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Bewegung auf, warf seine arme um meinen Hals, und sagte mit Tränen der Freude und Zärtlichkeit in seinen Augen; – – Mein liebster Agaton, siehe deinen Vater – – hier, setzte er hinzu, indem er mich sanft umwendete, und auf das Gemälde wies, welchem ich bisher den rücken zugekehrt hatte, – – hier, in diesem Bilde, erkenne die Mutter, deren geliebte Züge mich beim ersten Anblick in deiner Gesichts-Bildung gerührt, und diese Bewegung erregt haben, die ich nun für die stimme der natur erkenne. Du kennest mich zu gut, liebenswürdige Danae, um dir meine Empfindungen in diesem Augenblicke nicht lebhafter einzubilden, als ich sie beschreiben könnte. Solche Augenblicke sind keiner Beschreibung fähig; für solche Freuden hat die Sprache keine Namen, die natur keine Bilder, und die Phantasie selbst keine Farben. – – Das Beste ist, zu schweigen, und den Zuhörer seinem eigenen Herzen zu überlassen. Mein Vater schien durch meine Entzückung, welche sich lange Zeit nur durch Tränen und sprachlose Umarmungen und abgebrochene Töne der zärtlichsten Regungen, deren die natur fähig ist, ausdrücken konnte, doppelt glücklich zu sein. Das Vergnügen, womit er mich für seinen Sohn erkannte, schien ihn selbst wieder in die glücklichsten Augenblicke seiner Jugend zu versetzen, und Erinnerungen wieder aufzuwecken, denen mein Anblick ein neues Leben gab. Da er natürlicher Weise voraussetzen konnte, dass ich begierig sein werde, die Ursachen zu wissen, welche meinen Vater, der mich mit so vielem Vergnügen für seinen Sohn erkannte, hatten bewegen können, mich so viele Jahre von sich verbannt zu halten; so gab er mir hierüber alle Erläuterungen, die ich nur wünschen konnte, durch eine umständliche Erzählung der geschichte seiner Liebe zu meiner Mutter. Seine Bekanntschaft mit ihr hatte sich zufälliger Weise in einem Alter angefangen, worin er noch gänzlich unter der väterlichen Gewalt stunde. Sein Vater war das Haupt eines von den edelsten Geschlechtern in Aten. Meine Mutter war sehr jung, sehr schön, und eben so tugendhaft als schön, unter der Aufsicht einer alten Frau, die sich ihre Mutter nannte, dahin gekommen. Die strenge Eingezogenheit, worin sie sehr kümmerlich von ihrer Hand-Arbeit lebte, verwahrte die junge Musarion vor den Augen und vor den Nachstellungen der müssigen reichen Jünglinge, welche gewohnt sind, junge Mädchen, die keinen andern Schutz als ihre Unschuld, und keinen andern Reichtum als ihre Reizungen haben, für ihre natürliche Beute anzusehen. Dem ungeachtet konnte sie nicht verhintern, durch einen Zufall, den ich übergehen will, meinem Vater bekannt zu werden, welcher sich durch seine gesittete und bescheidene Lebens-Art von den meisten jungen Ateniensern seiner Zeit unterschied. Sein tugendhafter charakter konnte ihn nicht verwahren, von den Reizungen der jungen Musarion gerührt zu werden; aber er machte, dass seine Liebe die Eigenschaft seines Characters annahm. Sie war tugendhaft, bescheiden, und eben dadurch stärker und dauerhafter. Sein Stand, sein guter Ruf und sein zurückhaltendes Betragen gegen den unschuldigen Gegenstand seiner, Liebe gaben zusammengenommen einen Beweg-Grund ab, der die Nachsicht entschuldigen konnte, womit die Alte seine geheime Besuche duldete, ob sie gleich immer häufiger wurden. Nichts kann natürlicher sein, als dasjenige, was man liebt, dem Mangel nicht ausgesetzt sehen zu können; aber nichts ist auch in den Augen der Welt zweideutiger, als die Freigebigkeit eines jungen Menschen gegen eine junge person, welche das Unglück hat, durch ihre Annehmlichkeiten den Neid, und durch ihre Armut die Verachtung des grossen Haufens zu erregen. Man kann sich nicht bereden, dass in einem solchen Fall derjenige, welcher gibt, nicht eigennützige Absichten habe; oder diejenige, welche annimmt, ihre Dankbarkeit nicht auf Unkosten ihrer Unschuld beweise. Stratonicus gebrauchte deswegen die äusserste Vorsichtigkeit, um die Wohltaten, womit er diese kleine Familie von Zeit zu Zeit unterstützte, vor aller Welt und vor ihnen selbst zu verbergen. Allein sie entdeckten doch zuletzt ihren unbekannten Wohltäter; und diese neue Proben seiner edelmütigen Sinnes-Art vollendeten den Eindruck, den er schon lange auf das unerfahrne Herz der zärtlichen Musarion gemacht hatte, und gewannen es ihm gänzlich. Niemals würde die Liebe von der zärtlichsten Gegenliebe erwidert, zwei Herzen glücklicher gemacht haben, wenn die Umstände der jungen Schönen einer gesetzmässigen Vereinigung nicht Schwierigkeiten in den Weg gelegt hätten, welche ein jeder anderer als ein Liebhaber für unüberwindlich gehalten hätte. Endlich war Stratonicus so glücklich, zu entdecken, dass seine Geliebte wirklich eine Ateniensische Bürgerin sei, die Tochter eines zwar armen, aber rechtschaffenen Mannes, welcher im Pelopponesischen Kriege sein Leben auf eine rühmliche Art verloren hatte. Nunmehr wagte er es, seinem Vater das Geheimnis seiner Liebe zu entdecken; er wandte alles an, seine Einwilligung zu erhalten; aber der Alte, welcher alle Reizungen und alle Tugenden der jungen Musarion für keinen genugsamen Ersatz des Reichtums, der ihr fehlte, ansah, blieb unerbittlich. Stratonicus liebte zu inbrünstig, um dem Befehl, nicht weiter an seine Geliebte zu denken, gehorsam zu sein; er würde sich selbst für den Unwürdigsten unter den Menschen gehalten haben, wenn er fähig gewesen wäre, ihr nur das Wenigste von seinen Empfindungen zu entziehen. Die Widerwärtigkeiten und Hinternisse, womit seine Liebe kämpfen musste, taten vielmehr die Würkung, welche sie in einem solchen Falle bei edlen und wahrhaftig eingenommenen Gemütern allemal tun werden; sie concentrierten das Feuer ihrer gegenseitigen Zuneigung, und bliesen eine Flamme, welche, so lange sie von Hoffnung genährt wurde,