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die Königin des Meers, den Mittelpunct der Vereinigung des ganzen menschlichen Geschlechts. – Kurz, ich machte ungefähr eben so schimärische, und eben so ungeheure Projecte, als Alciabiades; aber mit dem wesentlichen Unterscheid, dass ein von Güte und allgemeiner Wohltätigkeit beseeltes Herz die Quelle der meinigen war. Sie hatten noch dieses Besondere, dass ihre Ausführung, (die moralische Möglichkeit derselben vorausgesetzt,) keiner Mutter eine Träne, und keinem Menschen in der Welt mehr, als die Aufopferung seiner Vorurteile, und solcher Leidenschaften, welche die Ursachen alles Privat-Elends sind, gekostet hätten. Ihre Ausführung schien mir, weil ich mir die Hinternisse nur einzeln, und nicht in ihrem Zusammenhang und vereinigtem Gewichte vorstellte, so leicht zu sein, dass ich nur allein darüber verwundert war, dass ein Perikles unter den kleinfügigen Bemühungen Aten zur Meisterin von Griechenland zu machen, habe übersehen können, wie viel leichter es sei, es zum Tempel eines ewigen Friedens und der allgemeinen Glückseligkeit der Welt zu machen. Diese schönen Speculationen gaben etliche mal den Stoff zu den Unterredungen ab, womit ich meinem Vater des Abends die Zeit zu verkürzen pflegte. Die Lebhaftigkeit meiner Einbildungskraft schien ihn eben so sehr zu belustigen, als sein Herz, dessen Ebenbild er in dem meinigen erkannte, sich an den tugendhaften Gesinnungen vergnügte, welche er, wie ich selbst, (vielleicht beide ein wenig zu parteiisch) für die Triebfedern meiner politischen Träume hielt. Alles, was er mir von den Schwierigkeiten ihrer Ausführung, die er mit der Quadratur des Cirkels in eine klasse setzte, sagen konnte, überzeugte mich so wenig, als einen Verliebten die Einwendungen eines Freundes, der bei kaltem Blut ist, überzeugen werden. Ich hatte eine Antwort für alle; und dieser neue Schwung, den mein Entusiasmus bekommen hatte, wurde bald so stark, dass ich es kaum erwarten konnte, mich in Aten, und in Umständen zu sehen, wo ich die erste Hand an dieses grosse Werk, wozu ich gewidmet zu sein glaubte, legen könnte.

Sechstes Capitel

Agaton kommt nach Aten, und widmet sich der

Republik

Eine probe der besonderen natur desjenigen Windes,

welcher vom Horaz aura popularis genennet wird Mein Vater hielt sich nur so lange zu Corint auf, als es seine Geschäfte erfoderten, und eilte selbst, mich so bald es nur möglich war, in dieses Aten zu versetzen, welches sich meiner verschönernden Einbildung in einem so herrlichen Lichte darstellte. Ich gestehe dir, Danae, (und hoffe, die fromme Pflicht gegen meine Vaterstadt nicht dadurch zu beleidigen) dass der erste Anblick mit dem was ich erwartete einen starken Absatz machte. Mein Geschmack war zu sehr verwöhnt, um das Mittelmässige, worin es auch sein, möchte, erträglich zu finden; er wollte gleichsam alles in diese feine Linie eingeschlossen sehen, in welcher das Erhabene mit dem Schönen zusammenfliesst; und wenn er diese Vollkommenheit an einzelnen Teilen gewahr wurde, so wollte er, dass alle zusammenstimmen, und ein sich selbst durchaus ähnliches, symmetrisches Ganzes ausmachen sollten. Von diesem Grade der Schönheit war Aten, so wie vielleicht eine jede andere Stadt in der Welt, noch weit entfernt; indessen hatte sie doch der gute Geschmack und die Verschwendung des Perikles, mit hülfe der Phidias, der Alcamenen, und andrer grosser Meister, in einen solchen Stand gestellt, dass sie mit den prächtigsten Städten des politesten Teils der Welt um den Vorzug streiten konnte; und ich hielt mit Recht davor, dass die Ergänzung und Vollendung dessen, was ihr von dieser Seite noch abging, der leichteste teil meiner Entwürfe, und eine natürliche Folge derjenigen Veranstaltungen sein werde, welche sie, meiner Einbildung nach, zum Mittelpunct der Stärke, und der Reichtümer des ganzen Erdbodens machen sollten.

Sobald wir in Aten angekommen waren, liess mein Vater seine erste sorge sein, mich auf eine gesetzmässige und öffentliche Art für seinen Sohn erkennen, und unter die Ateniensischen Bürger aufnehmen zu lassen. Dieses machte mich eine Zeit lang zu einem Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit. Die Atenienser sind, wie dir nicht unbekannt ist, mehr als irgend ein anders Volk in der Welt geneigt, sich plötzlich mit der äussersten Lebhaftigkeit für oder wider etwas einnehmen zu lassen. Ich hatte das Glück, ihnen beim ersten Anblick zu gefallen; die Begierde mich zu sehen, und Bekanntschaft mit mir zu machen, wurde eine Art von epidemischer leidenschaft unter Jungen und Alten; jene machten in kurzem einen glänzenden Hof um mich, und diese fassten Hoffnungen von mir, welche mich, ohne es an mir selbst gewahr zu werden, mit einem geheimen Stolz erfüllten, und die allzuhochfliegende Meinung, die ich ohnehin geneigt war, von meiner Bestimmung zu fassen, bestätigten. Dieser subtile Stolz, der sich hinter meinen besten Neigungen und tugendhaftesten Gesinnungen verbarg, und dadurch meinem Bewusstsein sich entzog, benahm mir nichts von einer Bescheidenheit, wodurch ich vor den meisten jungen Leuten meiner Gattung mich zu unterscheiden schien; und ich gewann dadurch, nebst der allgemeinen achtung des geringern Teils des Volkes, den Vorteil, dass die Vornehmsten, die Weisesten und Erfahrensten mich gerne um sich haben mochten, und mir durch ihren Umgang, eine Menge besondere Kenntnisse mitteilten, welche mir bei meinem frühzeitigen Auftritt in der Republik sehr wohl zu statten kamen. Die Reinigkeit meiner Sitten, der gute Gebrauch, den ich von meiner Zeit machte, der Eifer, womit ich mich zum künftigen Dienst meines Vaterlandes vorbereitete, die fleissige Besuchung der Gymnasien, und der Preis, den ich