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vieler Kenntnis von Künsten sprechen zu hören, von denen gemeiniglich nur Leute von Stand und Vermögen im Ton der Kenner zu reden pflegen. Nach einer kleinen Weile wurde gemeldet, dass das Abend-Essen aufgetragen sei. Er führte mich hierauf in einen kleinen Saal, dessen Mauern von einem der besten Schüler des Parrhasius mit wasser-Farben niedlich übermalt waren. Wir speiseten ganz allein. Die Tafel, das Geräte, die Aufwärter, alles stimmte mit dem Begriff überein, den ich mir bereits von dem Geschmack und dem stand des Haus-Herrn gemacht hatte. Unter dem Essen trat ein junger Mensch von feinem Ansehen und zierlich gekleidet, auf, und recitierte ein Stück aus der Odyssee mit vieler Geschicklichkeit. Mein Wirt sagte mir, dass er bei Tische diese Art von Gemüts-Ergötzung den Tänzerinnen und Flötenspielerinnen vorzöge, womit man sonst bei den Tafeln der Griechen sich zu unterhalten pflege. Das Lob das ich seinem Leser beilegte, gab zu einem Gespräch über die beste Art zu recitieren, und über die Griechischen Dichter Anlass, wobei ich meinem Wirte abermal gelegenheit gab, zu stutzen, und mich immer aufmerksamer, und wie mich deuchte, mit einer Art von zärtlicher Gemüts-Bewegung anzusehen. Er sah dass ich es gewahr wurde, und sagte mir hierauf, dass mich die Verwunderung womit er mich von Zeit zu Zeit betrachte, weniger befremden würde, wenn ich die ausserordentliche Ähnlichkeit meiner Gesichts-Bildung und Mine mit einer person, welche er ehmals gekannt habe, wisste; doch du sollst selbst hievon urteilen, setzte er hinzu, und hierauf fing er an von andern Dingen zu reden, bis der Wein und die Früchte aufgestellt wurden. Bald darauf stunden wir auf, und nachdem wir eine Weile in einer langen Galerie, die auf einer doppelten Reihe Corintischer Säulen von buntem Marmor ruhte, und prächtig erleuchtet war, auf und abgegangen waren, führte er mich in ein Cabinet, worin ein Schreibtisch, ein Büchergestell, einige Polster, und ein Gemälde in Lebensgrösse auf welches ich nicht gleich acht gab, alle Möbeln und Zieraten ausmachten. Er hiess mich niedersitzen, und nachdem er das Bildnis, welches ihm gegenüber hing, eine ziemliche Weile mit Bewegung angesehen hatte, redete er mich also an: Deine Jugend, liebenswürdiger Fremdling, die Art wie sich unsere Bekanntschaft angefangen, die Eigenschaften die ich in dieser kurzen Zeit an dir entdeckt, und die Zuneigung die ich in meinem Herzen für dich finde, rechtfertigen mein Verlangen, von deinem Namen, und von den Umständen benachrichtiget zu sein, welche dich in einem solchen Alter von deiner Heimat entfernt und in diese fremde Gegenden geführt haben können. Es ist sonst meine Gewohnheit nicht, mich beim ersten Anblick für jemand einzunehmen. Aber bei deiner Erblickung hab ich einem geheimen Reiz, der mich gegen dich zog nicht widerstehen können, und du hast in diesen wenigen Stunden meine voreilige Neigung so sehr gerechtfertiget, dass ich mir selbst Glück wünsche, ihr Gehör gegeben zu haben. Befriedige also mein Verlangen, und sei versichert, dass die Hoffnung, dir vielleicht nützlich sein zu können, weit mehr Anteil daran hat, als ein unbescheidener Vorwitz. Du siehest einen Freund in mir, dem du dich, ungeachtet der kurzen Dauer unsrer Bekanntschaft, mit allem Zutrauen eines langwierigen und bewährten Umgangs entdecken darfst. Ich wurde durch diese Anrede so sehr gerührt, dass sich meine Augen mit Tränen füllten – – ich glaube, dass er darin lesen konnte was ihm mein Herz antwortete, ob ich gleich eine Weile keine Worte finden konnte. Endlich sagte ich ihm, dass ich von Delphi käme; dass ich daselbst erzogen worden; dass man mich Agaton genennt hätte; dass ich niemalen habe entdecken können, wem ich das Leben zu danken habe; und dass alles was ich davon wisse, dieses sei, dass ich in einem Alter von vier oder fünf Jahren in den Tempel gebracht, mit andern Knaben, welche man dem Dienst des Gottes zu Delphi gewidmet, erzogen, und nachdem ich zu mehrern Jahren gekommen, von den Priestern mit einer vorzüglichen achtung angesehen, und in allem was zur Erziehung eines freigebornen Griechen erfordert werde, geübet worden sei. Stratonicus (so wurde mein Wirt genannt) hatte während dass ich dieses sagte, Mühe sich ruhig zu halten; sein Gesicht veränderte sich; er wollte anfangen zu reden, schien sich aber wieder anders zu bedenken, und ersuchte mich nur, ihm zu sagen, warum ich Delphi verlassen hätte. So natürlich die Aufrichtigkeit sonst meinem Herzen war, so konnte ich doch dieses mal unmöglich über die Bedenklichkeiten hinaus kommen, welche mir über meine Liebe zu Psyche den Mund verschlossen. Einem Freunde von meinen Jahren, für den ich mein Herz eben so eingenommen gefunden hätte, als für den Stratonicus, würde ich das Innerste meines Herzens ohne Bedenken aufgeschlossen haben, so bald ich hätte vermuten können, dass er meine Empfindungen zu verstehen fähig sei: Aber hier hielt mich etwas zurück, davon ich mir selbst die Ursache nicht recht angehen konnte. Ich schob also die ganze Schuld meiner Entweichung von Delphi auf die Pytia, indem ich ihm so ausführlich, als es meine jugendliche Schamhaftigkeit gestatten wollte, von den Versuchungen, in welche sie meine Tugend geführt hatte, Nachricht gab. Er schien sehr wohl mit meiner Aufführung zufrieden, und nachdem ich meine Erzählung bis auf den Augenblick, wo ich ihn zuerst erblickt, und dasjenige was ich sogleich für ihn empfunden, fort geführt; stunde er mit einer lebhaften