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der die überhimmlischen Räume erfüllet, plötzlich in den Schlamm des groben irdischen Stoffes heruntergestürzt worden ist. Die Menge der neuen Gegenstände, welche von allen Seiten auf mich eindrang, verschlang die Erinnerung derjenigen, welche mich so viele Jahre umgeben hatten; und zuletzt hatte ich fast Mühe, mich selbst zu überreden, dass ich eben derjenige sei, der im Tempel zu Delphi den Fremden die Merkwürdigkeiten des selben gewiesen und erklärt hatte. So gar das Andenken meiner geliebten Psyche wurde eine Zeit lang von diesem Nebel, der meine Seele umzog, verdunkelt, allein dieses dauerte nur so lange, bis ich des neuen Elements, worin ich jetzt lebte, gewohnt worden war; denn da vermisste ich ihre Gegenwart desto lebhafter wieder, je grösser das Leere war, welches die Beschäftigungen und selbst die Ergötzungen meiner neuen Lebensart in meinem Herzen liessen. Die Schauspiele, die Gastmähler, die Tänze, die Musikübungen, konnten mir jene seligen Nächte nicht ersetzen, die ich in den Entzückungen einer zauberischen Schwärmerei, an ihrer Seite zugebracht hatte. Aber, so gross auch meine sehnsucht nach diesen verlornen Freuden war, so beunruhigte mich doch die Vorstellung des unglücklichen Zustands noch weit mehr, worein die rachbegierige Eifersucht der Pytia sie vermutlich versetzt hatte. Den Ort ihres Aufentalts ausfündig zu machen, schien beinahe eine Unmöglichkeit; denn entweder hatte die Priesterin sie (fern genug von Delphi, um uns alle Hoffnung des Wiedersehens zu benehmen,) verkaufen, oder gar an irgend einer entlegnen barbarischen Küste ausetzen und dem Zufall Preis geben lassen. Allein da der Liebe nichts unmöglich ist, so gab ich auch die Hoffnung nicht auf, meine Psyche wieder zu bekommen. Ich belud alle meine Freunde, alle Fremden, die nach Aten kamen, alle Kaufleute, Reisende und Seefahrer mit dem Auftrag, sich allentalben, wohin sie kämen, nach ihr zu erkundigen; und damit sie weniger verfehlt werden könnte, liess ich eine unzählige Menge Copeien ihres Bildnisses machen, das ich selbst, oder vielmehr der Gott der Liebe mit meiner Hand in der vollkommensten Ähnlichkeit, nach dem gegenwärtigen Original, gezeichnet hatte, da wir noch in Delphi waren; und diese Copeien teilte ich unter alle diejenigen aus, welche ich durch Verheissung grosser Belohnungen, anzureizen suchte, sich für ihre Entdeckung Mühe zu gehen. Ich gestehe dir so gar, dass das Verlangen meine Psyche wieder zu finden, (anfänglich wenigstens) der hauptsächlichste Bewen suchte. Denn, nachdem mir alle andre Mittel fehlgeschlagen hatten, schien mir kein andres übrig zu bleiben, als meinen Namen so bekannt zumachen, dass er ihr zu Ohren kommen müsste; sie möchte auch sein, wo sie wollte. Dieser Weg war in der Tat etwas weitläufig; und ich hätte zwanzig Jahre in einem fort grössere Taten tun können, als Hercules und Teseus, ohne dass die Hyrcanier, die Massageten, die Hibernier, oder die Lästrigonen, in deren hände sie inzwischen hätte geraten können, mehr von mir gewusst hätten, als die Einwohner des Mondes. Zu gutem Glück fand der SchutzGeist unsrer Liebe einen kürzern Weg, uns zusammenzubringen; aber in der Tat nur, um uns gelegenheit zu geben, auf ewig von einander Abscheid zu nehmen. – – – –

Hier fuhr Agaton fort, der schönen Danae die begebenheiten zu erzählen, die ihm auf seiner Wanderschaft bis auf die Stunde, da er mit ihr bekannt wurde, zugestossen, und wovon wir dem geneigten Leser bereits im ersten und zweiten buch dieser geschichte Rechenschaft gegeben haben; und nachdem er sich auf Unkosten des weisen Hippias ein wenig lustig gemacht, entdeckte er seiner schönen Freundin (welche seine ganze Erzählung nirgends weniger langweilig fand, als an dieser Stelle,) alles, was von dem ersten Augenblick an, da er sie gesehen, in seinem Herzen vorgegangen war. Er überredete sie mit eben der Aufrichtigkeit, womit er es zu empfinden glaubte, dass sie allein dazu gemacht gewesen sei, seine Begriffe von idealischen Vollkommenheiten und einem überirdischen Grade von Glückseligkeit zu realisieren; dass er, seit dem er sie liebe, und von ihr geliebet sei, ohne seiner ehemaligen Denkungs-Art ungetreu zu werden, von dem, was darin übertrieben und schimärisch gewesen, bloss dadurch zurückgekommen sei, weil er bei ihr alles dasjenige gefunden, wovon er sich vorher, nur in der höchsten Begeisterung einer EinbildungsKraft einige unvollkommene Schatten-Begriffe habe machen können; und weil es natürlich sei, dass die Einbildungs-Kraft, als der Sitz der Schwärmerei zu würken aufhöre, so bald der Seele nichts zu tun übrig, als anzuschauen und zu geniessen. Mit einem Wort: Agaton hatte vielleicht in seinem Leben nie so sehr geschwärmt, als jetzt, da er sich in dem höchsten Grade der verliebten Betörung einbildete, dass er alles das, was er der leichtgläubigen Danae vorsagte, eben so gewiss und unmittelbar sehe und fühle, als er ihre schönen, von dem ganzen Geist der Liebe und von aller seiner berauschenden Wollust trunknen Augen auf ihn geheftet sah, oder das klopfen ihres Herzens unter seinen verirrenden Lippen fühlte. Er endigte damit, dass er ihr aus seiner ganzen Erzählung begreiflich gemacht zu haben glaube, warum es, nachdem er schon so oft bald von den Menschen, bald vom Glückke, bald von seinen eigenen Einbildungen betrogen worden, entsetzlich für ihn sein würde, wenn er jemals sich in der Hoffnung betrogen fände, so vollkommen und beständig von ihr geliebt zu werden, als es zu seiner Glückseligkeit nötig sei. Er gestund ihr mit einer Offenherzigkeit