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Liebe eines Bruders und einer Schwester zugleich die stärkste und die reineste sei. Die Vorstellung, die wir uns davon machten, entzückte uns; und nachdem wir oft bedauert hatten, dass uns die natur diese Glückseligkeit versagt habe, wunderten wir uns zuletzt, wie wir nicht bälder eingesehen hätten, dass es nur von uns abhange, ihre Kargheit in diesem Stücke zu ersetzen. Wir waren also Bruder und Schwester, und blieben es einige Zeit, ohne dass die Vertraulichkeit und die unschuldigen Liebkosungen; wozu uns diese Namen berechtigten, in unsern Augen wenigstens, der Tugend, welcher wir zugleich mit der Liebe eine ewige Treue geschworen hatten, den geringsten Abbruch taten. Wir waren entusiastisch genug, die Vermutung oder vielmehr die blosse Möglichkeit, einander vielleicht so nahe verwandt zu sein, als wir wünschten, in den zärtlichen Ergiessungen unserer Herzen zuweilen für die stimme der natur zu halten; zumal da eine würkliche oder eingebildete besondere Ähnlichkeit unserer Gesichts-Züge diesen Wahn zu rechtfertigen schien. Da wir uns aber die Betrüglichkeit dieser vermeinten Sprache des Blutes nicht immer verbergen konnten, so fanden wir desto mehr Vergnügen darin, die Vorstellungen von einer natürlichen Verschwisterung der Seelen, einem sympatetischen Zug der einen zu der anderen, einer schon in einem vorhergehenden Zustand in bessern Welten angefangenen Bekanntschaft nachzuhängen, und sie in tausend angenehme Träume auszubilden. Aber auch bei diesem Grade liess uns der phantastische Schwung, den die Liebe unsern Seelen gegeben hatte, nicht stille stehen. Wir strengten das äusserste Vermögen unserer Einbildungs-Kraft an, um uns einen Begriff von derjenigen Art zu lieben zu machen, womit in den überirdischen Sphären die Geister einander liebten. Keine andere schien uns zu gleicher Zeit der Stärke und der Reinigkeit unserer Empfindungen genug zu tun, noch für Wesen sich zu schicken, die im Himmel entsprungen, und dahin wiederzukehren bestimmt wären. Ich gestehe dir, schöne Danae, dass ich bei der Erinnerung an diese glückselige Schwärmerei meiner ersten Jugend mich kaum erwehren kann zu wünschen, dass die Bezauberung ewig hätte dauern können. Und dennoch ist nichts gewissers, als dass sich diese allzugeistige Empfindungen endlich verzehrt, und die natur, welche ihre Rechte nie verliert, uns zuletzt unvermerkt auf eine gewöhnlichere Art zu lieben geführt haben würde; wenn uns nur die schöne Pytia so viel Zeit, als dazu erfodert wurde, gelassen hätte. Diese Dame hatte etliche Wochen verstreichen lassen, ohne (dem Ansehen nach) sich meiner zu erinnern; und ich hatte sie in dieser Zeit so gänzlich vergessen, dass ich ganz betroffen war, als ich wieder zu ihr berufen wurde. Ich fand gar bald, dass die Göttin von Paphos, welche sich vielleicht wegen irgend einer ehemaligen Beleidigung an ihr zu rächen beschlossen, sie in dieser Zwischen-Zeit nicht so ruhig gelassen hatte, als es für sie und mich zu wünschen war. Vermutlich hatte sie (wie die tragische Phädra) allen ihren weiblichen und priesterlichen Stolz zusammengerafft, um eine leidenschaft zu unterdrücken, deren Übelstand sie sich selbst unmöglich verbergen konnte; allein eben so vermutlich mochte sie sich selbst durch die tröstlichen Trug-Schlüsse, welche Euripides der Amme dieser unglückseligen prinzessin in den Mund legt, wieder beruhigt, und endlich den herzhaften Entschluss gefasst haben, ihrem Verhängnis nachzugeben. Denn, nachdem sie alle ihre Mühe, mich das, was sie mir zu sagen hatte, erraten zu lassen, verloren sah, brach sie endlich ein Stillschweigen, dessen Bedeutung ich eben so wenig verstehen wollte, und entdeckte mir mit einer Deutlichkeit und mit einem Feuer, welche mich erröten und erzittern machten; dass sie liebe und wieder geliebt sein wolle. Der reizende Anzug und die verführische Stellung, worin sie dieses Geständnis machte, schien ausgewählt zu sein, mich den Wert des mir angebotenen Glückes mehr als jemals empfinden zu lassen. Ich muss noch jetzt erröten, wenn ich an die Verwirrung denke, worin ich mit allen meinen erhabenen Begriffen in diesem Augenblick war. – – Die menschliche natur so erniedrigt – – den Namen der Liebe so entweihet zu sehen! In der Tat, die Pytia selbst konnte von der Art, wie ich ihre Zumutungen abwies, nicht empfindlicher beschämt und gequält werden, als ich es durch die notwendigkeit war, worein ich mich gesetzt sah, ihr so übel zu begegnen. Ich bestrebte mich, die Härtigkeit meiner Antworten durch die sanftesten Ausdrücke zu mildern, die ich in der Verwirrung finden konnte. Aber ich erfuhr bald, dass heftige Leidenschaften sich so wenig als Sturm-Winde durch Worte beschwören lassen. Die ihrer selbst nicht mehr mächtige Priesterin nahm für beleidigenden Spott auf, was ich aus der wohl gemeinten, aber allerdings unzeitigen Absicht, ihrer versinkenden Tugend zu hülfe zu kommen, sagte. Sie geriet in eine Wut, welche mich in die äusserste Verlegenheit setzte; sie brach in Verwünschungen und Drohungen, und einen Augenblick darauf in einen Strom von Tränen und in so bewegliche Apostrophen aus, dass ich beinahe schwach genug gewesen wäre, mit ihr zu weinen, ohne mein Herz geneigter zu finden, dem ihrigen zu antworten. Ich ergriff endlich das einzige Mittel, das mir übrig blieb, mich der albernen Rolle, die ich in dieser Scene spielte, zu erledigen; ich entfloh. In eben dieser Nacht sah ich meine geliebte Psyche wieder an dem gewöhnlichen Orte; mein Gemüt war von der geschichte dieses Abends zu sehr beunruhigt, als dass ich ihr ein Geheimnis davon hätte machen können. Wir bedaurten die Priesterin, so schwer es uns auch war, von der