Wut und den Qualen einer Liebe, welche mit der unserigen so wenig ähnliches hatte, uns eine Vorstellung zu machen; aber wir bedaurten noch vielmehr uns selbst. Die Raserei, worin ich die Pytia verlassen hatte, hiess uns das Ärgste besorgen. Wir zitterten eines für des andern Sicherheit; und aus Furcht, dass sie unsere Zusammenkünfte entdecken möchte, beschlossen wir, (so hart uns dieser Entschluss ankam) sie eine Zeitlang seltner zu machen. Dieses war das erste mal, dass die reinen Vergnügungen unserer schuldlosen Liebe von Sorgen und Unruhe unterbrochen wurden, und wir mit schwerem Herzen von einander Abschied nahmen. Es war, als ob es uns ahnete, dass dieses das letzte mal sei, da wir uns zu Delphi sähen; und wir sagten uns wohl tausend mal Lebe wohl; ohne uns eines aus des andern Armen loswinden zu können. Wir redeten mit einander ab, uns erst in der dritten Nacht wieder zu sehen. Zufälliger Weise fügte sichs, dass ich in der Zwischen-Zeit mit der Priesterin in Gesellschaft zusammenkam. Es war natürlich, dass sie in Gegenwart fremder Leute ihrem Betragen gegen mich den freundschaftlichen Ton der Anverwandtschaft gab, welche zwischen uns vorausgesetzt wurde, und durch welche sie nötig befunden hatte, ihren Umgang mit mir gegen die Urteile strenger Sitten-Richter sicher zu stellen. Allein ausser diesem bemerkte ich, dass sie etliche mal, da sie von niemand beobachtet zu sein glaubte, die zärtlichsten Blicke auf mich heftete. Ich war zu guterzig, Verstellung unter diesen Zeichen der wiederkehrenden Liebe zu argwohnen; und der Schluss, den ich daraus zog, beruhigte mich gänzlich über die Besorgnis, dass sie meinen Umgang mit Psyche entdeckt haben möchte. Ich flog mit ungedultiger Freude zu unserer abgeredeten Zusammenkunft; ich wartete so lange, dass mich der Tag beinahe überrascht hätte; ich durchsuchte den ganzen Hain; aber da war keine Psyche. Eben so ging es in der folgenden und dritten Nacht. Mein Schmerz und meine Betrachtungen waren unaussprechlich. Damals erfuhr ich zum ersten mal, dass meine Einbildungs-Kraft, welche bisher nur zu meinem Vergnügen geschäftig war, in eben dem Masse, wie sie mich glücklich gemacht hatte, mich elend zu machen fähig sei. Ich zweifelte nun nicht mehr, dass die Priesterin unsere Liebe entdeckt habe; und die Folgen, welche dieser Umstand für Psyche haben konnte, stellten sich mir mit allen Schrecknissen einer sich selbst quälenden Einbildung dar. Ich fasste in der Wut meines Schmerzens tausend heftige Entschliessungen, von denen immer eine die andere verschlang; ich wollte zu der Priesterin gehen, und meine Psyche von ihr fodern – – ich wollte – – das Ausschweifendste, was man in der Verzweiflung wollen kann; ich glaube, dass ich fähig gewesen wäre, den Tempel anzuzünden, wenn ich hätte hoffen können, meine Psyche dadurch zu retten. Und doch hielt mich ein Schatten von Hoffnung, dass sie durch zufällige Ursachen habe verhindert werden können, ihr Wort zu halten, noch zurück, einen unbesonnenen Schritt zu tun, welcher ein bloss eingebildetes Übel wirklich und unheilbar hätte machen können. Vielleicht (dachte ich) weiss die Priesterin noch nichts von unserm Geheimnis; und wie unselig wär' ich in diesem Fall, wenn ich selbst der Verräter davon wäre? Dieser Gedanke führte mich zum vierten mal in den Ruhe-Platz der Diana. Nachdem ich wohl zwo Stunden vergebens gewartet hatte, warf ich mich, in einer Betäubung von Schmerz und Verzweiflung, zu den Füssen einer von den Nymphen hin. Ich lag eine Weile, ohne meiner selbst mächtig zu sein. Als ich mich wieder erholt hatte, sah ich einen frischen Blumen-Kranz um den Hals und die arme einer von den Nymphen gewunden; ich sprang auf, um genauer zu erkundigen, was dieses bedeuten möchte, und fand ein Briefchen an den Kranz geheftet, worin mir Psyche meldete: dass ich sie in der folgenden Nacht um eine bestimmte Stunde unfehlbar an diesem Platz antreffen würde; sie versparete es auf diese Besprechung, mir zu sagen, durch was für Zufälle sie diese Zeit über verhindert worden, mich zu sehen, oder mir Nachricht von ihr zu geben; ich dürfte aber vollkommen ruhig und gewiss sein, dass die Priesterin nichts von unserer Bekanntschaft wisse. Die heftige Begierde, womit ich wünschte, dass dieses Briefchen von Psyche geschrieben sein möchte, liess mich nicht daran denken, ein Misstrauen darein zu setzen, ungeachtet mir ihre Handschrift unbekannt war. Ich ging also plötzlich von dem äussersten Grade des Schmerzens zu der äussersten Freude über. Ich wand den Glück-weissagenden Blumen-Kranz um mich herum, nachdem ich die unsichtbaren Spuren der geliebten Finger, die ihn gewunden hatten, auf jeder Blume weggeküsst hatte. Den folgenden Abend wurde mir jeder Augenblick bis zur bestimmten Zeit ein Jahrhundert. Ich ging eine halbe Stunde früher, den guten Nymphen zu danken, dass sie unsere Liebe in ihren Schutz genommen hatten. Endlich glaubte ich, Psyche zwischen den Myrten-Hecken hervorkommen zu sehen. Die Nacht war nur durch den Schimmer der Sterne beleuchtet; aber ich erkannte die gewöhnliche Kleidung der Psyche, und war von dem ersten Rauschen ihrer Annäherung schon zu sehr entzückt, um gewahr zu werden, dass die Gestalt, die sich mir näherte, mehr von dem üppigen Contour einer Bacchantin als von der jungfräulichen Geschmeidigkeit meiner Freundin hatte. Wir flogen einander mit gleichem Verlangen in die arme. Die sprachlose Trunkenheit des ersten Augenblicks verstattet nicht, Bemerkungen zu machen; aber es