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währte doch nicht lange, bis ich notwendig fühlen musste, dass ich mit einer Heftigkeit, welche mit der unschuldigen Zärtlichkeit einer Psyche den stärksten Absatz machte, an einen kaum verhüllten und ungestüm klopfenden Busen gedrückt wurde. – – Das konnte nicht Psyche sein. – – Ich wollte mich aus ihren Armen loswinden aber sie verdoppelte die Stärke, womit sie mich umschlang, zugleich mit ihren wollüstigen Liebkosungen; und da ich nun auf einmal mit einem Entsetzen, welches mir alle Sehnen lähmte, meinen Irrtum erkannte; so machte die Gewalt, die ich anwenden wollte, mich von der rasenden Priesterin loszureissen, dass wir mit einander zu Boden sanken. Ich wünschte aus Hochschätzung des Geschlechts, welches in meinen Augen der liebenswürdigste teil der Schöpfung ist, dass ich diese Scene aus meinem Gedächtnis auslöschen könnte. – – Die Bestrebungen dieser Unglückseligen empörten endlich alle meine Geister zu einem Grimm, der mich ihrer eigenen Wut überlegen machte. Ich hatte alle meine Vernunft nötig, um nicht alle achtung, die ich wenigstens ihrem Geschlecht schuldig war, aus den Augen zu setzen. Aber ich zweifle nicht, dass eine jede Frauens-person welche noch einen Funken von sittlichem Gefühl übrig hätte lieber den Tod, als die Vorwürfe und die Verwünschungen, womit sie überströmt wurde, ausstehen wollte. Sie krümmete sich, in Tränen berstend zu meinen Füssen. – – Dieser Anblick war mir unerträglich – – ich wollte entfliehen; sie verfolgte mich, sie hing sich an, und bat mich, ihr den Tod zu geben. Ich verlangte mit Heftigkeit, dass sie mir meine Psyche wieder geben sollte. Diese Worte schienen sie unsinnig zu machen. Sie erklärte mir, dass das Leben dieser Sclavin in ihrer Gewalt sei, und von dem Entschluss, den ich nehmen würde, abhange. Sie sah die Veränderung, die diese Drohung auf einmal in meinem ganzen Wesen machte; wir verstummten beide eine Weile. Endlich nahm sie einen sanftern, aber nicht weniger entschlossenen Ton an, um mir ihre vorige Erklärung zu bekräftigen. Die Eifersucht machte sie so vieles sagen, dass ich Zeit bekam mich zu fassen, und eine Drohung weniger fürchterlich zu finden, zu deren Ausführung ich sie, wenigstens aus Liebe zu sich selbst, unfähig glaubte. Ich antwortete ihr also mit einem kalten Blute, welches sie stutzen machte: dass sie auf ihre eigene Gefahr über das Leben meiner jungen Freundin disponieren könne. Doch ersuchte ich sie, sich zu erinnern, dass sie selbst mich zum Meister über das Ihrige, und über das, was ihr noch lieber als das Leben sein sollte, gemacht habe. Das meinige (setzte ich lebhafter hinzu) hört mit dem Augenblick auf, da Psyche für mich verloren ist; denn bei dem Gott, dessen Gegenwart dieses heilige Land erfüllt, keine menschliche Gewalt soll mich aufhalten, ihrem geliebten Geist in eine bessere Welt zu folgen, wohin uns das Laster nicht folgen kann, unsere geheiligte Liebe zu beunruhigen! – – Meine Standhaftigkeit schien, den Mut der Priesterin niederzuschlagen. Sie sagte mir endlich: Sie merkte sehr wohl, dass ich trotzig darauf sei, dass ich in meiner Gewalt habe, sie zu grund zu richten – – ich könnte tun, was ich wollte; nur sollte ich versichert sein, dass ihr Psyche für jeden Schritt antworten sollte, den ich machen würde. Mit diesen Worten entfernte sie sich, und liess mich in einem Zustande, dessen Abscheulichkeit, nach der Empfindung die ich davon hatte, abgemessen, über allen Ausdruck ging. Ich wusste nun, dass die Priesterin Mittel gefunden haben müsse, unser Geheimnis zu entdecken, und dass der Blumen Kranz ein Kunstgriff von ihrer Erfindung gewesen war. Nach dieser Niederträchtigkeit war keine Bosheit so ungeheuer, deren ich diese Elende nicht fähig gehalten hätte. Ich besorgte nichts für mich selbst, aber alles für die arme Psyche, welche ich der Gewalt einer Nebenbuhlerin überlassen musste, ohne dass mir alle meine Zärtlichkeit für sie das Vermögen geben konnte, sie davon zu befreien.

Fünftes Capitel

Agaton entfliehet von Delphi, und findet seinen

Vater

Nachdem ich etliche Tage in der grausamen Ungewissheit, was aus meiner Geliebten geworden sein möchte, zugebracht hatte, erfuhr ich endlich von einer Sclavin der Pytia, welche ihre Freundin gewesen war, dass sie nicht mehr in Delphi sei. Dieses war alle Nachricht, die ich von ihr ziehen konnte; aber es war genug, mir den Aufentalt von Delphi unerträglich zu machen. Nunmehr bedacht' ich mich keinen Augenblick, was ich tun wollte. Ich stahl mich in der nächsten Nacht hinweg, ohne um die Folgen eines so unbesonnenen Schrittes bekümmert zu sein; oder richtiger zu sagen, in einem Gemüts-Zustande, worin ich unfähig war, einige vernünftige Überlegung zu machen. Ich irrte eine Zeitlang an allen Orten herum, wo ich eine Spur von meiner Freundin zu entdecken hoffte; töricht genug mir einzubilden, dass sie mich, wo sie auch sein möchte, durch die magische Gewalt der Sympatie unsrer Seelen nach sich ziehen wer de. Aber meine Hoffnung betrog mich; niemand konnte mir die geringste Nachricht von ihr geben. Unempfindlich gegen alles Elend, welches ich auf dieser unsinnigen Wanderschaft erfahren musste, fühlte ich keinen andern Schmerz als die Trennung von meiner Geliebten und die Ungewissheit, was ihr Schicksal sei; ich würde die Versicherung, dass es ihr wohl gehe, gerne mit meinem Leben bezahlt haben. Endlich führte mich der Zu fall oder eine mitleidige Gotteit nach Corint. Die Sonne war eben untergegangen