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, und ihn nach und nach eben so durchdringe und erfülle, wie die Sonne einen angestrahlten wasser-Tropfen. Ich überredete mich, dass die unverrückte Beschauung der Weisheit und Güte, welche so wohl aus der besonderen natur eines jeden Teils der Schöpfung, als aus dem Plan und der allgemeinen Oeconomie des Ganzen hervorleuchte, das unfehlbare Mittel sei, selbst weise und gut zu werden. Ich brachte alle diese Grundsätze in Ausübung. Jeder neue Gedanke, der sich in mir entwickelte, wurde zu einer Empfindung meines Herzens; und so lebte ich in einem stillen und lichtvollen Zustand des Gemüts, dessen ich mich niemals anders als mit wehmütigem Vergnügen erinnern werde, etliche glückliche Jahre hin; unwissend (und glücklich durch diese Unwissenheit) dass dieser Zustand nicht dauern könne; weil die Leidenschaften des reifenden alters, und (wenn auch diese nicht wären) die unvermeidliche Verwicklung in dem Wechsel der menschlichen Dinge jene Fortdauer von innerlicher Heiterkeit und Ruhe nicht gestatten, welche nur ein Anteil entcörperter Wesen sein kann.

Drittes Capitel

Die Liebe in verschiedenen Gestalten

Inzwischen hatte ich das achtzehnte Jahr erreicht, und fing nun an, mitten unter den angenehmen Empfindungen, von denen meine Denkungs-Art und meine Beschäftigungen unerschöpfliche Quellen zu sein schienen, ein Leeres in mir zu fühlen, welches sich durch keine Ideen ausfüllen lassen wollte. Ich sah die manchfaltigen Scenen der natur wie mit neuen Augen an; ihre Schönheiten hatten für mich etwas Herz-rührendes, welches ich sonst nie auf diese Art empfunden hatte. Der Gesang der Vögel im Haine schien mir was zu sagen, das er mir nie gesagt hatte, ohne dass ich wusste, was es war; und die neu belaubten Wälder schienen mich einzuladen, in ihren Schatten einer wollüstigen Schwermut nachzuhängen, von welcher ich mitten in den erhabensten Betrachtungen wider meinen Willen überwältiget wurde. Nach und nach verfiel ich in eine weichliche Untätigkeit: Mich deuchte, ich sei bisher nur in der Einbildung glücklich gewesen; und mein Herz sehnete sich nach einem Gegenstand, in welchem ich jene idealische Vollkommenheiten wirklich geniessen möchte, an denen ich mich bisher nur wie an einem geträumten Gastmahle geweidet hatte. Damals zuerst stellten sich mir die Reizungen der Freundschaft in einer vorher nie empfundenen Lebhaftigkeit dar: Ein Freund (bildete ich mir ein) ein Freund würde diese geheime sehnsucht meines Herzens befriedigen. Meine Phantasie malte sich einen Pylades aus, und mein verlangendes Herz bekränzte dieses schöne Bild mit allem, was mir das Liebenswürdigste schien, selbst mit jenen äusserlichen Annehmlichkeiten, welche in meinem System den natürlichen Schmuck der Tugend ausmachten. Ich suchte diesen Freund unter der blühenden Jugend, welche mich umgab. Mehr als einmal betrog mich mein Herz, ihn gefunden zu haben; aber eine kurze Erfahrung machte mich meines Irrtums bald gewahr werden. Unter einer so grossen Anzahl von auserlesenen Jünglingen, welche die Liverei des Gottes zu Delphi trugen, war nicht ein einziger, den die natur so vollkommen mit mir zusammen gestimmt hatte, als die Spitzfindigkeit meiner Begriffe es erfoderte.

Um diese Zeit geschah es, dass ich das Unglück hatte, der Ober-Priesterin eine Neigung einzuflössen, welche mit ihrem geheiligten stand und mit ihrem Alter einen gleich starken Absatz machte; sie hatte mich schon seit geraumer Zeit mit einer vorzüglichen Gütigkeit angesehen, welche ich, so lang ich konnte, einer mütterlichen Gesinnung beimass, und mit aller der Ehrerbietung erwiderte, die ich der Vertrauten des Delphischen Gottes schuldig war. Stelle dir vor, schöne Danae, was für ein Modell zu einer Bild-Säule des Erstaunens ich abgegeben hätte, als sich eine so ehrwürdige person herabliess, mir zu entdecken, dass alle Vertraulichkeit, die ich zwischen ihr und dem Apollo voraussetzte, nicht zureiche, sie über die Schwachheiten der gemeinsten Erden-Töchter hinwegzusetzen. Die gute Dame war bereits in demjenigen Alter, worin es lächerlich wäre, das Herz eines Mannes von einiger Erfahrung einer jungen Nebenbuhlerin streitig machen zu wollen. Allein einem Neuling, wofür sie mich mit gutem Grund ansah, die ersten Unterweisungen zu gehen, dazu konnte sie sich ohne übertriebene Eitelkeit für reizend genug halten. Sie war zu den zeiten des Heiligen krieges in der Blüte ihrer Schönheit gewesen; hatte sich aber, wie die meisten ihres Standes, so gut erhalten, dass sie noch immer Hoffnung haben konnte, in einer Versammlung herbstlicher Schönheiten vorzüglich bemerkt zu werden. Setze zu diesen ehrwürdigen Überbleibseln einer vormals berühmten Schönheit eine Figur, wie man die blonde Ceres zu bilden pflegt, grosse schwarze Augen, unter deren affectiertem Ernst eine wollüstige Glut hervorglimmte, und zu allem diesem eine ungemeine Sorgfalt für ihre person, und die schlaue Kunst, die Vorteile ihrer Reizungen mit der strengen Sittsamkeit ihrer priesterlichen Kleidung zu verbinden: so kannst du dir eine genugsame Vorstellung von dieser Pytia machen, um den Grad der Gefahr abnehmen zu können, worin sich die Einfalt meiner Jugend bei ihren Nachstellungen befand.

Es ist leicht zu erachten, wie viel es sie Mühe kosten musste, die ersten Schwierigkeiten zu überwinden, welche ein mehr Ehrfurcht als Liebe einflössendes Frauenzimmer, in den hartnäckigen Vorurteilen eines achtzehnjährigen Jünglings findet. Ihr Stand erlaubte ihr nicht, sich deutlich zu erklären; und meine Blödigkeit verstand die Sprache nicht, deren sie sich zu bedienen genötigt war. Zwar braucht man sonst zu dieser Sprache keinen andern Lehrmeister als sein Herz; allein unglücklicher Weise sagte mir mein Herz nichts. Es bedurfte der lange geübten Geduld einer bejahrten Priesterin, um nicht tausendmal das Vorhaben aufzugeben, einem Menschen, der aus lauter Ideen zusammengesetzt