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worin wir ihn gesehen haben, von langer Dauer hätte sein können. Die Stärke seiner Empfindungen rieb sich an sich selbst ab; seine Einbildungskraft pflegte in solchen Fällen so lange in geradem Lauf fortzuschiessen, bis sie sich genötiget fand, wieder umzukehren. Er fing nun an, sich zu überreden, dass mehr Schwärmerei als Wahrheit und Vernunft in seiner Betrübnis sei; er glaubte bei näherer Vergleichung zu finden, dass seine leidenschaft für Danae durch die Vollkommenheit des Gegenstands gänzlich gerechtfertiget würde, und so vorzüglich ihm kurz zuvor die Glückseligkeit seines delphischen Lebens, und die unschuldigen Freuden der ersten noch unerfahrnen Liebe geschienen hatten; so unwesentlich fand er sie jetzt in Vergleichung mit demjenigen, was ihn die schöne Danae in ihren Armen hatte erfahren lassen. Das blosse Andenken daran setzte sein Blut in Feuer, und seine Seele in Entzückung; seine angestrengteste Einbildung erlag unter der Bestrebung eine vollkommnere Wonne zu erfinden.

Psyche schien ihm jetzt, so liebenswürdig sie immer sein mochte, zu nichts anderm bestimmt gewesen zu sein, als die Empfindlichkeit seines Herzens zu entwickeln, um ihn fähig zu machen, die Vorzüge der unvergleichlichen Danae zu empfinden. Er schrieb es einem Rückfall in seine ehmalige Schwärmerei zu, dass er sich durch einen Traum, welchen er mit aller seiner sonderbaren Beschaffenheit, doch für nichts mehr als ein Spiel der Phantasie halten konnte, in so heftige Bewegungen hätte setzen lassen. Das einzige, was ihn noch beunruhigte, war der Vorwurf der Untreue gegen seine einst so zärtlich geliebte und so zärtlich wieder liebende Psyche. Allein die Unmöglichkeit von der unwiderstehlichen Danae nicht überwunden zu werden; (ein Punct, wovon er so vollkommen als von seinem eignen Dasein überzeugt zu sein glaubte;) der Verlust aller Hoffnung, Psyche jemals wieder zu finden, (welchen er, ohne genauere Untersuchung, für ausgemacht annahm,) beides schien ihm gegen diesen Vorwurf von grossem Gewicht zu sein; und um sich desselben gänzlich zu entledigen, geriet er endlich gar auf den Gedanken, dass seine Verbindung mit Psyche mehr die Liebe eines Bruders zu einer Schwester, eine blosse Liebe der Seelen, als dasjenige gewesen sei, was im eigentlichen Sinn Liebe genennt werden sollte; eine Entdeckung, die ihm bei Vergleichung der Symptomen dieser beiden Arten von Liebe, unwidersprechlich zu sein deuchte. Diese Vorstellungen stiegen nach und nach, zumal an einem Orte, wo jede schattichte Laube, jede Blumenbank, jede Grotte, ein Zeuge genossner Glückseligkeiten war, zu einer solchen Lebhaftigkeit, dass sie eine Art von Ruhe in seinem Gemüte wieder herstellten; wenn anders die Verblendung eines Kranken, der in der Hitze seines Fiebers gesund zu sein wähnt, diesen Namen verdienen kann. Doch verhinderten sie nicht, dass, diesen ganzen Tag über, ein Eindruck von Schwermut und Traurigkeit in seinem Gemüte zurückblieb; die Bilder der Psyche und der Tugend, welche er so lange gewohnt gewesen war zu vermengen, stellten sich immer wieder vor seine Augen; umsonst suchte er sie durch Zerstreuungen zu entfernen; sie überraschten ihn in seinen arbeiten, und beunruhigten ihn in seinen Ergötzungen; er suchte ihnen auszuweichen, der Unglückliche! und wurde nicht gewahr, dass eben dieses ein vollständiger Beweis sei, dass es nicht so richtig mit ihm stehe, als er sich selbst zu überreden suchte.

Fünftes Capitel

Ein starker Schritt zu einer Catastrophe

Danae liebte zu zärtlich, als dass ihr der stille Kummer, der eine wiewohl anmutige Düsternheit über das schöne Gesicht unsers Helden ausbreitete, hätte unbemerkt bleiben können; aber aus eben diesem grund war sie zu schüchtern, ihn voreilig um die Ursache einer so unerwarteten Veränderung zu befragen. Es war leicht zu sehen, dass sein Herz leiden müsse; aber mit aller Scharfsichtigkeit, welche den Augen der Liebe eigen ist, konnte sie doch nicht mit sich selbst einig werden, was die Ursache davon sein könne. Ihr erster Gedanke war, dass ihm vielleicht ein zu weit getriebner Scherz des boshaften Hippias anstössig gewesen sein möchte. Allein was auch Hippias gesagt haben konnte, schien ihr nicht genugsam, eine so tiefe Wunde zu machen, als sie in seinem Herzen zu sehen glaubte. Das Interesse ihres eignen brachte sie bald auf einen andern Gedanken, dessen sie vermutlich nicht fähig gewesen wäre, wenn ihre Liebe nicht die Eitelkeit überwogen hätte, welche bei den meisten Schönen die wahre Quelle dessen ist, was sie uns für Liebe geben wollen. Wie, wenn seine Liebe zu erkalten anfinge; sagte sie zu sich selbst – – erkalten? Himmel! wenn das möglich ist, so werde ich bald gar nicht mehr geliebt sein. – – Dieser Gedanke war zu entsetzlich für ein so völlig eingenommenes Herz, als dass sie ihn sogleich hätte verbannen können – – wie bescheiden macht die wahre Liebe! – – Sie, welche gewohnt gewesen war, in allen Augen die Würkungen ihres alles besiegenden Reizes zu sehen; sie, welche unter den Vollkommensten ihres Geschlechts nicht Eine kannte, von der sie jemals in dem süssen Bewusstsein ihrer Vorzüglichkeit nur einen Augenblick gestört worden wäre – – mit einem Wort – – Danae – – fing an mit Zittern sich selbst zu fragen: ob sie auch liebenswürdig genug sei, das Herz eines so ausserordentlichen Mannes in ihren Fesseln zu behalten? Und wenn gleich die Eigenliebe sie von Seiten ihres persönlichen Wertes hierüber beruhigte; so war sie doch nicht ohne Sorgen, dass in ihrem Betragen etwas gewesen sein möchte, wodurch das Sonderbare in seiner denkart, oder die ekle Zärtlichkeit seiner Empfindungen hätte beleidiget werden können. Hatte sie ihm