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wider die Feinde seiner Voreltern führte, gewöhnten seine Horden zu den Waffen; sie wurden die tapfersten unter allen den Stämmen, die den Enkeln des Tschengis gehorchten. Der Sieg belohnte ihren Mut, sie waren allen ihren Nachbarn fürchterlich, und die Zuversicht, die sie zu sich selber gefasst hatten, machte sie fast unüberwindlich.

Einmal hatte Timurtasch einen Einfall gegen Westen getan; er war mit einer auserlesenen Reuterei bis an den See Zila gekommen: als er von einem sanften Hügel ein grosses Begleit von Tibetern herunterkommen sah, das mit einer in diesen Wüsten ungewöhnlichen Pracht gegen Lassa seinen Weg nahm. Auf einen Elephanten war ein glänzender Tron gesetzt, und mit seidenen Vorhängen war die person bedeckt, die diesen königlichen Sitz einnahm. Eine Anzahl bemalter Wagen schien mit Frauenzimmer besetzt zu sein; andere Fuhrwerke führten Kostbarkeiten und fürstliches Geräte; viele Fahnen zierten diesen Aufzug, und selbst die Gewaffneten, die ihn bedeckten, waren weit kostbarer bekleidet, als sonst die Untertanen des Dalai Lama sind.

Wie ein Falk, der auf den erschrockenen Reiger stösst, stürzte Timurtasch unter die Völker des Priesters. Sie flohen, und hinterliessen die unschätzbare Beute dem Ueberwinder.

Der Fürst näherte sich dem Elephanten, begierig seine Beute näher zu kennen. Die Vorhänge wurden geöfnet; eine Schöne im königlichen Schmucke zeigte sich, und rief in einer unbekannten Sprache den Sieger um Verschonung an. Timurtasch hatte nie geliebt, er hatte auch unter seinen mongalischen Frauen keine Gestalt gesehen, die ihn hätte reitzen können. Die gefangene fürstin war von einer Schönheit, dagegen alles ungestalt schien, was Timurtasch gesehen hatte. Sie hatte die schlanke Gestalt, die erhabenen Augenbraunen, die grossen und funkelnden Augen, und die edlen Züge einer Einwohnerinn von Kaschmir: sie war aber eben so sehr über die Schönen ihres Landes durch ihre eigenen Reitze erhoben, als sie es durch die Geburt war; denn sie war eine Tochter des Königes dieses glücklichen Landes, die man Dalai Lama3, einem neulich vergötterten Jünglinge, als Braut zuführte.

Timurtasch fühlte Bewegungen im Herzen, die ihm neu waren. Sein Herz hatte nichts empfunden, als das Wallen eines Siegers, und das rohe Vergnügen, das eine gesättigte Rache gibt. Auf einmal fühlte er, dass grössere Vergnügungen sein konnten; er hoffete nunmehr von der Liebe unendlich mehr Glückseligkeit, als er vom Ruhme und von der Rache genossen hatte. Er begegnete der fürstin, mit der Höflichkeit, die aus dem Herzen quillt, und die an keine Sitten und an keine Gewohnheiten gebunden ist. Seine Augen und seine Geberden sagten ihr, sie habe nichts von ihm zu besorgen, und würde bei den Mongalen eben die Verehrung antreffen, die sie in Lassa hätte hoffen können. Er entliess den grössten teil ihres Gefolges, und nahm nur diejenigen von ihren Frauen mit sich, die die fürstin selber wählte. Er brachte sie auf ein flüchtiges Pferd, und eilte mit ihr dem Gebürge zu.

Die ganze Horde betete den siegreichen Timurtasch an, und jedermann bestrebte sich der schönen Gefangenen seine Ehrerbietung zu beweisen, da des Fürsten Liebe für dieselbe kein geheimnis war. Sie lernte die Sprache dir Mongalen von ihrem Liebhaber; er war noch jung, und obwohl seine Züge die Kennzeichen eines Mongalen trugen, so gab doch seine muntere Seele seiner ganzen person ein Leben und eine Würde. Die Fürstinnen im Morgenland sind gewohnt, sich demjenigen zu ergeben, dem sie das Schicksal zuführt; sie sind niemals in den Umständen, dass sie Vergleichungen anstellen, und eine Wahl sich erlauben können. Scheheristani, so hiess die Königstochter von Kaschmir, liess sich die ungekünstelten Liebesbezeugungen ihres Siegers gefallen, und wurde seine gemahlin.

Timurtasch hatte nunmehr die Tibeter aufs heftigste beleidiget; er verdoppelte seine Einfälle wider ein Volk, von dem er die bitterste Rache zu befürchten hatte, und sein ganzes Leben war eine Reihe kleiner Siege. Seine schöne gemahlin kam mit einem Fürsten nieder, der ihr Ebenbild war. Er hatte nichts vom Mongalen, als die dauerhafte Stärke eines unermüdlichen Leibes: sonst war sein Wuchs ungewöhnlich, und zog ihm den Namen des langen4 zu; seine Augen, seine Züge, seine Farbe, glichen seiner liebenswürdigen Mutter, und der Adel seiner Seele leuchtete aus seiner ganzen Bildung, und aus allen seinen Geberden hervor.

Sein Vater zog ihn selbst zu den Uebungen eines scytischen Fürsten. Niemand unter den Mongalen schoss gewisser, niemand zähmte ein feuriges Pferd mit mehrerm Mute, niemand rang mit grösserer Geschicklichkeit, und niemand widerstund den kühlen Wellen des Kokonors im Schwimmen beständiger. Er folgte mit Entzücken seinem Vater, wenn er den fürchterlichen Tieger im Dickicht reizte, und sein ganzes Heer wallete, wann die Lanze des Timurtaschs dem Ungeheuer durchs Herz drang. Usong, so hiess der junge Sohn der Scheheristani, gewöhnte den Schongar5 zum Raube, er dauerte in seiner ersten Jugend auf der Jagd unermüdet aus, und lachte der Gefahr und der Mühe entgegen.

Timurtasch hatte unter seinen Angehörigen noch einige Enkel der getreuen Chinesen, die der unrechtmässigen Gewalt des Ming sich nicht hatten unterwerfen wollen, und die lieber im Unglücke die gefährten der flüchtigen Iwen geblieben waren. Ein weiser Mann aus diesem Geschlechte, der des Kongfuzee6 Lehren eben sowohl ausübte, als wohl er sie im Gedächtnisse besass, wurde gewählt, das Gemüt des jungen Fürsten zu bilden. Begierig sog Usong die Lehren ein, die mit seinen edlen Neigungen übereinkamen; er fand in seiner natur selbst, dass gerecht, dass gütig, dass grossmütig sein denjenigen glücklich machte, der es wäre