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aufgeschürzten Ärmeln fast ganz zu sehen; und eine Bewegung, welche sie, während unsers Gesprächs unwissender Weise gemacht haben wollte, trieb einen Busen aus seiner Verhüllung hervor, welcher reizend genug war, ihr Gesicht um zwanzig Jahre jünger zu machen. Sie bemerkte diese kleine Unregelmässigkeit endlich; aber das Mittel, wodurch sie die Sachen wieder in Ordnung zu bringen suchte, war mit der Unbequemlichkeit verbunden, dass dadurch ein Fuss bis zur Hälfte sichtbar wurde, dessen die schönste Spartanerin sich hätte rühmen dürfen. Die tiefe Gleichgültigkeit, worin mich alle diese Reizungen liessen, machte ohne Zweifel, dass ich Beobachtungen machen konnte, wozu ein gerührter Zuschauer die Freiheit nicht gehabt hätte. Indes gab mir doch eine Art von Scham, die ich anstatt der guten Pytia auf meinen Wangen glühen fühlte, ein Ansehen von Verwirrung, womit die Dame, welche in zweifelhaften Fällen alle mal zu Gunsten ihrer Eigenliebe urteilte, ziemlich wohl zufrieden schien. Sie schrieb es vermutlich einer schüchternen Unentschlossenheit oder einem Streit zwischen Ehrfurcht und Liebe bei, dass ich (ungeachtet des starken Eindrucks, den sie auf mich machte) ihr keine gelegenheit gab, die Delicatesse ihrer Tugend sehen zu lassen. Ich hatte Aufmunterungen nötig, zu welchen man bei einem geübtern Liebhaber sich nicht herablassen würde. Die Geschicklichkeit, die man mir in der Kunst, die Dichter zu lesen, beilegte, diente ihr zum Vorwand, mir einen Zeit-Vertrieb vorzuschlagen, von dem sie sich einige Beföderung dieser Absicht versprechen konnte. Sie versicherte mich, dass Homer ihr Lieblings-Autor sei, und bat mich, ihr das Vergnügen zu machen, sie eine probe meines gepriesenen Talents hören zu lassen. Sie nahm einen Homer, der neben ihr lag, und stellte sich, nachdem sie eine Weile gesucht hatte, als ob es ihr gleichgültig sei, welcher Gesang es wäre; sie gab mir den ersten den besten in die hände; aber zu gutem Glücke war es gerade derjenige, worin Juno, mit dem Gürtel der Venus geschmückt, den Vater der Götter in eine so lebhafte Erinnerung der Jugend ihrer ehelichen Liebe setzt. – – Von dem dichterischen Feuer, welches in diesem Gemälde glühet, und dem süssen Wohlklang der Homerischen Verse entzückt, beobachtete sie nicht, in was für eine verführische Unordnung ein teil ihres Putzes durch eine Bewegung der Bewunderung, welche sie machte, gekommen war. Sie nahm von dieser Stelle Anlass, die unumschränkte Gewalt des liebes-Gottes zum gegenstand der Unterredung zu machen. Sie schien der Meinung derjenigen günstig zu sein, welche behaupten, dass der Gedanke, einer so mächtigen Gotteit widerstehen zu wollen, nur in einer vermessenen und ruchlosen Seele geboren werden könne. Ich pflichtete ihr bei, behauptete aber, dass die meisten in den Begriffen, welche sie sich von diesem Gotte machten, der grossen Pflicht, von der Gotteit nur das Würdigste und Vollkommenste zu denken, sehr zu nahe träten und dass die Dichter durch die allzusinnliche Ausbildung ihrer allegorischen Fabeln in diesem Stücke sich keines geringen Vergebens schuldig gemacht hätten. Unvermerkt schwatzte ich mich in einen Entusiasmus hinein, in welchem ich, nach den grundsätzen meiner geheimnisreichen Philosophie, von der intellectualischen Liebe, von der Liebe welche der Weg zum Anschauen des wesentlichen Schönen ist, von der Liebe welche die geistigen Flügel der Seele entwickelt, sie mit jeder Tugend und Vollkommenheit schwellt, und zuletzt durch die Vereinigung mit dem Urbild und Urquell des Guten in einen Abgrund von Licht, Ruhe und unveränderlicher Wonne hineinzieht, worin sie gänzlich verschlungen und zu gleicher Zeit vernichtigt und vergöttert wird – – so erhabne, mir selbst meiner Einbildung nach sehr deutliche, der schönen Priesterin aber so unverständliche Dinge sagte, dass sie in eben der Proportion, nach welcher sich meine Einbildungs-Kraft dabei erwärmte, nach und nach davon eingeschläfert wurde. In der Tat konnte im Prospect eines so schönen Busens, als ich vor mir sah, nichts seltsamers sein, als eine Lob-Rede auf die intellectualische Liebe; auch gab die betrogne Pytia nach einer solchen probe alle Hoffnung auf, mich, diesen Abend wenigstens, zu einer natürlichen Art zu denken und zu lieben herumzustimmen. Sie entliess mich also bald darauf, nachdem sie mir, wiewohl auf eine ziemlich rätselhafte Art, zu vernehmen gegeben hatte, dass sie besondere Ursachen habe, sich meiner mehr anzunehmen, als irgend eines andern Kostgängers des Apollo. Ich verstund aus dem, was sie mir davon sagte, so viel, dass sie eine nahe Anverwandtin meines mir selbst noch unbekannten Vaters sei; dass es ihr vielleicht bald erlaubt sein werde, mir das Geheimnis meiner Geburt zu entdecken; und dass ich es allein diesem nähern Verhältnis zu zuschreiben habe, wenn sie mich durch eine Freundschaft unterscheide, welche mich, ohne diesen Umstand, vielleicht hätte befremden können. Diese Eröffnung, an deren Wahrheit mich ihre Mine nicht zweifeln liess, hatte die gedoppelte Würkung – – mich zu bereden, dass ich mich in meinen Gedanken von ihren Gesinnungen betrogen haben könneund sie auf einmal zu einem interessanten gegenstand für mein Herz zu machen. In der Tat fing ich, von dem Augenblick, da ich hörte, dass sie mit meinem Vater befreundet sei, an, sie mit ganz andern Augen anzusehen; und vielleicht würde sie von den Dispositionen, in welche ich dadurch gesetzt wurde, in kurzer Zeit mehr Vorteil haben ziehen können, als von allen den Kunstgriffen, womit sie meine Sinnen hatte überraschen wollen. Aber die gute Dame wusste entweder nicht, wie viel man bei gewissen