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Grenzen entfernt zu halten. Venedig schickte dem tapfern Castrioten die verlangte hülfe, und Usong konnte der Begierde nicht widerstehen, einem Helden zu dienen, der eben so grosse Taten wirklich vollbracht hatte, als die Poeten erdichtet haben.

Der Feldzug war lebhaft, und Georgs tapfere Faust vernichtete alle Vorteile, die die Menge und die Erfahrung den Osmannen gab. Zwei junge Venetianer, die nicht sowohl Usongs Freigebigkeit, als der Reiz seiner Sitten gewonnen hatte, begleiteten ihn, und waren mit dem getreuen Scherin nachwerts die gefährten seiner Reisen, und seiner Taten. Usong folgte mit allem Feuer der Jugend dem Fürsten von Empirus ins dickste des Gefechtes, und fühlte, nicht ohne Vergnügen, sein Herz am höchsten schlagen, wann der Tod auf allen Seiten auf ihn drang. Einmal stürmte er auf den Sultan selbst mit einer Heftigkeit zu, die auch von den tapfern Albaniern nicht nachgeahmet werden konnte; er wurde umringt, und würde unter den Augen des Sultans sein Leben eingebüsst haben, winn dieser Herr nicht eben so gütig gewesen wäre, als sieghaft er war.

Zum zweitenmale hielt die Tapferkeit und die ausnehmende Bildung des Tschengiden24 das tödliche Schwerdt zurück, das über seinem kopf schwebte. Morad befahl, man sollte den Jüngling schonen. Nach dem Treffen liess er ihn vor sich bringen, und fragte ihn, warum er eines Sultans Feind wäre, der einen Aufrührer zu bestrafen sich gewaffnet hätte: denn Usongs Züge verrieten gleich, dass er nicht in Europa gebohren war.

Der Fürst bückte sich ehrerbietig; ich bin an den äussersten grenzen des Morgens gebohren, ich reisete nach dem letzten Abende, Tugend und Tapferkeit zu lernen, und beides hab ich bei meinem Ueberwinder gefunden.

Morad, dessen Herz so mild, als unerschrocken sein Mut war, lächelte gegen den Jüngling, und fragte ihn, ob er denn einem Fürsten nicht dienen wollte, an dem er gute Eigenschaften erkennte. Usong gestund freimütig, er habe zu Venedig die grossmütigste Begegnung erfahren, und würde sich entehren, wenn er seinen Degen wider seine Freunde zöge.

Nun so sollst du doch auch den Osmannen nicht gefährlich sein. Ich werde dich wieder nach Morgenland schicken, mich dünkt, fuhr Morad lächelnd fort, du hast den Krieg gelernt.

Der Sultan25 liess für ihn seine Güter beim Feldherrn der Venediger abfordern, und befahl ihn nach Escander26 einzuschiffen, den Hafen von welchem er durch Halep nach Persien sich begeben sollte.

Usong hätte gern mehrere Staaten in Europa gesehen, und die Verfassung der Reiche sich bekannt gemacht, die von Königen beherrschet wurden.

Aber er unterzog sich seinem Schicksale. Scherin brachte ihm seine Schätze, und beide kamen über Escander in dem volkreichen Halep an, das sich stuffenweise auf seinen Hügeln erhebt.

Usong hatte in der kurzen Zeit, die er in Morads Lager und bei den Osmannen zubrachte, auf die zunehmende Grösse dieses fürchterlichen Reiches seine Aufmerksamkeit gerichtet. Unter sechs Fürsten waren die Türken aus einem unbekannten volk zu Herrschern von klein Asien, und von dem östlichen Teile von Europa geworden. Vieles hatte dazu die innere Grösse ihrer Sultanen beigetragen, die fast alle tapfere und unermüdete Feldherren gewesen waren. Morad übertraf alle seine Vorgänger an den Vorzügen der Seele. Er war in der Brust der mildeste, der grossmütigste der Menschen, und er sass auf dem Trone wider die geheimen Wünsche seines nach Ruhe strebenden Herzens. Morad war ein aufrichtiger Anbeter Gottes: zweimal trat er vom Trone, um sich ganz den Pflichten der Religion zu weihen, zweimal zwang ihn der vereinigte Ruf der Osmannen, sich wieder an die Spitze der Völker zu stellen, weil sie keinen Sieg hofften, wenn Morad sie nicht anführte. Morad besass den kühlen Mut, der mitten in den Gefahren sich besitzt, und nicht nur fähig ist, eine Schaar ins Feuer der Schlacht zu führen, sondern ein ganzes Heer beständig in seinen Augen zu behalten vermag, der jedes Treffen allgegenwärtig zu lenken, sich aller Vorteile zu bedienen, und allen Gefahren die besten Anstalten entgegen zu setzen weiss.

Die Sultanen lebten beständig bei dem Heere, sie kannten keine von den Süssigkeiten des Harems27, worinn andere morgenländische Fürsten ihre Glückseligkeit suchten. Die Osmannen verehrten in ihren Fürsten nicht nur ihre Erbherren, sondern vornemlich auch die tapfersten und die geübtesten Befehlshaber unter ihrem kriegerischen volk. Jeder Sultan hatte seine Söhne bei sich im Lager auferzogen, und von der ersten Jugend an, sie wie junge Löwen, zum Streite und zum Siege angeführt.

Aber noch fürchterlicher schien dem nachdenkenden Usong die Einrichtung der Jenjitscheri28. Man las die stärksten, die muntersten Jünglinge aus; man übte sie unaufhörlich in den Waffen; sie wurden vom Ehestand, von allen arbeiten des bürgerlichen Lebens ausgeschlossen, und auch im Frieden waren ihre Kammern nur grössere Zelten. Sie hatten schon durch wiederholte Siege den Stolz angenommen, der wiederum zu Siegen führt. Sie hielten sich für unüberwindlich, und eben deswegen konnte ihnen niemand widerstehen. Unter den damaligen Völkern waren sie im Gebrauche des noch neuen Geschützes die geübtesten, und man konnte kein Fussvolk finden, das wider sie zu stehen vermochte. Bei allem dem angebohrnen Mute der abendländischen Völker, konnten sie den grimmigen Anfall der Jenjitscheri nicht ausstehen, weil diese einzig unter allen Kriegern beständig in der Uebung der Waffen blieben, und nicht, wie die europäischen Völker, geworben und abgedankt wurden, sondern unter den Fahnen ihr Leben ununterbrochen zubrachten. Der ausserordentliche Mut eines Castrioten, und die unzählbare Menge der timurischen Reuter, konnten den Osmannen einen Sieg abringen: aber in