womit er sie benetzte.
Nichts ist ansteckenders als der Affect einer in Empfindung zerfliessenden Seele. Danae, ohne die ursache aller dieser Bewegungen zu wissen, wurde so sehr von dem Zustand gerührt, worin sie ihren Liebhaber sah, dass sie eben so sprachlos als er selbst, sympatetische Tränen mit den Seinigen vermischte. Diese Scene, welche für den gleichgültigen Leser nicht so interessant sein kann, als sie es für unsre Verliebten war, dauerte eine ziemliche Weile. Endlich fasste sich Agaton, und sagte in einer von diesen zärtlichen Ergiessungen der Seele, an welchen die Überlegung keinen Anteil hat, und worin man keine andre Absicht hat als ein volles Herz zu erleichtern: Ich liebe dich zu sehr, unvergleichliche Danae, und fühle zu sehr, dass ich dich nicht genug lieben kann, um dir länger zu verhehlen, wer dieser Callias ist, den du, ohne ihn zu kennen, deines Herzens würdig geachtet hast. Ich will dir das Geheimnis meines Namens und die ganze geschichte meines Lebens, so weit ich in selbiges zurückzusehen vermag, entdekken; und wenn du alles wissen wirst – – ich weiss es, dass ich einer so grossen Seele, wie die deinige, alles entdecken darf- – Denn wirst du vielleicht natürlich finden, dass der flüchtigste Zweifel, ob es möglich sein könne deine Liebe zu verlieren, hinlänglich ist, mich elend zu machen. Danae stutzte, wie man sich vorstellen kann, bei einer so unerwarteten Vorrede; sie sah unsern Helden so aufmerksam an, als ob sie ihn noch nie gesehen hätte, und verwunderte sich jetzt über sich selbst, dass ihr nicht längst in die Augen gefallen war, dass weit mehr unter ihrem Liebhaber verborgen sei, als die Nachrichten des Hippias, und die Umstände, worin sich ihre Bekanntschaft angefangen, vermuten liessen. Sie dankte ihm auf die zärtlichste Art für die probe eines vollkommnen Zutrauens, welche er ihr geben wolle, und nach einigen vorbereitenden Liebkosungen, womit sie ihre Dankbarkeit bestätigte, fing Agaton die folgende Erzählung an:
Siebentes Buch
Erstes Capitel
Die erste Jugend des Agatons
Ich war schon achtzehn Jahre alt, eh ich denjenigen kannte, dem ich mein Dasein zu danken habe. Von der ersten Kindheit an, in den Hallen des delphischen Tempels erzogen, war ich gewöhnt, die Priester des Apollo mit diesen kindlichen Empfindungen anzusehen, welche das erste Alter über alle, die für unsre Erhaltung sorge tragen, zu ergiessen pflegt. Ich war noch ein kleiner Knabe, als ich schon mit dem geheiligten Gewand, welches die jungen Diener des Gottes von den Sclaven der Priester unterschied, bekleidet, und zum Dienst des Tempels, wozu ich gewidmet war, zubereitet wurde.
Wer Delphi gesehen hat, wird sich nicht verwundern, dass ein Knabe von gefühlvoller Art, der beinahe von der Wiegen an daselbst erzogen worden, unvermerkt eine Gemütsbildung bekommen muss, welche ihn von den gowöhnlichen Menschen unterscheidet. Ausser der besonderen Heiligkeit, welche ein uraltes Vorurteil und die geglaubte Gegenwart des Pytischen Gottes der ganzen delphischen Landschaft beigelegt hat, war in den Bezirken des Tempels selbst kein Platz, der nicht von irgend einem ehrwürdigen oder glänzenden Gegenstand erfüllt, oder durch das Andenken irgend eines Wunders verherrlichet war. Wie nun der Anblick so vieler wundervoller Dinge das erste war, woran meine Augen gewöhnt wurden: So war die Erzählung wunderbarer begebenheiten die erste mündliche Unterweisung, die ich von meinen Vorgesetzten erhielt; eine Art von Unterricht, den ich nötig hatte, weil es ein teil meines Berufs sein sollte, den Fremden, von welchen der Tempel immer angefüllt war, die Gemälde, die Schnitzwerke und Bilder, und den unsäglichen Reichtum von Geschenken, wovon die Hallen und Gewölbe desselben schimmerten, zu erklären.
Für ungewohnte Augen ist vielleicht nichts blendenders als der Anblick eines von so vielen Königen, Städten und reichen Particularen in ganzen Jahrhunderten zusammengehäuften Schatzes von Gold, Silber, Edelsteinen, Perlen, Elfenbein und andern Kostbarkeiten: Für mich, der dieses Anblicks gewohnt war, hatte die bescheidne Bildsäule eines Solon mehr Reiz, als alle diese schimmernde Tropheen einer abergläubischen Andacht, welche ich gar bald mit eben der verachtenden Gleichgültigkeit ansahe, womit ein Knabe die Puppen und Spielwerke seiner Kindheit anzusehen pflegt. Noch unfähig, von den Verdiensten und dem wahren Wert der vergötterten Helden mir einen echten Begriff zu machen, stand ich oft vor ihren Bildern, und fühlte, indem ich sie betrachtete, mein Herz mit geheimen Empfindungen ihrer Grösse und mit einer Bewundrung erfüllt, wovon ich keine andre Ursache als mein innres Gefühl hätte angeben können. Einen noch stärkern Eindruck machte auf mich die grosse Menge von Bildern der verschiednen Gotteiten, unter welchen unsre Voreltern die erhaltenden Kräfte der natur, die manchfaltigen Vollkommenheiten des menschlichen Geistes und die Tugenden des geselligen Lebens personificiert haben, und wovon ich im Tempel und in den Hainen von Delphi mich allentalben umgehen fand. Meine damalige Erfahrung, schöne Danae, hat mich seitdem oftmals auf die Betrachtung geleitet, wie gross der Beitrag sei, welchen die schönen Künste zu Bildung des sittlichen Menschen tun können; und wie weislich die Priester der Griechen gehandelt, da sie die Musen und Grazien, deren Lieblinge ihnen so grosse Dienste getan, selbst unter die Zahl der Gotteiten aufgenommen haben. Der wahre Vorteil der Religion, in so fern sie eine besondere Angelegenheit des priesterlichen Ordens ist, scheinet von der Stärke der Eindrücke abzuhangen, die wir in denjenigen Jahren empfangen, worin wir noch unfähig sind, Untersuchungen anzustellen. Würden unsre Seelen in Absicht der Götter und ihres