Leuten gewonnen, wenn man Mittel findet, ihr Herz auf seine Seite zu ziehen; oder sie war über mein seltsames Betragen erbittert, und glaubte, ihre verachteten Reizungen nicht besser rächen zu können, als wenn sie mich in eben dem Augenblick von sich entfernte, da sie in meinen Augen las, dass ich gerne länger geblieben wäre. Alles Bitten, dass sie ihre Gütigkeit durch eine deutlichere Entdeckung des Geheimnisses meiner Geburt vollkommen machen möchte, war umsonst; sie schickte mich fort, und hatte Grausamkeit genug, eine geraume Zeit vorbei gehen zu lassen, eh sie mich wieder vor sich kommen liess. Zu einer andern Zeit würde das Verlangen, diejenigen zu kennen, denen ich das Leben zu danken hätte, mir diesen Aufschub zu einer harten Strafe gemacht haben; aber damals brauchte es nur wenige Minuten, wieder allein zu sein, und einen Gedanken an meine geliebte Unbekannte, um die Priesterin mit allen ihren Reizen, und mit allem was sie mir gesagt und nicht gesagt hatte, aus meinem Gemüte wieder auszulöschen. Es war mir unendlich mal angelegener zu wissen, wer diese Unbekannte sei, und ob sie wirklich (wie ich mir schmeichelte) für mich empfinde, was ich für sie empfand, als in Absicht meiner selbst aus einer Unwissenheit gezogen zu werden, gegen welche die Gewohnheit mich fast ganz gleichgültig gemacht hatte: So lange ich das nicht wusste, würde ich die Entdeckung, der Erbe eines Königs zu sein, mit Kaltsinn angesehen haben. Der blick, den sie diesen Abend auf mich geheftet hatte, schien mir etwas zu versprechen, das für mein Herz unendlich mehr Reiz hatte, als alle Vorteile der glänzendsten Geburt. Mein ganzes Wesen schien von diesem Blicke, wie von einem überirdischen Lichte, durchstrahlt und verklärt- – ich unterschied zwar nicht deutlich, was in mir vorging – aber so oft ich sie mir wieder in dieser Stellung, mit diesem Blicke, mit diesem Ausdruck in ihrem lieblichen gesicht vorstellte, (und dieses geschah allemal so lebhaft, als ob ich sie wirklich mit Augen sähe) so schien mir mein Herz vor Liebe und Vergnügen in Empfindungen zu zerfliessen, für deren durchdringende Süssigkeit keine Worte erfunden sind. – – Hier wurde Agaton (dessen Einbildungs-Kraft, von den Erinnerungen seiner ersten Liebe erhitzt, einen hübschen Schwung, wie man sieht, zu nehmen anfing,) durch eine ziemlich merkliche Veränderung in dem gesicht seiner schönen Zuhörerin mitten in dem Lauf seiner unzeitigen Schwärmerei aufgehalten, und aus seinem achtzehnten Jahr, in welches er in dieser kleinen Ecstase zurückversetzt worden war, auf einmal wieder nach Smyrna, zu sich selbst und der schönen Danae gegenüber, gebracht.
Viertes Capitel
Fortsetzung des Vorhergehenden
Es ist eine alte Bemerkung, dass man einer schönen Dame die Zeit nur schlecht vertreibt, wenn man sie von den Eindrücken, die eine andre auf unser Herz gemacht hat, unterhält. Je mehr Feuer, je mehr Wahrheit, je mehr Beredsamkeit wir in einem solchen Falle zeigen, je reizender unsre Schilderungen, je schöner unsre Bilder, je beseelter unser Ausdruck ist, desto gewisser dürfen wir uns versprechen, unsre Zuhörerin einzuschläfern. Diese Beobachtung sollten sich besonders diejenigen empfohlen sein lassen, welche eine wirklich im Besitz stehende Geliebte mit der geschichte ihrer ehemaligen verliebten Abenteuer unterhalten. Agaton, welcher noch weit davon entfernt war, von seiner Einbildungn Augen verloren, da er einmal auf die Erzählung seiner ersten Liebe gekommen war. Die Lebhaftigkeit seiner Wiedererinnerungen schien sie in Empfindungen zu verwandeln; er bedachte nicht, dass es weniger anstössig wäre, eine Geliebte, wie Danae, mit der ganzen Metaphysik der intellectualischen Liebe, als mit so entusiastischen Beschreibungen der Vorzüge einer andern, und der Empfindungen, welche sie eingeflösst, zu unterhalten. Eine Art von Mittelding zwischen Gähnen und Seufzen, welches ihr an der Stelle, wo wir seine Erzählungen abgebrochen haben, entfuhr, und ein gewisser Ausdruck von langer Weile, der aus einer erzwungnen Mine von vergnügter Aufmerksamkeit hervorbrach, machte ihn endlich seiner Unbesonnenheit gewahr werden; er stutzte einen Augenblick, er errötete, und es fehlte wenig, dass er den Zusammenhang seiner geschichte darüber verloren hätte. Doch erholte er sich noch geschwinde genug wieder, um seiner Verwirrung irgend einen zufälligen Vorwand zu gehen, und setzte seine Erzählung fort, indem er fest bei sich beschloss, genauer auf sich selbst Acht zu gehen, und seine Beschreibungen so sehr abzukürzen, als es nur immer möglich sein würde; ein Vorsatz, bei welchem unsre Leser sich wenigstens eben so wohl befinden werden, als die schöne Danae, wenn er anders fähig sein wird, sich selbst Wort zu halten.
Die süssen Träume, (fuhr der Held unsrer geschichte fort) worin mein Herz sich so gerne zu wiegen pflegte, hatten nicht würkliches genug, diesen angenehmen Zustand meines Gemütes lange zu unterhalten. Eine zärtliche Schwermut, welche jedoch nicht ohne eine Art von Wollust war, bemächtigte sich meiner so stark, dass ich Mühe hatte, sie vor denjenigen zu verbergen, mit denen ich einen teil des Tages zubringen musste. Ich suchte die Einsamkeit; und weil ich den Tag über, nur wenige Stunden in meiner Gewalt hatte, so fing ich wieder an, den grössten teil der Zeit, worin andere schliefen, in den angenehmen Hainen, die den Tempel umgehen, mit meinen Gedanken und dem Bilde meiner Unbekannten zu durchwachen. In einer dieser Nächte begegnete es, dass ich von ungefähr in eine Gegend des Hains verirrte, welche das Ansehen einer Wildnis, aber der anmutigsten