unter der geschichte der Semele zu erkennen gegeben) gänzlich davon verzehrt und vernichtet werden, wenn sie sich nicht mit einer Art von körperlichem Schleier umhüllen, und durch diese Herablassung uns nach und nach fähig machen würden, sie endlich selbst, entkörpert und in ihrer wesentlichen Gestalt anzuschauen. Ich war einfältig genug alle diese vorgegebene Geheimnisse für echt zu halten; ich hörte dem ernsten Teogiton mit einem heiligen Schauer zu, und machte mir seine Unterweisungen so wohl zu Nutze, dass ich Tag und Nacht an nichts anders dachte als an die ausserordentliche Dinge, wovon ich in kurzem die Erfahrung bekommen würde.
Du kannst dir einbilden, Danae, ob meine Phantasie in dieser Zeit müssig war. Ich würde nicht fertig werden, wenn ich alles beschreiben wollte, was damals in ihr vorging, und mit welch einer Zauberei sie mich in meinen Träumen bald in die glücklichen Inseln, welche Pindar so prächtig schildert, bald zum Gastmahl der Götter, bald in die Elysischen Täler, der wohnung seliger Schatten, versetzte.
So seltsam es klingt, so gewiss ist es doch, dass die Kräfte der Einbildung dasjenige weit übersteigen, was die natur unsern Sinnen darstellt: Sie hat etwas glänzenders als Sonnenglanz, etwas lieblichers als die süssesten Düfte des Frühlings zu ihren Diensten, unsre inneren Sinnen in Entzückung zu setzen; sie hat neue Gestalten, höhere Farben, vollkommnere Schönheiten, schnellere Veranstaltungen, eine neue Verknüpfung der Ursachen und Würkungen, eine andere Zeit – – kurz, sie erschafft eine neue natur, und versetzt uns in der Tat in fremde Welten, welche nach ganz andern Gesetzen als die unsrige regiert werden. In unsrer ersten Jugend sind wir noch zu unbekannt mit den Triebfedern unsers eignen Wesens, um deutlich einzusehen, wie sehr diese scheinbare Magie der Einbildungskraft in der Tat natürlich ist. Wenigstens war ich damals leichtgläubig genug, Träume von dieser Art, übernatürlichen Einflüssen beizumessen, und sie für Vorboten der Wunderdinge zu halten, welche ich bald auch wachend zu erfahren hoffte.
Einsmals, als ich nach der Vorschrift des Teogitons acht Tage lang mit geheimen Ceremonien und Weihungen, und in einer unablässigen Anstrengung mein Gemüt von allen äusserlichen Gegenständen abzuziehen, zugebracht hatte, und mich nunmehr berechtiget hielt, etwas mehr zu erwarten, als was mir bisher begegnet war, begab ich mich in später Nacht, da alles schlief, in die Grotte der Nymphen, und nachdem ich eine Menge von schwülstigen Liedern und Anrufungsformeln hergesagt hatte, legte ich mich, mit dem Angesicht gegen den vollen Mond gekehrt, welcher eben damals in die Grotte schien, auf die Ruhebank zurück, und überliess mich der Vorstellung, wie mir sein würde, wenn Luna aus ihrer Silbersphäre herabsteigen, und mich zu ihrem Endymion machen würde. Mitten in diesen ausschweifenden Vorstellungen, unter denen ich allmählich zu entschlummern anfing, weckte mich plötzlich ein liebliches Getön, welches in einiger Entfernung über mir zu schweben schien, und wie ich bald erkannte, aus derjenigen Art von Saitenspiel erklang, welche man dem Apollo zuzueignen pflegt. Einem natürlich gestimmten Menschen würde gedeucht haben, er höre ein gutes Stück von einer geschickten Hand ausgeführt; und so hätte er sich nicht betrügen können. Aber in der Verfassung, worin ich damals war, hätte ich vielleicht das Gequäke eines Chors von Fröschen für den Gesang der Musen gehalten. Die Musik, die ich hörte, rührte, fesselte, entzückte mich; sie übertraf, meiner eingebildeten Empfindung nach (denn die Phantasie hat auch ihre Empfindungen,) alles was ich jemals gehört hatte, nur Apollo, der Vater der Harmonie, dessen Laute die Sphären ihre Götteo überirdische Töne hervorbringen. Meine Seele schien davon wie aus ihrem leib emporgezogen zu werden, und, lauter Ohr, über den Wolken zu schweben; als diese Musik plötzlich aufhörte, und mich in einer Verwirrung von Gedanken und Gemütsregungen zurückliess, die mir diese ganze Nacht kein Auge zu schliessen, gestattete.
Des folgenden Tages erzählte ich dem Teogiton, was mir begegnet war. Er schien nichts sehr besonders daraus zu machen doch gab er, nachdem er mich um alle Umstände befragt hatte, zu, dass es Apollo, oder eine von den Musen gewesen sein könne. Du wirst lächeln, Danae, wenn ich dir gestehe, dass ich, so jung ich war, und ohne mir selbst recht bewusst zu sein, warum? Doch lieber gesehen hätte, wenn es eine Muse gewesen wäre. Ich unterliess nun keine Nacht, mich in der Grotte einzufinden, um die vermeinte Muse wieder zu hören: Aber meine Erwartung betrog mich; es war Apollo selbst. Nach etlichen Nächten worin ich mich mit der stummen Gegenwart der Nymphen von Cypressenholz hatte begnügen müssen, kündigte mir ein heller Schein, der auf einmal in die Grotte fiel, und durch die allgemeine Dunkelheit und meinen Wahnwitz zu einem überirdischen Licht erhoben wurde, irgend eine ausserordentliche Begebenheit an. Urteile, wie bestürzt ich war, als ich mitten in der Nacht, den Gott des Tages, auf einer hellglänzenden Wolke sitzend, vor mir sah, der sich mir zu lieb den Armen der schönen Tetis entrissen hatte. Goldgelbe Locken flossen um seine weissen Schultern; eine Crone von Strahlen schmückte seine Scheitel; das silberne Gewand, das ihn umfloss, funkelte von tausend Edelsteinen; und eine goldne Leier lag in seinem linken Arm. Meine Einbildung tat das übrige hinzu, was zu Vollendung einer idealischen Schönheit nötig war. Allein Bestürzung und Ehrfurcht erlaubte mir nicht, dem Gott genauer ins Gesicht zu sehen; ich glaubte geblendet