1771_Haller_032_18.txt

: denn so hiess er ihn, und hierzu bediente er sich mehrenteils der Männer, deren Rechtschaffenheit er in Mesopotamien erfahren hatte. Ihr Befehl war, des Volkes Huldigung anzunehmen, und ihm anzusagen, der Kaiser würde bis zum ersten Naurus2 die Steuern einrichten und ausschreiben lassen, die der Glanz des Trones und die Bedürfnisse des Reiches erforderten; indessen erwartete er von einem jeden Perser eine freiwillige Steuer, die aber derselbe nach seinen Mitteln berechnen, und dabei sich allemal die Notdurft seines Hauses vorbehalten sollte.

Ganz Persien wurde über die Mildigkeit des neuen Beherrschers gerührt, und die Steuer übertraf, was Usong gefordert haben würde, wenn er sie selber ausgeschrieben hätte.

Hierbei hatten die Abgesandten Befehl, dass ein jeder in seiner Provinz sich erkundigen sollte, wer an jedem Ort für redlich, für fähig, für tugendhaft angesehen würde. Die Männer sollten sie vor sich kommen lassen, ihre Gaben prüfen, nach ihrer Rechtschaffenheit sich immer sorgfältiger erkundigen, und aus denselben einen Vorschlag zu obrigkeitlichen Aemtern, und zu Richtern machen, so dass dem Kaiser zu jeder Stelle eine Wahl von drei Männern, und die Gründe zum Vorschlag eines jeden vorgetragen würden. Diese Wahl sollten sie bereit halten, wann der Kaiser das Land durchreisen würde, auf dass die Vorgeschlagenen sich vor ihm stellen möchten.

Usong verhielt den Abgesandten nicht, er würde es keinem vergeben, der ihn betröge, und keiner würde sein Angesicht wieder sehen, der ihm einen untugendhaften oder einen untüchtigen Mann vorschlüge; oder von dem der Kaiser ausfinden würde, dass er sich durch Gaben hätte gewinnen lassen.

Der Kaiser trat seine Reise etliche Monate vor dem Naurus an: er durchzog alle fünfzehn Landschaften seines weiten Reichs, er hielt sich in allen Hauptstädten einige Tage auf, er nahm alle Bittschriften an, liess sich die Bedürfnisse des Landes vortragen, und prüfte selber die zu den Aemtern vorgeschlagenen Männer, von denen er für ein Jahr denjenigen erwählte, der in seinen Reden am meisten Weisheit, und die lebhaftesten Empfindungen zur Tugend gezeigt hatte. Alle Vorgeschlagene wurden in die Bücher der Würdigen eingetragen, und alle Jahre mussten die Abgesandten eingeben, was für Verdienste, und was für Mängel, sie an einem jeden wahrgenommen hatten, und mit wem sie ihre Zahl zu vermehren Gründe fänden.

Usong fand die meisten Städte verfallen, viele Dörfer verlassen, und die Wasserleitungen eingegangen3, ohne die Persien eine dürre Wüste ist: Das sind die Früchte, sagte er seufzend zum Dschuneid, der untüchtigen Herrscher, die ihre Untertanen nicht geliebt haben. Eiligst liess er die Wassergräben räumen und aufgraben: er setzte Preise auf das Ausfinden neuer oder eingegangener Quellen: er liess tausende von Schafen und Ochsen von seinen Freunden den Kurden einkaufen, und lieh sie den mangelnden Untertanen ohne Zinse, so dass sie nach drei Jahren solche an die Krone zu bezahlen anfangen sollten, und noch drei Jahre von dieser Schuld sich frei zu machen übrig behielten. Er befahl von den Flüssen des inneren Persiens das wasser durch woleingerichtete Gräben und Schleussen in die dürre Fläche zu leiten. Andre Preise setzte er auf fruchtbare Bäume, und zumal auf den Pflegvater der Seidenwürmer, den Maulbeerbaum, und versprach sie demjenigen, der am meisten von diesen Bäumen pflanzen wurde, halb im ersten Jahre, und die andre Hälfte für die Zahl reichen zu lassen, die nach drei Jahren übrig bleiben würde.

Zum Wiederherstellen der schadhaften Häuser bot er eine Beisteuer an. Die verabsäumten Landstrassen und Brücken sollten, wiewol erst in mehrern Jahren, alle in den besten Stand gesetzt werden, wozu die Krone zwei Drittel beizutragen versprach, und das Land die Arbeit für den letzten Drittel tun sollte. Er versprach eine jede Provinz öfters zu besuchen, und der wird mein Freund sein, sagte er, der seinen Acker am besten baut, und die meisten wolerzogenen Kinder dem staat schenkt.

Ueberall berief er die Künstler und die Handelsleute; er ermunterte sie, ihm anzuzeigen, was Kunst und natur an jedem Orte hervorbrächten, was beide mehrers hervorbringen könnten, was die Lage und die Eigenschaften jeder Gegend für Waaren am leichtesten und wolfeilsten zu zeugen versprächen: und die Mittel, wodurch diese Früchte des Fleisses, und der göttlichen Güte, verbessert und vermehret werden könnten. Alle Vorschläge wurden aufgezeichnet, und mit Verschweigung der Angeber andrer Verständigen Anmerkungen über einen jeden eingeholt. Persien ist arm, sagte Usong, aber es hat die Wurzeln zum Reichtum in sich selber.

Die Steuern schienen ihm die eilfertigste der Einrichtungen zu sein, die er zu machen hatte. Er erinnerte sich der Pachten, die bei den Osmannen im Gebrauche waren, und der Verwaltung, die er in China gesehen hatte. Er fand unter seinen Räten einige, die zu den Pachten rieten. Ein kleiner Staat, sagten sie, kan die Kammersachen verwalten, der Fürst kan die Rechnungen durchsehen, und den Unterschleif verhüten. Aber in einem unermessenen Kaisertume, wie Persien, ist keine Wachsamkeit des Fürsten zureichend, zu hindern, dass das Gold der Untertanen an den Händen gieriger Steuereinnehmer klebe: und wenn der Geiz sie nicht zu einer tätigen Besorgung ihrer Pflichten aufweckt, so entzieht ihre Saumseligkeit dem Fürsten die Hälfte seiner Einkünfte. Durch Pachten kan der Kaiser auf einmal die Einnahme seines weiten Reiches übersehen, und auch den Klagen der Untertanen vorkommen, wenn er die Pachten auf kurze Zeit hingiebt, und die Strafe der Abänderung auf alle Erpressungen legt.

Usong hatte in China gelernt, dass der Kaiser der Vater seines Volkes ist, und sein Herz fühlte diese Pflicht