welche ihr ganzes liebliches Gesicht mit Rosen überzog, die Augen niedergeschlagen hatte. Ich war zu unerfahren, und in der Tat auch zu bescheiden, aus diesem Umstand etwas besonderes zu meinem Vorteil zu schliessen; aber doch erinnerte ich mich desselben mit einem so innigen Vergnügen, als ob es mir geahnet hätte, wie glücklich mich die Folge davon machen würde. Ich hatte die Eitelkeit nicht, welche uns zu schmeicheln pflegt, dass wir liebenswürdig seien; ich dachte an nichts weniger, als auf Mittel, wie ich mich lieben machen wollte. Aber die Schönheit der Seele, die ich in ihrem gesicht ausgedrückt gesehen hatte; diese sanfte Heiterkeit, die aus dem natürlichen Ernst ihrer Züge hervorlächelte, hauchten mir Hoffnung ein, dass ich geliebet werden würde. – – Und welch einen Himmel von Wonne eröffnete diese Hoffnung vor mir! Was für Aussichten! Welches Entzücken! – – Wenn ich mir vorstellte, dass mein ganzes Leben, dass selbst die Ewigkeiten, in deren grenzenlosen Tiefen, der glückliche die Dauer seiner Wonne so gerne sich verlieren lässt, in ihrem Anschauen und an ihrer Seite dahinfliessen würden!
So lebhafte Hoffnungen setzten voraus, dass ich sie wieder finden würde; und dieser Wunsch brachte die Begierde mit sich, zu wissen wer sie sei. Aber wen konnte' ich fragen? Ich hatte keinen Freund, dem ich mich entdecken durfte; von einem jeden andern glaubte ich, dass er bei einer solchen Frage mein ganzes Geheimnis in meinen Augen lesen würde; und die Liebe, die ein sehr guter Ratgeber ist, hatte mich schon einsehen gemacht, wie viel daran gelogen sei, dass der Pytia nicht das Geringste zu Ohren komme, was ihr den Zustand meines Herzens hätte verraten, oder sie zu einer misstrauischen Beobachtung meines Betragens veranlassen können. Ich verschloss also mein Verlangen in mich selbst, und erwartete mit Ungeduld, bis irgend ein meiner Liebe günstiger SchutzGeist mir zu dieser gewünschten Entdeckung verhelfen würde. Nach einigen Tagen fügte es sich, dass ich meiner geliebten Unbekannten in einem der Vorhöfe des Tempels begegnete. Die Furcht, von jemand beobachtet zu werden, hielt mich in eben dem Augenblick zurück, da ich auf sie zueilen und meine Entzükkung über diesen unverhofften Anblick in Gebärden, und vielleicht in Ausrufungen, ausbrechen lassen wollte. Sie blieb, indem sie mich erblickte, einige Augenblicke stehen, und sah mich an.
Ich glaubte ein plötzliches Vergnügen in ihrem schönen Gesicht aufgeben zu sehen; sie errötete, schlug die Augen wieder nieder, und eilte davon. Ich durft' es nicht wagen, ihr zu folgen; aber meine Augen folgten ihr, so lang es möglich war; und ich sah, dass sie zu einer Tür einging, welche in die wohnung der Priesterin führte. Ich begab mich in den Hain, um meinen Gedanken über diese angenehme Erscheinung ungestörter nachzuhängen. Der letzte Umstand, den ich bemerkt hatte, und ihre Kleidung, brachte mich auf die Vermutung, dass sie vielleicht eine von den Aufwärterinnen der Pytia sei, deren diese Dame eine grosse Anzahl hatte, die aber (ausser bei besonderen Feierlichkeiten) selten sichtbar wurden. Diese Entdekkung beschäftigte mich noch nach der ganzen Wichtigkeit, die sie für mich hatte, als ich, in der Tat zur ungelegensten Zeit von der Welt, zu der zärtlichen Priesterin gerufen wurde. – – Die Begierde und die Hoffnung, meine Geliebte bei dieser gelegenheit wieder zu sehen, machte mir anfänglich diese Einladung sehr willkommen; aber meine Freude wurde bald von dem Gedanken vertrieben, wie schwer es mir sein würde, wenn meine Unbekannte zugegen wäre, meine Empfindungen für sie den Augen einer Nebenbuhlerin zu verbergen. Die Künste der Verstellung waren mir zu unbekannt, und meine Gemüts-Regungen bildeten sich (auch wider meinen Willen) zu schnell und zu deutlich in meinem Äusserlichen ab, als dass ich mich bei allen meinen Bestrebungen, vorsichtig zu sein, sicher genug halten konnte. Diese Gedanken gaben mir (wie ich glaube) ein ziemlich verwirrtes Aussehen, als ich vor die Pytia geführt wurde. Allein, da ich niemand, als eine kleine Sclavin von neun oder zehen Jahren, bei ihr fand, erholte ich mich bald wieder; und sie selbst schien mit ihren eigenen Bewegungen zu sehr beschäftigt, um auf die meinige genau Acht zu gehen, – – oder (welches wenigstens eben so wahrscheinlich ist) sie legte die Veränderung, die sie in meinem gesicht wahrnehmen musste, zu Gunsten ihrer Reizungen aus, von denen sie sich dieses mal desto mehr Würkung versprechen konnte, je mehr sie vermutlich darauf studiert hatte, sie in dieses reizende Schatten-Licht zu setzen, welches die EinbildungsKraft so lebhaft zum Vorteil der Sinnen ins Spiel zu ziehen pflegt. Sie sass oder lag (denn ihre Stellung war ein Mittelding von beiden) auf einem mit Silber und Perlen reich bestickten Ruhe-Bette; ihr ganzer Putz hatte dieses Zierlich-Nachlässige, hinter welches die Kunst sich auf eine schlaue Art versteckt, wenn sie nicht dafür angesehen sein will, dass sie der natur zu hülfe komme; ihr Gewand, dessen bescheidene Farbe ihrer eigenen eben so sehr als der Anständigkeit ihrer Würde angemessen war, wallte zwar in vielen Falten um sie her; aber es war schon dafür gesorgt, dass hier und da der schöne Contour dessen, was damit bedeckt war, deutlich genug wurde, um die Augen auf sich zu ziehen, und die Neugier lüstern zu machen. Ihre arme, die sie sehr schön hatte, waren in weiten und halb