hatten, als die Eifersucht über das Ansehen, welches mir die allgemeine Gunst des Volkes gab, und welches sie, nicht ohne Ursache, für ein Hinternis ihrer ehrgeizigen und gewinnsüchtigen Absichten hielten. Die meisten glaubten auch, dass sie Privatbeleidigungen zu rächen hätten. Einige nährten noch den alten Groll, den sie bei meinem ersten Auftritt in der Republik gegen mich fassten, da ich meinen rechtschaffenen Freund, den Wirkungen ihrer Bosheit entriss; andere schmerzte es, dass ich ihnen bei der Wahl eines Befehlshabers gegen die Empörten Inseln vorgezogen worden war; viele waren durch den Verlust des Vorteils, welchen sie von den ungerechten Bedrückungen derselben gezogen hatten, beleidiget worden. Bei diesen allen half mir nichts, dass ich keine Absicht gehabt hatte sie zu beleidigen, und dass es nur zufälliger Weise dadurch geschehen war, dass ich meiner Überzeugung und meinen Pflichten gemäss gehandelt hatte. Sie beurteilten meine Handlungen aus einem ganz andern Gesichtspuncte, und es war bei ihnen ein ausgemachter Grundsatz, dass derjenige kein ehrlicher Mann sein könne, der ihren Privatabsichten Schranken setzte. Zum Unglück für mich, machten diese Leute einen grossen teil von den Edelsten und Reichesten in Aten aus. Hiezu kam noch, dass ich meiner immer fortdauernden Liebe zu Psyche, die vorteilhaftesten Verbindungen, welche mir angeboten worden waren, aufgeopfert, und mich dadurch der Unterstützung und des Schutzes beraubet hatte, den ich mir von der Verschwägerung mit einem mächtigen Geschlechte hätte versprechen können. Ich hatte nichts, was ich den Ränken und der vereinigten Gewalt so vieler Feinde entgegen setzen konnte, als meine Unschuld, einige Verdienste, und die Zuneigung des volkes; schwache Brustwehren, welche noch nie gegen die Angriffe des Neides, der Arglist und der Gewalttätigkeit ausgehalten haben. Die Unschuld kann verdächtig gemacht, und Verdiensten selbst durch ein falsches Licht das Ansehen von Verbrechen gegeben werden; und was ist die Gunst eines entusiastischen Volkes, dessen Bewegungen immer seinen Überlegungen zuvorkommen; welches mit gleichem Übermass liebt und hasset, und wenn es einmal in eine fiebrische Hitze gesetzt ist, gleich geneigt ist, dieser oder einer entgegengesetzten Direction, je nachdem es gestossen wird, zu folgen? Was konnte ich mir von der Gunst eines Volkes versprechen, welches den grossen Beschützer der griechischen Freiheit im Gefängnis hatte verschmachten lassen? Welches den tugendhaften Aristides, bloss darum, weil er den Beinamen des Gerechten verdiente, verbannet, und in einer von seinen gewöhnlichen Launen so gar den Socrates zum Gift-Becher verurteilt hatte, weil er der weiseste und tugendhafteste Mann seines Jahrhunderts war. Diese Beispiele sagten mir sogleich bei der ersten Nachricht, die ich von dem über mir sich zusammenziehenden Ungewitter erhielt, zuverlässig vorher, was ich von den Ateniensern zu erwarten hätte; sie machten, dass ich ihnen nicht mehr zutraute, als sie leisteten; und trugen nicht wenig dazu bei, mich ein Unglück mit Standhaftigkeit ertragen zu machen, in welchem ich so vortreffliche Männer zu Vorgängern gehabt hatte.
Derjenige, den meine Feinde zu meinem Ankläger auserkoren hatten, war einer von diesen witzigen Schwätzern, deren feiles Talent gleich fertig ist, Recht oder Unrecht zu verfechten. Er hatte in der Schule des berüchtigten Gorgias gelernt, durch die Zaubergriffe der Rede-Kunst den Verstand seiner Zuhörer zu blenden, und sie zu bereden, dass sie sähen, was sie nicht sahen. Er bekümmerte sich wenig darum, dasjenige zu beweisen, was er mit der grössesten Dreistigkeit behauptete; aber er wusste ihm einen so lebhaften Schein zu geben, und durch eine zwar willkürliche, aber desto künstlichere Verbindung seiner Sätze die Schwäche eines jeden, wenn er an sich und allein betrachtet würde, so geschickt zu verbergen, dass man, so gar mit einer gründlichen Beurteilungs-Kraft, auf seiner Hut sein musste, um nicht von ihm überrascht zu werden. Der hauptsächlichste Vorwurf seiner Anklage sollte, seinem Vorgeben nach, die schlimme Verwaltung sein, deren ich mich als Ober-Befehlshaber in der Angelegenheit der empörten Schutz Verwandten schuldig gemacht haben sollte; denn er bewies mit grossem Wort-Gepränge, dass ich in dieser ganzen Expedition nichts getan hätte, das der Rede wert wäre; dass ich vielmehr, anstatt die Empörten zu züchtigen und zum Gehorsam zu bringen, ihren Sachwalter vorgestellt; sie für ihren Aufruhr belohnt; ihnen noch mehr, als sie selbst zu fodern die Verwegenheit gehabt, zugestanden; und durch diese unbegreifliche Art zu verfahren, ihnen Mut und Kräfte gegeben hätte, bei der ersten gelegenheit sich von Aten gänzlich unabhängig zu machen; er bewies (sage ich) alles dieses nach den grundsätzen einer Politik, welche das Widerspiel von der meinigen war, aber den Leidenschaften der Atenienser und eines jeden andern volkes allzusehr schmeichelte, um nicht Eingang zu finden. Er hatte noch die Bosheit, nicht entscheiden zu wollen, ob ich aus Unverstand oder geflissentlich so gehandelt habe; doch erhub er auf der einen Seite meine Fähigkeiten so sehr, und legte so viel Wahrscheinlichkeiten in die andere Waag-Schale, dass sich der Ausschlag von selbst geben musste. Dieses führte ihn zu dem zweiten teil seiner Anklage, welcher in der Tat (ob er es gleich nicht gestehen wollte) das Hauptwerk davon ausmachte. Und hier wurden Beschuldigungen auf Beschuldigungen gehäuft, um mich dem Volk als einen Ehrsüchtigen abzumalen, der sich einen Plan gemacht habe, sein Vaterland zu unterdrücken, und unter dem Schein der Grossmut, der Freigebigkeit und der Popularität, sich zum unumschränkten Herrn desselben aufzuwerfen. Eine jede meiner Tugenden war die Maske eines Lasters, welches im Verborgenen