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, die man sich nur einbilden kann, hatte. Mitten darin liess das Gebüsche, welches in labyrintischen Krümmungen mit hohen Cypressen und vielen selbst gewachsenen Lauben abgesetzt, sich um sich selbst herumwand, einen offnen Platz, der mit einem halben Circul von wilden Lorbeer-Bäumen, von denen sich immer eine Reue über die andere erhub, eingefasst, auf der andern Seite aber nur mit niedrigem Myrten Gesträuch und Rosen-Hecken leicht umkränzt war. Mitten darin lagen einige Nymphen von weissem Marmor, von überhangendem Rosen-Gesträuche beschattet, welche auf ihren Urnen zu schlafen schienen, indes sich aus jeder Urne eine Quelle in ein geraumiges Becken von poliertem schwarzem Granit Marmor ergoss, worin die Frauens-Personen, welche unter dem Schutz des delphischen Apollo stunden, sich im Sommer zu baden pflegten. Dieser Ort war (einer alten Sage nach) der Diana heilig; und kein männlicher Fuss durfte, bei Strafe, sich den Zorn dieser unerbittlichen Göttin zu zuziehen, sich unterstehen, ihrem geheiligten RuhePlatz nahe zu kommen. Vermutlich machte die Göttin eine Ausnahme zu Gunsten eines unschuldigen Schwärmers, der (ohne den mindesten Vorsatz, ihre Ruhe zu stören, und ohne einmal zu wissen, wohin er kam,) sich hieher verirrt hatte. Denn anstatt mich ihren Zorn empfinden zu lassen, begünstigte sie mich vielmehr mit einer Erscheinung, welche mir angenehmer war, als wenn sie selbst, mich zu ihrem Endymion zu machen, zu mir herabgestiegen wäre. Weil ich in eben dem Augenblick, da ich diese Erscheinung hatte, den Ort, wo ich mich befand, für denjenigen erkannte, der mir öfters, um ihn desto gewisser vermeiden zu können, beschrieben worden war; so war wirklich mein erster Gedanke, dass es die Göttin sei, welche, von der Jagd ermüdet, unter ihren Nymphen schlummere. Von einem heiligen Schauer erschüttert, wollte ich schon den Fuss zurückziehn; als ich beim Glanz des seitwärts einfallenden Mond-Lichts gewahr wurde, dass es meine Unbekannte war. Ich will es nicht versuchen, zu beschreiben wie mir in diesem Augenblicke zu Mute war; es war einer von denen, an welche ich mich nur erinnern darf, um zu glauben, dass ein Wesen, welches einer solchen Wonne fähig ist, zu nichts geringers als zu der Wonne der Götter bestimmt sein könne. jetzt konnte' ich natürlicher Weise nicht mehr denken, mich unbemerkt zurückzuziehen; meine einzige sorge war, die liebenswürdige Einsame zu einer Zeit und an einem Orte, wo sie keinen Zeugen, am allerwenigsten einen männlichen vermuten konnte, durch keine plötzliche Überraschung zu erschrecken. Die Stellung, worin sie an eine der marmornen Nymphen angelegt lag, gab zu erkennen, dass sie staunte; ich betrachtete sie eine geraume Weile, ohne dass sie mich gewahr wurde. Dieser Umstand erlaubte mir meine eigene Stelle zu verändern, und eine solche zu nehmen, dass sie, so bald sie die Augen aufschlüge, mich unfehlbar erkennen müsste. Diese Vorsicht hatte die verlangte Würkung. Sie erblickte mich; sie stutzte; aber sie erkannte mich doch zu schnell, um mich für einen Satyren anzusehen. Meine Erscheinung schien ihr mehr Vergnügen als Unruhe zu machen. Ein jeder andrer, so gar ein Satyr, würde irgend ein artig gedrehtes Compliment in Bereitschaft gehabt haben, um seine Freude über eine so reizende Erscheinung auszudrücken; die gelegenheit konnte nicht schöner sein, sie für eine Göttin, oder wenigstens für eine der Gespielen Dianens anzusehen, und diesem Irrtum gemäss zu begrüssen. Aber ich, von neuen, nie gefühlten, unbeschreiblichen Empfindungen gedrückt, ich konnte gar nichts sagen. Zu ihren Füssen hätte ich mich werfen mögen; aber die Schüchternheit, welche (zumal in meinem damaligen Alter) mit der ersten Liebe so unzertrennlich verbunden ist, hielt mich zurück; ich besorgte, dass sie sich einen nachteiligen Begriff von der tiefen Ehrerbietung, die ich für sie empfand, aus einer solchen Freiheit machen möchte. Meine Unbekannte war nicht so schüchtern; sie hub sich, mit dieser sittsamen Anmut, wodurch sie sich das erste mal, als ich sie gesehen, in meinen Augen von allen ihren Gespielen unterschieden hatte, vom Boden auf, und ging ein paar Schritte gegen mich. Wie finde ich den Agaton hier? sagte sie mit einer stimme, die ich noch zu hören glaube; so lieblich, so rührend schien sie unmittelbar in meine Seele sich einzuschmeicheln. In der süssen Verwirrung, worin ich war, fand ich keine bessere Antwort, als sie zu versichern, dass ich nicht so verwegen gewesen wäre, ihre Einsamkeit zu stören, wenn ich vermutet hätte, sie hier zu finden. Das Compliment war nicht so artig, als es ein junger Atenienser bei einer solchen gelegenheit gemacht hätte; aber Psyche (so erfuhr ich in der Folge, dass meine Unbekannte genennt werde) war zu unschuldig, um Complimente zu erwarten. Ich erkenne meine Unvorsichtigkeit, wiewohl zu spät, versetzte sie: Was wird Agaton von mir denken, da er mich an diesem abgelegenen Ort in einer solchen Stunde allein findet? Und doch (setzte sie errötend hinzu) ist es glücklich für mich, wenn ich ja einen Zeugen meiner Unbesonnenheit haben musste, dass es Agaton war. Ich versicherte sie, dass mir nichts natürlicher vorkomme, als der Geschmack, den sie in der Einsamkeit, in der Stille einer so schönen Nacht, und in einer so anmutigen Gegend zu finden scheine. Ich setzte noch vieles von den Annehmlichkeiten des Mondscheins, von der majestätischen