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, welche vielleicht nur eine Danae ertragen konnte, dass eine lebhafte Erinnerung an die zeiten seiner ersten Liebe, zugleich mit der Vorstellung aller der seltsamen Zufälle, Veränderungen und Catastrophen, die er in einem Alter von fünf und zwanzig Jahren bereits erfahren habe, ihn auf eine Reihe melancholischer Gedanken gebracht, worin er Mühe gehabt habe, seine gegenwärtige Glückseligkeit für etwas würkliches, und nicht für ein abermaliges Blendwerk seiner Phantasie, zu halten. Eben das Übermass derselben, sagte er, eben dies ist es, was mich besorgen machte, jemals aus einem so schönen Traum aufzuwachen. – – Kannst du mich verdenken, liebenswürdige Danae, o du, die durch die Reizungen deines Geistes, auch ohne diese Liebeatmende Gestalt, ohne diese Schönheit, deren Anschauen himmlische Wesen dir gegenüber anzufesseln vermögend wäre, durch die blosse Schönheit deiner Seele, und den magischen Reiz eines Geistes, der alle Vorzüge, alle Gaben, alle Grazien in sich vereinigt, meinen Geist aus dem Himmel selbst zu dir herunterziehen würdest. – – Könntest du mich verdenken, dass ich, vor dem Gedanken, deine Liebe jemals verlieren zu können, wie vor der Vernichtung meines ganzen Wesens, erzittre? – – Lass mich, lass mich die Gewissheit, dass es nie geschehen werde, dass es unmöglich sei, immer in deinen Augen lesen, immer von deinen Lippen hören, und in deinen Armen fühlen; und wenn diese vergötternde Bezauberung jemals aufhören soll, so nimm, im letzten Augenblick, alle deine Macht zusammen, und lass mich vor Entzückung und Liebe zu deinen Füssen sterben. – –

Von der Antwort, womit Danae diese Ergiessungen einer glühenden Zärtlichkeit erwiderte, lässt sich das Wenigste mit Worten ausdrücken; und dieses kann sich, nach allem, was wir bereits von ihren Gesinnungen für unsern Helden gesagt haben, der kaltsinnigste von unsern Lesern so gut vorstellen, als wir es ihm sagen könnten – – oder sich's auch nicht vorstellen, wenn es ihm beliebt. Dass sie ihm übrigens sehr höflich für die Erzählung seiner geschichte gedankt, und eine ungemeine Freude darüber empfunden habe, in diesem Sclaven, der die Alcibiaden und den liebenswürdigen Cyrus selbst aus ihrem Herzen ausgelöscht hatte, den ruhmvollen Agaton, den Mann, den das Gerüchte zum Wunder seiner Zeit gemacht hatte, zu finden; und dass sie ihm hierüber viel schönes gesagt haben werde- – verstehet sich von selbst. Dieses und alles, was eine jede andere, die keine Danae gewesen wäre, in den vorliegenden Umständen auch gesagt hätte, wollen wir, nebst allen den feinen Anmerkungen und Scherzen, wodurch sie in gewissen Stellen seine Erzählung unterbrochen hatte, überhüpfen, um zu andern Dingen, die in ihrem Gemüte vorgingen, zu kommen, welche der grösseste teil unserer Leserinnen (wir besorgen es, oder hoffen es vielmehr,) nicht aus sich selbst erraten hätte, und welche wichtig genug sind, ein eigenes Capitel zu verdienen.

Neuntes Capitel

Ein starker Schritt zur Entzauberung unsers Helden

Die vertrauliche Erzählung, welche Agaton seiner zärtlichen Freundin von seinem ganzen Lebens-Lauf gemacht; die Offenherzigkeit, womit er ihr die innersten Triebfedern seiner Seele aufgedeckt; und die vollständige Kenntnis, welche sie dadurch von einem Liebhaber erhalten hatte, an dessen Erhaltung ihr so viel gelegen war; liessen sie gar bald einsehen, dass sie vielleicht mehr Ursache habe, über die Beständigkeit seiner Liebe beunruhigt zu sein, als er über die Dauer der ihrigen. So schmeichelhaft es für ihre Eitelkeit war, von einem Agaton geliebt zu sein; so hätte sie doch für die Ruhe ihres Herzens lieber gewollt, dass er keine so schimmernde Rolle in der Welt gespielt hätte. Sie besorgte nicht unbillig, dass es schwer sein würde, einen jungen Helden, der durch so seltene Talente und Tugenden zu den edelsten Auftritten des geschäftigen Lebensbestimmt schien, immer in den Blumen-Fesseln der Liebe und eines wollüstigen Müssiggangs gefangen zu halten. Nun schien zwar die Art seiner Erziehung, der sonderbare Schwung, den seine Einbildungs-Kraft dadurch erhalten, seine herrschende Neigung zur Unabhängigkeit und Ruhe des speculativen Lebens, welche durch die Streiche, die ihm das Glück in einer so grossen Jugend bereits gespielt, eine neue Stärke bekommen hatte; und der Hang zum Vergnügen, welcher, im Gleichmass mit der ausserordentlichen Empfindlichkeit seines Herzens, die Ruhm-Begierde und die Ambition bei ihm nur zu subalternen Leidenschaften machte – – alles dieses schien ihr zwar in dem Vorhaben, ihn der Welt zu rauben, und für sich selbst zu behalten, nicht wenig beförderlich zu sein; aber eben diese schwärmerische EinbildungsKraft, eben diese Lebhaftigkeit der Empfindungen schienen ihr, auf einer andern Seite betrachtet, mit einer gewissen natürlichen Unbeständigkeit verbunden zu sein, von welcher sie alles zu befürchten hätte. Konnte sie, mit aller Eitelkeit, wozu sie das Bewusstsein ihrer selbst und der allgemeine Beifall berechtigte, sich selbst bereden, dass sie diese idealische Vollkommenheit wirklich besitze, welche die bezauberten Augen ihres entusiastischen Liebhabers an ihr sahen? Und da nicht sie selbst, sondern diese idealische Vollkommenheit der eigentliche Gegenstand seiner Liebe war, auf was für einen unsichern Grund beruhete also eine Hoffnung, welche voraussetzte, dass die Bezauberung immer dauern werde?

Diese letzte Betrachtung machte sie zittern; – – denn sie fühlte mit einer immer zunehmenden Stärke, dass Agaton zu ihrer Glückseligkeit unentbehrlich geworden war. – – Aber (so ist die betrügliche natur des menschlichen Herzens!) eben darum, weil der Verlust ihres Liebhabers sie elend gemacht haben würde, hatten alle Vorstellungen