem unglücklichen Teiche zu; sie wären aber zu spät gekommen, wenn Usong nicht eiliger gewesen wäre.
Ihm, und allem was nicht weiblich war, war der Garten freilich verboten, der zu des Fräuleins Vergnügen war auserlesen worden. Aber in einem nahen Gebüsche war er eben beschäftigt, ein entkommenes Goldhun zu fangen, dessen glühende Farben es unter dem Laube verrieten, als er das Geschrei der ohnmächtigen Weiber vernahm. Sein Feuer liess ihm keine überlegung zu: er schwang sich über das Gitterwerk, warf sich in den Teich, und in einem Augenblicke war er mit der geretteten fürstin am land.
Sie war ohne Empfindung, und er musste sie umfassen, um sie in die Höhe zu heben. Er sah ihre schmachtenden halbgeschlossenen Augen, und eine unnachahmliche Anmut auf dem selbst im Schrecken milden Angesichte. Sie holte endlich einen Seufzer, indem er sie zu ermuntern suchte, und blickte ihren Retter mit einer Freundlichkeit an, in welche sich eine zärtliche Schattirung von Schamhaftigkeit mischte, und die blassen Wangen, mit einer schwachen Rosenfarbe übergoss. Usong übergab sie den frohlockenden Wärterinnen, und entfernte sich aufs eiligste, denn er kannte die Sitten des Reichs, und die strenge Eifersucht, mit welcher die gesetz über die Zucht des Frauenzimmers wachen.
Man brachte das fräulein in ihr Zimmer, und in die arme des liebenden Vaters. Liewang war ein Verehrer der Sitten, aber seine Seele war zu gross, als dass er die Uebertretung derselben an einem Fremden hätte rächen sollen, der sich in die offenbarste Gefahr gestürzet hatte, dasjenige zu retten, was dem Unterkönige das Leben erträglich machte. Er liess den Usong rufen. Junger Fremdling, sagte er, ich bin dir unendlich viel schuldig, wie kann ich dich belohnen?
Usong sah den Unterkönig mit dem edlen Anstand an, den eine erhabenere Geburt ihm gab, und bedachte sich einen Augenblick. Seinem lebhaften Gemüte stellte sich zugleich die Freiheit und das Vergnügen seiner Eltern, aber auch der Vorteil dar, in der Weisheit der Chinesen sich ausbilden zu lassen. Heimlich mischte sich auch das anmutvolle Bild der jungen Fürstin in seinen Entschluss, und gab den Ausschlag. Ehrwürdiger Herr, sagte er, ich bin ein Fremdling, ich kenne etwas von der Weisheit des Landes: aber ich bin jung, gönne mir, dass ich mich in den Gesetzen, in den Gebräuchen, und den Wissenschaften eines Reiches unterweisen lasse, das seit den ersten zeiten der Mittelpunkt der Ordnung und der öffentlichen Glückseligkeit ist.
Es war dem edlen Jünglinge nicht entgangen, wie viele Vorzüge das reiche, das bevölkerte