Dinge zu verbergen, und tausend liebliche Gestalten gaukelten vor seiner Stirne, welche wie Seifenblasen eben so schnell zerflossen als entstunden. In diesem Taumel tanzte und hüpfte er eine Zeit lang fort, bis auf einmal der Nebel und seine ganze fröhliche Gesellschaft verschwand: Ihm war als ob er aus einem tiefen Schlaf erwachte; und da er die Augen aufschlug, sah er sich an der Spitze eines jähen Felsens, unter welchem ein reissender Strom seine sprudelnden Wellen fortwälzte. Gegen ihm über, auf dem andern Ufer des Flusses, stand Psyche; ein schneeweisses Gewand floss zu ihren Füssen herab; ganz einsam und traurig stand sie, und heftete Blicke auf ihn, die ihm das Herz durchbohrten. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, stürzte er sich in den Fluss hinab, arbeitete sich ans andre Ufer hinüber, und eilte, sich seiner Psyche zu Füssen zu werfen. Aber sie entschlüpfte wie ein Schatten vor ihm her, ohne dass sie aufhörte, sichtbar zu sein; ihr Gesicht war traurig, und ihre rechte Hand wies in die Ferne, wo er die goldnen Türme und die heiligen Haine des delphischen Tempels ganz deutlich zu unterscheiden glaubte. Tränen liefen bei diesem Anblick über seine Wangen herab; er streckte seine arme, flehend, und von unaussprechlichen Empfindungen beklemmt, nach der geliebten Psyche aus; aber sie floh eilends von ihm weg, einer Bildsäule der Tugend zu, welche unter den Trümmern eines verfallnen Tempels, einsam und unversehrt, in majestätischer Ruhe auf einem unbeweglichen Cubus stand. Psyche umarmte diese Bildsäule, warf noch einen tiefsinnigen blick auf ihn und verschwand. Verzweifelnd wollte er ihr nacheilen, als er sich plötzlich in einem tiefen Schlamme versenket sah; und die Bestrebung, die er anwendete, sich herauszuarbeiten, war so heftig, dass er daran erwachte.
Ein Strom von Tränen, in welchen sein berstendes Herz ausbrach, war die erste Würkung des tiefen Eindruckes, den dieser sonderbare Traum in seiner erwachten aber noch ganz von ihren Gesichten umgebnen Seele zurückliess. Er weinte so lange und so heftig, dass sein Hauptküssen ganz davon durchnetzt wurde. Ach Psyche! Psyche! rief er von Zeit zu Zeit aus, indem er seine gerungenen arme wie nach ihrem Bilde austreckte; und dann brach eine neue Flut aus seinen schwellenden Augen. Wo bin ich, rief er wiederum aus, und sah sich um, als ob er bestürzt wäre, sich in einem mit Persischen Tapeten behangnen, und von tausend Kostbarkeiten schimmernden Zimmer auf dem weichsten Ruhbette liegend zu finden – – O Psyche – – was ist aus deinem Agaton worden? – – O unglücklicher Tag, an dem mich die verhassten Räuber deinem Arm entrissen! – – Unter solchen Vorstellungen und Ausrufungen stunde er auf; ging in heftiger Bewegung auf und nieder, warf sich abermal auf das Ruhbette, und blieb eine lange Zeit stumm, und mit zu Boden starrenden Blicken unbeweglich, wie in Gedanken verloren, sitzen. Endlich raffte er sich wieder auf, kleidete sich an, und stieg in die Gärten herab, um in dem einsamsten teil des Hains die Ruhe zu suchen, welche er nötig hatte, über seinen Traum, seinen gegenwärtigen Zustand und die Entschliessungen, die er zu fassen habe, nachdenken zu können. Unter allen Bildern, welche der Traum in seinem Gemüte zurückgelassen hatte, rührte ihn keines lebhafter als die Vorstellung der Psyche, wie sie mit ernstem Gesicht auf den Tempel und die Haine von Delphi wies – – die geheiligten Örter, wo sie einander zuerst gesehen, wo sie so oft sich eine ewige Liebe geschworen, wo sie so rein, so tugendhaft sich geliebt hatten, wie sich im hohen Olymp die Unverkörperten lieben.
Diese Bilder hatten etwas so rührendes, und der Schmerz, womit sie ihn durchdrangen, wurde durch die lebhaftesten Erinnerungen seiner ehmaligen Glückseligkeit so sanft gemildert, dass er eine Art von Wollust darin empfand, sich der zärtlichen Wehmut zu überlassen, wovon seine Seele dabei eingenommen wurde. Er verglich seinen izigen Zustand mit jener seligen Stille des Herzens, mit jener immer lächelnden Heiterkeit der Seele, mit jenen sanften und unschuldsvollen Freuden, zu welchen, seiner Einbildung nach, unsterbliche Zuschauer ihren Beifall gegeben hatten: Und indem er unvermerkt, anstatt die Vergleichung unparteiisch fortzusetzen, sich dem schleichenden Lauf seiner erregten Einbildungskraft überliess; deuchte ihn nicht anders, als ob seine Seele nach jener elysischen Ruhe, wie nach ihrem angebornen Elemente, sich zurücksehne. Wenn es auch Schwärmereien waren, rief er seufzend aus, wenn es auch blosse Träume waren, in die mein halbabgeschiedner, halbvergötterter Geist sich wiegte – – welch eine selige Schwärmerei! Und wie viel glücklicher machten mich diese Träume, als alle die rauschenden Freuden, welche die Sinnen in einem Wirbel von Wollust dahinreissen, und wenn sie vorüber sind, nichts als Beschämung und Reue, und ein schwermütiges Leeres im unbefriedigten Geist zurücklassen!
Vielleicht werden unsre Leser aus demjenigen, was damals in dem Gemüte unsers Helden vorging, sich viel Gutes für seine Wiederkehr zur Tugend weissagen. Aber mit Bedauern müssen wir gestehen, dass sich eine andre Seele in seinem Inwendigen erhob, welche die Würkung dieser guten Regungen in kurzem wieder unkräftig machte; es sei nun, dass es die stimme der natur oder der leidenschaft war, oder dass beide sich vereinigten, ihn ohne Abbruch seiner Eigenliebe wieder mit sich selbst und dem Gegenwärtigen auszusöhnen.
In der Tat war es bei der Lebhaftigkeit, welche alle Ideen und Gemütsbewegungen dieses sonderbaren Menschens charakterisierte, kaum möglich, dass der überspannte Affect,