zu sein, und den Glanz von Augen, welche die ganze Welt erleuchteten, nicht ertragen zu können. Er redete mich an; er bezeugte mir sein Wohlgefallen an meinem Dienst, und an der feurigen Begierde, womit ich, mit Verachtung der irdischen Dinge mich den himmlischen widmete. Er munterte mich auf, in diesem Wege fortzugehen, und mich den Einflüssen der Unsterblichen leidend zu überlassen; mit der Versicherung, dass ich bestimmt sei, die Anzahl der Glücklichen zu vermehren, welche er seiner besonderen Gunst gewürdiget habe. Er verschwand, indem er diese Worte sagte, so plötzlich, dass ich nichts dabei beobachten konnte; und so voreingenommen als mein Gemüt war, hätte dieser Apollo seine Rolle viel ungeschickter spielen können, ohne dass mir ein Zweifel gegen seine Gotteit aufgestiegen wäre. Teogiton, dem ich von dieser Erscheinung Nachricht gab, wünschte mir Glück dazu, und sagte mir von den alten Helden unsrer Nation, welche einst Lieblinge der Götter gewesen, und nun als Halbgötter selbst altäre und Priester hätten, so viel herrliche Sachen vor, als er nötig erachten mochte, meine Betörung vollkommen zu machen. Am Ende vergass er nicht, mir Anweisung zu geben, wie ich mich bei einer zweiten Erscheinung gegen den Gott zu verhalten hätte. Insonderheit ermahnte er mich, mein Urteil über alles zurückzuhalten, mich durch nichts befremden zu lassen, und der Vorschrift unsrer Philosophie immer eingedenk zu bleiben, welche eine gänzliche Untätigkeit von uns fodert, wenn die Götter auf uns würken sollen. Man musste so unerfahren sein, als ich war, um keine Schlange unter diesen Blumen zu merken. Nichts als die Entwicklung dieser heiligen Mummerei konnte mir die Augen öffnen. Ich konnte unmöglich aus mir selbst auf den Argwohn geraten, dass die Zuneigung einer Gotteit eigennützig sein könne. Ich hatte vielmehr gehofft, die grössesten Vorteile für meine Wissens-Begierde von ihr zu ziehen, und mit mehr als menschlichen Vorzügen begabt zu werden. Die Erklärungen des Apollo befremdeten mich endlich, und seine Handlungen noch mehr; zuletzt entdeckte ich, was du schon lange vorher gesehen haben musst, dass der vermeinte Gott kein andrer als Teogiton selber war; welcher, sobald er sein Spiel entdeckt sah, auf einmal die Sprache änderte, und mich bereden wollte, dass er diese Comödie nur zu dem Ende angestellt habe, um mich von der Eitelkeit der Teosophie, in die er mich so verliebt gesehen hätte, desto besser überzeugen zu können. Er zog die Folge daraus: Dass alles, was man von den Göttern sagte, Erfindungen schlauer Köpfe wären, womit sie Weiber und leichtgläubige Knaben in ihr Netz zu ziehen suchten; Kurz, er wandte alles an, was eine unsittliche leidenschaft einem schamlosen Verächter der Götter eingeben kann, um die Mühe einer so wohl ausgesonnenen und mit so vielen Maschinen aufgestützten Verführung nicht umsonst gehabt zu haben Ich verwies ihm seine Bosheit mit einem Zorne, der mich stark genug machte, mich von ihm loszureissen. Des folgenden tages hatte er die Unverschämteit, die priesterlichen Verrichtungen mit eben der heuchlerischen Andacht fortzusetzen, womit er mich und jeden andern bisher hintergangen hatte. Er liess nicht die geringste Veränderung in seinem Betragen gegen mich merken, und schien sich des Vergangenen eben so wenig zu erinnern, als ob er den ganzen Lete ausgetrunken hätte. Diese Aufführung vermehrte meine Unruhe sehr; ich konnte noch nicht begreifen, dass es Leute geben könne, welche, mitten in den Ausschweifungen des Lasters, Ruhe und Heiterkeit, die natürlichen gefährten der Unschuld, beizubehalten wissen. Allein in weniger Zeit darauf befreite mich die Unvorsichtigkeit dieses Betrügers von den Besorgnissen, worin ich seit der geschichte in der Grotte geschwebet hatte. Teogiton verschwand aus Delphi, ohne dass man die eigentliche Ursache davon erfuhr. Aus dem, was man sich in die Ohren murmelte, erriet ich, dass Apollo endlich überdrüssig geworden sein möchte, seine person von einem andern spielen zu lassen. Einer von unsern Knaben, der ein Verwandter des Ober-Priesters war, hatte (wie man sagte) den Anlass dazu gegeben.
Diese begebenheiten führten mich natürlicher Weise auf viele neue Betrachtungen; aber meine Neigung zum Wunderbaren und meine Lieblings-Ideen verloren nichts dabei; sie gewannen vielmehr, indem ich sie nun in mich selbst verschloss, und die Unsterblichen allein zu Zeugen desjenigen machte, was in meiner Seele vorging. Ich fuhr fort, die Verbesserung derselben nach den grundsätzen der Orphischen Philosophie mein vornehmstes Geschäfte sein zu lassen. Ich fing nun an zu glauben, dass keine andre als eine idealische Gemeinschaft zwischen den Höhern Wesen und den Menschen möglich sei; dass nichts als die Reinigkeit und Schönheit unsrer Seele vermögend sei, uns zu einem gegenstand des Wohlgefallens jenes Unnennbaren, Allgemeinen, Obersten Geistes zu machen, von welchem alle übrige, wie die Planeten von der Sonne, ihr Licht – und die ganze natur ihre Schönheit und unwandelbare Ordnung erhalten; und dass endlich in der Übereinstimmung aller unsrer Kräfte, Gedanken und geheimsten Neigungen mit den grossen Absichten und den allgemeinen Gesetzen dieses Beherrschers der sichtbaren und unsichtbaren Welt, das wahre Geheimnis liege, zu derjenigen Vereinigung mit demselben zu gelangen, welche ich für die natürliche Bestimmung und das letzte Ziel aller Wünsche eines unsterblichen Wesens ansah. Beides, jene geistige Schönheit der Seele und diese erhabene Richtung ihrer Würksamkeit nach den Absichten des Gesetzgebers der Wesen, glaubte ich am sichersten durch die Betrachtung der natur zu erhalten; welche ich mir als einen Spiegel vorstellte, aus welchem das Wesentliche, Unvergängliche und Göttliche in unsern Geist zurückstrahle