wenigen noch übriggebliebenen Freunde, gegen alle Bitterkeiten meines widrigen Schicksals unempfindlich machte; und dieses ging zuletzt so weit, dass ich nach dem Tage meiner Verurteilung ganz ungeduldig wurde.
Allein eben diese Denkart, welche mir so viel Gleichgültigkeit gegen den Verlust meines Ansehens und Vermögens gab, machte, dass ich das Betragen der Atenienser in einem moralischen Gesichtspunct ansah, aus welchem es mir Abscheu und Ekel erweckte. Meine Freunde schienen mir durch die Leidenschaften, von denen sie getrieben wurden, einigermassen entschuldiget zu sein: Aber das Volk, welches bei meinem Umsturz nichts gewann, welches so viele Ursachen hatte, mich zu lieben, welches mich wirklich so sehr geliebt hatte, und jetzt durch eine blosse Folge seiner Unbeständigkeit und Schwachheit, ohne selbst recht zu wissen, warum, sich dummer Weise zum Werkzeug fremder Leidenschaften und Absichten machen liess; dieses Volk wurde mir so verächtlich, dass ich kein Vergnügen mehr an den Gedanken fand, ihm Gutes getan zu haben. Diese Atenienser, die auf ihre Vorzüge vor allen andern Nationen der Welt so eitel waren, stellten sich meiner beleidigten Eigenliebe, als ein abschätziger Haufen blöder Toren dar, die sich von einer kleinen Rotte verschmitzter Spitzbuben bereden liessen, weiss für schwarz anzusehen; die bei aller Feinheit ihres Geschmacks, wenn es darauf ankam, über die Versification eines Trinklieds, oder die Füsse einer Tänzerin zu urteilen, weder Kenntnis noch Empfindung von Tugend und wahrem Verdienst hatten; die bei der heftigsten Eifersucht über ihre Freiheit, niemals grössere Sclaven waren, als wenn sie ihr schimärisches Palladium am tapfersten behauptet haben; die sich jederzeit der Führung ihrer übelgesinntesten Schmeichler mit dem blindesten Vertrauen überlassen, und nur in ihre tugendhaftesten Mitbürger, in ihre zuverlässigsten Freunde, das grösseste Misstrauen gesetzt hatten. Sie verdienen es, sagte ich zu mir selbst, dass sie betrogen werden; aber diesen Triumph sollen sie nicht haben, zu erleben, dass Agaton sich vor ihnen demütige. Sie sollen fühlen, was für ein Unterschied zwischen ihm und ihnen ist; sie sollen fühlen, dass er nur desto grösser ist, wenn sie ihm alle diese kindischen Zieraten von Flittergold, womit sie ihn, wie Kinder, eine auf kurze Zeit geliebte Puppe, umhängt haben wieder abnehmen; und eine zu späte Rene soll sie vielleicht in kurzem lehren, dass Agaton ihrer leichter, als sie des Agatons entbehren können. Du siehest, schöne Danae, dass ich mich nicht scheue, dir auch meine Schwachheiten zu gestehen. Dieser Stolz, der zu einer desto riesenmässigern Gestalt aufschwoll, je mehr mich die Atenienser zu Boden drücken wollten, hatte ohne Zweifel einen guten teil von eben der Eitelkeit in sich, welche ich ihnen zum Verbrechen machte; aber vielleicht gehört er auch unter die Triebfedern, womit die natur edle Gemüter versehen hat, um dem Druck widerwärtiger Zufälle mit gleich starker Reaction zu widerstehen, und sich dadurch in ihrer eigenen Gestalt und Grösse zu erhalten. Die Atenienser rühmten ehmals meine Bescheidenheit und Mässigung zu einer Zeit, da sie alles taten, was mich diese Tugenden verlieren machen konnte; diese Bescheidenheit hatte mit dem Stolz, der ihnen jetzt so anstössig an mir war, dass er vielleicht mehr, als alle Bemühungen meiner Feinde zu meinem Fall beitrug, einerlei Quelle; ich war mir eben so wohl bewusst, dass ich ihre Misshandlungen nicht verdiente, wie ich ehmals fühlte, dass die achtung übertrieben war, die sie mir bewiesen; desto bescheidener, je mehr sie mich erhuben; desto stolzer und trotziger, je mehr sie mich herunter setzen wollten.
Meine Freunde hatten sich inzwischen in der Stille so eifrig zu meinem Besten verwendet, dass sie mir Hoffnung machten, alles könne noch gut gehen, wenn ich mich entschliessen könne, meine Apologie nach dem Geschmack, und der Erwartung des volkes einzurichten. Ich sollte mich zwar von Punkt zu Punkt so vollständig rechtfertigen, als es immer möglich wäre; aber am Ende sollte ich mich doch den Ateniensern auf Gnade oder Ungnade zu Füssen werfen; meinen Feinden dürfte ich nach aller Schärfe des Selbstverteidigungs- und Wiedervergeltungsrechts begegnen; aber den Ateniensern sollte ich schmeicheln, und anstatt ihre Eigenliebe durch den mindesten Vorwurf zu beleidigen, sollte ich bloss ihr Mitleiden zu erregen suchen. Es ist zu vermuten, dass der Erfolg diesen Rat meiner Freunde, der sich auf die Kenntnis des Characters eines freien volkes gründete, gerechtfertiget hätte: Wenigstens ist gewiss, dass die erste Bewegungen dieser Unbeständigen bereits angefangen hatten, dem Mitleiden und den Regungen ihrer vormaligen Liebe zu weichen. Ich lase es, da ich das Gerüste bestieg, von welchem ich zu dem Volk redete, in vieler Augen, wie sie nur darauf warteten, dass ich ihnen einen Weg zeigen möchte, mit guter Art, und ohne etwas von ihrer democratischen Majestät zu vergeben, wieder zurück zu kommen. Aber sie fanden sich in ihrer Erwartung sehr betrogen. Die Verachtung, womit mein Gemüt beim Anblick dieses Volkes erfüllt wurde, welches mich vor wenigen Tagen mit so ausschweifender Freude ins Gefängnis begleitet hatte, und das Gefühl meines eigenen Wertes, waren beide zu lebhaft; die Begierde, ihnen gutes zu tun, welche die Seele aller meiner Handlungen und Entwürfe gewesen war, hatte aufgehört; ich würdigte sie nicht, eine Apologie zu machen, die ich für eine Beschimpfung meines Characters und Lebens gehalten hätte; aber ich wollte ihnen zum letztenmal die Wahrheit sagen: Ehmals, wenn es darum zu tun gewesen war, sie von ihren eignen wahren Vorteilen zu überzeugen, hatte ich aller meiner Beredsamkeit aufgeboten;