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wendet ihr die natur, als ihrer Göttin, sich zu; verschönert, wenn sie lächelt, traurig und welkend, wenn sie sich von ihr kehrt: Verlassen stehen die Altäre zu Paphos, die Seufzer der Liebenden wallen nur ihr entgegen; und indem ihre siegreichen Augen ringsum sie her jedes Herz verwunden und entzücken, lacht sie, die Stolze, meiner Pfeile, und trotzt mit unbezwungner Brust der Macht, vor welcher Götter zittern: Aber nicht länger soll sie trotzen; hier ist der schärfste Pfeil, scharf genug einen Busen von Marmor zu spalten, und die kälteste Seele in Liebesflammen hinwegzuschmelzen. Zittre, ungewahrsame Schöne! dieser Augenblick soll Amorn und seine Mutter rächen! Tiefseufzend sollst du auffahren, wie ein junges Reh auffährt, das unter Rosen schlummernd den geflügelten Pfeil des Jägers fühlt; schmerzenvoll und trostlos sollst du in einsamen Hainen irren, und auf öden Felsen sitzend den schleichenden Bach mit deinen Tränen mehren."

So sang er und spannte boshaft-lächelnd den Bogen; schon war der Pfeil angelegt, schon zielte er nach ihrem leichtbedeckten Busen: als er plötzlich mit einem lauten Schrei zurückfuhr, seinen Pfeil zerbrach, den Bogen von sich warf, und mit zärtlich schüchterner Gebärde auf die schöne Danae zuflatterte. O Göttin, vergib, (sang er, indem er bittend ihre Knie umfasste) vergib, vergib, schöne Mutter, dem Irrtum meiner Augen! wie leicht war es zu irren! Ich sah dich für Danae an.

In dem nämlichen Augenblick, da er dieses gesungen hatte, erschienen die Grazien, die Liebesgötter und die kleinen Faunen wieder, und endigten diese Scene mit Tänzen und Gesängen, zum Preis derjenigen, welche auf eine so schmeichelhafte Art zur Göttin der Schönheit und der Liebe erklärt worden war. Dieses überraschende Compliment, welches damals noch den Reiz der Neuheit hatte, weil es noch nicht an die Daphnen und Chloen so vieler neuern Poeten verschwendet worden war, schien ihr Vergnügen zu machen; und der doppelt belustigte Hippias gestand, dass sein junger Freund einen sehr guten Gebrauch von seiner Einbildungskraft zu machen gelernt habe. Dachte ich nicht, Callias, sagte er leise zu ihm, indem er ihn auf die Schultern klopfte, dass ein monat unter den Augen der schönen Danae dich von den Vorurteilen heilen würde, womit du gegen Grundsätze eingenommen warest, die du bereits so meisterhaft auszuüben gelernt hast.

Der übrige teil des Abends wurde auf eine eben so angenehme Weise zugebracht, bis endlich Hippias, welcher den folgenden Morgen wieder in Smirna sein musste, in einem Zustande, worin er mehr dem Vater Silen als einem Weisen glich, von den kleinen Faunen zu Bette gebracht wurde.

Agaton hatte nun nichts dringenders als von Danae zu erfahren, was der Gegenstand ihrer einzelnen Unterredung mit dem Hippias gewesen sei. Man wird es dieser Dame zu gut halten können, dass sie die Aufrichtigkeit ihres Berichts nicht so weit trieb, ihm das Complot einzugestehen, worein sie sich von dem Sophisten anfangs hatte ziehen lassen; und dessen Ausgang so weit von der Anlage des ersten Plans entfernt gewesen war. Die zärtlichste und vertrauteste Liebe verhindert nicht, dass man sich nicht kleine Geheimnisse vorbehalten sollte, bei deren Entdeckung die Eigenliebe ihre Rechnung nicht finden würde. Sie begnügte sich also ihm zu sagen, dass Hippias viel Gutes von ihm gesprochen, und sie versichert habe, dass er ihn weit aufgeweckter und artiger finde als er vorher gewesen, es hätte sie bedünkt, dass er mehr damit sagen wollen, als seine Worte an sich selbst gesagt hätten; sie hätte aber eben so wenig daran gedacht ihn zum Vertrauten ihrer Liebe zu machen, als sie Ursache hätte, eine achtung zu verbergen, welche man den persönlichen Verdiensten des Callias nicht versagen könne, im übrigen hätte sie seine Munterkeit auf die Rechnung der Zeit, welche das Andenken seiner Unglücksfälle schwäche, und der vollkommnern Freiheit geschrieben, die er in ihrem haus hätte. Agaton liess sich durch diese Erzählung nicht nur beruhigen; sondern, wie seine Einbildungskraft gewohnt war, ihn immer weiter zu führen, als er im Sinne hatte zu gehen, so fühlte er sich, nachdem sie eine Zeitlang von dieser Materie gesprochen hatten, so mutig, dass er sich vornahm den Scherzen des Hippias, wofern es demselben je einfallen sollte über seine Freundschaft mit Danae zu scherzen, in gleichem Ton zu antworten; eine Entschliessung, welche (ob er es gleich nicht gewahr wurde) in der Tat mehr Unverschämteit voraussetzte, als selbst ein langwieriger Fortgang auf den Abwegen, auf die er verirrt war, einem Agaton jemals geben konnte.

Drittes Capitel

Convulsivische Bewegungen der wiederauflebenden

Tugend

Wenige Tage waren seit dem Besuch des Hippias verflossen; als ein fest, welches er alle Jahre seinen Freunden zu geben pflegte, gelegenheit machte, der schönen Danae und ihrem Freunde eine Einladung zuzusenden. Weil sie keinen guten Vorwand zu geben hatten, ihr Ausbleiben zu entschuldigen, so erschienen sie auf den bestimmten Tag, und Agaton brachte eine Lebhaftigkeit mit, welche ihm selbst Hoffnung machte, dass er sich so gut halten würde, als es die Anfälle, die er von der Schalkhaftigkeit des Sophisten erwartete, nur immer erfordern könnten. Hippias hatte nichts vergessen, was die Pracht seines Fests vermehren konnte; und nach demjenigen, was im zweiten Buch von den grundsätzen, der Lebensart und den Reichtümern dieses Mannes gemeldet worden, können unsre Leser sich so viel davon einbilden als sie wollen, ohne zu besorgen, dass wir sie durch überflüssige Beschreibungen von den wichtigern Gegenständen, die