1766_Wieland_106_7.txt

sich rühmen lächerlicher geputzt zu sein, weigere Zähne und sanftere hände zu haben als Narcissus. Er war der erste in der Kunst, sich in einem Augenblick zweimal auf einem Fuss herum zu drehen, einen Fächer aufzuheben, oder ein Blumensträusschen an die Stirne einer Dame zu stecken. Bei solchen Vorzügen glaubte er einen natürlichen Beruf zu haben, sich dem weiblichen Geschlecht anzubieten. Die Leichtigkeit womit seine Verdienste über die zärtlichen Herzen der Sträussermädchen gesiegt hatten, machte ihm Mut sich an die Kammermädchen zu wagen, und von diesen Nymphen erhob er sich endlich zu den Göttinnen selbst. Ohne sich zu bekümmern, wie sein Herz aufgenommen wurde, hatte er sich angewöhnt zu glauben, dass er unwiderstehlich sei; und wenn er nicht allemal Proben davon erhielt, so machte er sich dafür schadlos, indem er sich der Gunstbezeugungen am meisten rühmte, die er nicht genossen hatte. – Wunderst du dich, Agaton, woher ich so wohl von ihm unterrichtet bin? Von ihm selbst. Was meine Augen nicht an ihm entdeckten, das sagte mir sein Mund. Denn er selbst war der unerschöpfliche Inhalt seiner gespräche, so wie der einzige Gegenstand seiner Bewunderung. Ein Liebhaber von dieser Art sollte dem Ansehen nach wenig zu bedeuten haben. Eine Zeit lang belustigte mich seine Torheit; allein er wurde ungestüm. Er fand es unanständig, dass eine Aufwärterin seiner Mutter unempfindlich gegen ein Herz bleiben sollte, um welches die Sträusser-Mädchen zu Aten einander beneidet hatten. Ich ward endlich genötiget, meine Zuflucht zu seiner Mutter zu nehmen. Allein eben diese leutselige Organisation, welche sie gütig gegen sich selbst, gegen ihr Schosshündchen und gegen alle Welt machte, machte sie auch gütig gegen die Torheiten ihres Sohnes. Sie schien es so gar übel zu nehmen, dass ich von den Vorzügen eines so liebreizenden jungen Herrn nicht stärker gerührt würde. Die Ungeduld über die Anfälle, denen ich beständig ausgesetzt war, gab mir tausendmal den Gedanken ein, mich heimlich hinweg zu stehlen. Allein ich hatte keine Nachricht von dir; ein Reisender von Delphi hatte uns zwar gesagt, dass du daselbst unsichtbar geworden, aber niemand konnte sagen wo du seiest. Diese Ungewissheit stürzte mich in eine Unruhe, die meiner Gesundheit nachteilig zu werden anfing; als eben dieser Narcissus, dessen lächerliche Liebe zu sich selbst mich so lange gequält hatte, mir ohne seine Absicht das Leben wieder gab, indem er erzählte, dass ein gewisser Agaton von Aten, nach einem Sieg über die aufrührischen Einwohner von Euböa, diese Insel seiner Republik wieder unterworfen habe. Die Umstände die er von diesem Agaton hinzu fügte, liessen mich nicht zweifeln, dass du es seiest. Eine Sclavin, die mir gewogen war, beförderte meine Flucht. Sie hatte einen Liebhaber, der sie beredet hatte, sich von ihm entführen zu lassen. Ich half ihr, dieses Vorhaben auszuführen und begleitete sie; der junge Sicilianer verschaffte mir zur Dankbarkeit dieses Sclavenkleid, und brachte mich auf ein Schiff, welches nach Aten bestimmt war. Ich wurde für einen Sclaven ausgegeben, der seinen Herrn zu Aten suchte, und überliess mich zum zweitenmal den Wellen, aber mit ganz andern Empfindungen als das erstemal, da sie nun anstatt mich von dir zu entfernen, uns wieder zusammen bringen sollten.

Achtes Capitel

Psyche beschlieft ihre Erzählung

Unsre Fahrt war einige Tage glücklich, ausser dass ein Wind der uns westwärts trieb, unsre Reise ungewöhnlich verlängerte. Allein am Abend des sechsten Tages erhob sich ein heftiger Sturm, der uns in wenigen Stunden wieder einen grossen Weg zurück machen liess; unsre Schiffer waren endlich so glücklich, eine von den unbewohnten Cycladen zu erreichen, wo wir uns vor dem Sturm in Sicherheit setzten. Wir fanden in eben der Bucht wohin wir uns geflüchtet hatten, ein anders Schiff liegen, worin sich eben diese Cilicier befanden, denen wir jetzt zugehören. Sie hatten eine griechische Flagge aufgesteckt, sie grüssten uns, sie kamen zu uns herüber, und weil sie unsre Sprache redeten, so hatten sie keine Mühe uns so viele Märchen vorzuschwatzen, als sie nötig fanden, uns sicher zu machen. Nach und nach wurde unser Volk vertraulich mit ihnen; sie brachten etliche grosse Krüge mit Cyprischem Weine, wodurch sie in wenig Stunden alle unsre Leute wehrlos machten. Sie bemächtigten sich hierauf unsers ganzen Schiffes, und begaben sich, so bald sich der Sturm in etwas gelegt hatte, wieder in die See. Bei der Teilung wurde ich einmütig dem Hauptmann der Räuber zuerkannt. Man bewunderte meine Gestalt ohne mein Geschlecht zu mutmassen. Allein diese Verborgenheit half mir nicht so viel, als ich gehofft hatte. Der Cilicier, den ich für meinen Herrn erkennen musste, verzog nicht lange, mich mit einer ekelhaften leidenschaft zu quälen. Er nannte mich Ganymedes, und schwur bei allen Tritonen und Nereiden, dass ich ihm sein müsste, was dieser trojanische Prinz dem Jupiter gewesen sei. Wie er sah, dass seine Schmeicheleien ohne Würkung waren, nötigte er mich zuletzt, ihm zu zeigen, dass ich mein Leben gegen meine Ehre für nichts halte. Dieses verschaffte mir bisher einige Ruhe, und ich fing an, auf ein Mittel meiner Befreiung zu denken. Ich gab dem Räuber zu verstehen, dass ich von einem ganz andern stand sei, als mein Sclavenmässiger Anzug zu erkennen gäbe, und bat ihn aufs inständigste mich nach Aten zu führen, wo er für meine Erledigung erhalten würde, was er nur fodern wollte. Allein über diesen Punkt war er unerbittlich, und jeder Tag