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Gegenstände, welche seinen sittlichen Geschmack ehmals beleidiget hatten, waren hier zu häufig, als dass nicht mitten unter den flüchtigen Vergnügungen, womit sie gleichsam über die Oberfläche seiner Seele hinglitscheten, ein geheimes Gefühl seiner Erniedrigung seine Wangen mit Schamröte vor sich selbst dem Vorboten der wiederkehrenden Tugend, hätte überziehen sollen.

Dieses begegnete insonderheit bei einem pantomimischen Tanze, womit Hippias seine grösstenteils vom Bacchus glühenden Gäste noch eine geraume Zeit nach Mitternacht vom Einschlummern abzuhalten suchte. Die Tänzerin, ein schönes Mädchen, welches ungeachtet seiner Jugend, schon lange in den Geheimnissen von Cytere eingeweiht war, tanzte die Fabel der Leda. Dieses berüchtigte Meisterstück der eben so vollkommnen als üppigen Tanzkunst der Alten, von dessen Würkungen Juvenal in einer von seinen Satyren ein so zügelloses Gemälde macht. Hippias und die meisten seiner Gäste bezeugten ein unmässiges Vergnügen über die Art, wie seine Tänzerin diese schlüpfrige geschichte nach der wollüstigen Modulation zwoer Flöten, allein durch die stumme Sprache der Bewegung, von Scene zu Scene bis zur Entwicklung fortzuwinden wusste. – – Zeuxes, und Homer selbst, riefen sie, konnte nicht besser, nicht deutlicher mit Farben oder Worten, als die Tänzerin durch ihre Bewegungen malen. Die Damen glaubten genug getan zu haben, dass sie auf dieses Schauspiel nicht Acht zu geben schienen; aber Agaton konnte den widrigen Eindruck, den es auf ihn machte, und den innerlichen Granen, womit sein Gemüt dabei erfüllt wurde, kaum in sich selbst verschliessen. Er wollte wirklich etwas sagen, welches allerdings in der Gesellschaft, worin er war, übel angebracht gewesen wäre; als ein beschämter blick auf sich selbst, und vielleicht die Furcht belacht zu werden, und den ausgelassenen Hippias zu einer allzuscharfen Rache zu reizen, seine Rede auf seinen Lippen erstickte; und weil doch die ersten Worte nun einmal gesagt waren, den vorgehabten Tadel in einen gezwungenen Beifall verwandelten. Er hatte nun keine Ruhe, bis er die schöne Danae bewogen hatte, sich mit einer von ihren Freundinnen aus einer Gesellschaft wegzuschleichen, aus welcher die Grazien schamrot wegzufliehen anfingen; und sein Unwille ergoss sich während dass sie nach haus fuhren, in eine scharfe Verurteilung des verdorbenen Geschmacks des Sophisten, welche so lange dauerte, bis sie bei Anbruche des Tages wieder auf dem Landhause der Danae anlangten, um die von Ergötzungen abgemattete natur zu derjenigen Zeit, welche zu den Geschäften des Lebens bestimmt ist, durch Ruhe und Schlummer wiederherzustellen.

Viertes Capitel

Dass Träume nicht allemal Schäume sind

Die Stoiker, dieser strenge moralische Orden, dessen Abgang der vortreffliche Präsident von Montesquieu als einen Verlust für das menschliche Geschlecht ansieht, hatten unter andern Sonderlichkeiten, eine grosse Meinung von der natur und Bestimmung der Träume. Sie trieben es so weit, dass sie sich die Mühe gaben, eben so grosse Bücher über diese Materie zu schreiben, als diejenigen, womit die gelehrte Welt noch in unsern Tagen, von einigen weisen Mönchen über die erhabne Kunst, die Gespenster zu prüfen und zu bannen, beschenkt worden ist. Sie teilten die Träume in mancherlei Gattungen und Arten ein, wiesen ihnen ihre geheime Bedeutungen an, gaben den Schlüssel dazu, und trugen kein Bedenken, einige Arten derselben ganz zuversichtlich dem Einfluss derjenigen Geister zuzuschreiben, womit sie alle Teile der natur reichlich bevölkert hatten. In der Tat scheinen sie sich in diesem Stück lediglich nach einem allgemeinen Glauben, der sich von je her unter allen Völkern und zeiten erhalten hat, gerichtet, und dasjenige in die Form einer schlussförmigen Teorie gebracht zu haben, was bei ihren Grossmüttern ein sehr unsichers Gemische von Tradition, Einbildung und Blödigkeit des Geistes gewesen sein möchte. Dem sei nun wie ihm wolle, so ist gewiss, dass wir zuweilen Träume haben, in denen so viel Zusammenhang, so viel Beziehung auf unsre vergangne und gegenwärtige Umstände, wiewohl allezeit mit einem kleinen Zusatz von Wunderbarem und Unbegreiflichem, anzutreffen ist; dass wir uns um jener Merkmale der Wahrheit willen geneigt finden, in diesem letzteren etwas geheimnisvolles und vorbedeutendes zu suchen. Träume von dieser Art den Geistern ausser uns, oder, wie die Pytagoräer taten, einer gewissen prophetischen Kraft und Divination unsrer Seele beizumessen, welche unter dem tiefen Schlummer der Sinne bessere Freiheit habe, sich zu entwickeln: So sinnreiche Auflösungen überlassen wir denjenigen, welche zum Besitz jener von Lucrez so entusiastisch gepriesenen Glückseligkeit, die Ursachen der Dinge einzusehen, in einem vollern Masse gelangt sind als wir. Indessen haben wir uns doch zum Gesetz gemacht, den guten Rat unsrer Amme nicht zu verachten, welche uns, da wir noch das Glück ihrer einsichtsvollen Erziehung genossen, unter Anführung einer langen Reihe von Familienbeispielen, ernstlich zu vermahnen pflegte, die Warnungen und Fingerzeige der Träume ja nicht für gleichgültig anzusehen.

Agaton hatte diesen Morgen, nachdem er in einer Verwirrung von uneinigen Gedanken und Gemütsbewegungen endlich eingeschlummert war, einen Traum, den wir mit einigem Recht zu den kleinen Ursachen zählen können, durch welche grosse begebenheiten hervorgebracht worden sind. Wir wollen ihn erzählen, wie wir ihn in unsrer Urkunde finden, und dem Leser überlassen, was er davon urteilen will. Ihn deuchte also, dass er in einer Gesellschaft von Nymphen und Liebesgöttern auf einer anmutigen Ebne sich erlustige. Danae war unter ihnen. Mit zauberischem Lächeln reichte sie ihm, wie Ariadne ihrem Bacchus, eine Schale voll Nectars, welchen er an ihren Blicken hangend mit wollüstigen Zügen hinunterschlürfte. Auf einmal fing alles um ihn her zu tanzen an; er tanzte mit; ein Nebel von süssen Düften schien rings um ihn her die wahre Gestalt der