1766_Wieland_106_6.txt

Psyche, jener unglücklichen Stunde, da die eifersüchtige Pytia unsre Liebe, so geheim wir sie zu halten vermeinten, entdeckte. Nichts war ihrer Wut zu vergleichen, und es fehlte nur noch, dass ihre Rache nicht mein Leben zum Opfer verlangte; denn sie liess mich einige Tage alles erfahren, was verschmähte Liebe erfinden kann, eine glückliche Nebenbuhlerin zu quälen. Ob sie es nun gleich in ihrer Gewalt hatte, mich deinen Augen gänzlich zu entziehen, so hielt sie sich doch niemals sicher, so lang ich zu Delphi sein würde. Sie machte bald ein Mittel ausfündig, sich meiner zu entledigen, ohne einigen Argwohn zu erwecken; sie schenkte mich einer Verwandten, die sie zu Syracus hatte, und weil sie mich an diesem Orte weit genug von dir entfernt hielt, säumte sie nicht, mich in der grössten Stille nach Corint, und von da nach Sicilien bringen zu lassen. Die Törin! kannte sie die Macht der Liebe nicht, die Agaton einflösst? Wusste sie nicht, dass keine Scheidung der Leiber durch Länder und Meere meine Seele verhindern könne, aus einer Zone in die andre zu fliegen, und gleich einem liebenden Schatten um dich her zu schweben? Oder hoffte sie, reizender in deinen Augen zu werden, wenn du mich nicht mehr neben ihr sehen würdest? Wie wenig kannte sie unsre Liebe! Nein, wahre Liebe kann so wenig eifersüchtig sein, als sich selbst fühlende Stärke zittern kann. – Ich verliess Delphi mit zerrissnem Herzen. Als ich den letzten blick auf diese bezauberten Haine heftete, wo deine Liebe mir ein neues Wesen gab, eine neue Würklichkeit, gegen die mein voriges Leben eine ekelhafte Abwechslung von einförmigen Tagen und Nächten, ein ungefühltes Pflanzen-Leben war, als ich diese geliebte Gegend endlich aus den Augen verlor. – Nein, Agaton, ich kann es nicht beschreiben, du kannst es empfinden, du alleinAls ich mich selbst wieder fühlte, erleichtert ein Strom von Tränen mein gepresstes Herz. Es war eine Art von Wollust in diesen Tränen, ich liess ihnen freien Lauf, ohne mich zu bekümmern, dass sie gesehen würden. Die Welt schien mir ein leerer Raum, und alle Gegenstände um mich her Träume und Schatten; du und ich waren allein; ich sah, ich hörte nur dich, ich lag an deiner Brust, ich legte meinen Arm um deinen Hals ich zeigte dir meine Seele in meinen Augen, ich führte dich in die heiligen Schatten, wo du mich die Gegenwart der Unsterblichen fühlen lehrtest; ich lag zu deinen Füssen, und meine an deinen Lippen hangende Seele glaubte den Gesang der Musen zu hören, wenn du sprächest; wir wandelten Hand in Hand beim sanften Mondschein durch elysische Gegenden, oder setzten uns unter die Blumen, stillschweigend, indem unsre Seelen, in ihrer eignen geistigen Sprache sich einander entüllten, und lauter Licht und Wonne um sich her sahen, und unsterblich zu sein wünschten, um sich ewig lieben zu können. Unter diesen Erinnerungen, deren Lebhaftigkeit alle äussre Empfindungen verdunkelte, beruhigte sich mein Herz allgemach. Ich, die sich selbst nur für einen teil deines Wesens hielt, konnte nicht glauben, dass wir immer getrennt bleiben würden. Diese Hoffnung machte nun mein Leben aus, und bemächtigte sich meiner so sehr, dass ich wieder heiter wurde. Denn ich zweifelte nicht, ich wusste es, dass du nicht aufhören könntest, mich zu lieben. Ich überliess dich der glühenden leidenschaft einer mächtigen und reizenden Nebenbuhlerin, ohne sie einen Augenblick zu fürchten. Ich wusste, dass wenn sie es auch so weit bringen könnte, deine Sinnen zu verführen, sie doch unfähig sei, dir eine Liebe einzuflössen wie die unsrige, und dass du dich bald wieder nach derjenigen sehnen würdest, die dich allein glücklich machen, weil sie allein dich lieben kann, wie du geliebt zu sein wünschest. Unter tausend solchen Gedanken kam ich endlich zu Syracus an. Die vorsichtige Priesterin hatte Anstalt gemacht, dass ich nirgend Mittel finden konnte, dir von meinem Aufentalt Nachricht zu geben. Meine neue Gebieterin war von der guten Art von Geschöpfen, die gemacht sind sich selbst zu gefallen, und sich alles gefallen zu lassen. Ich wurde zu der Ehre bestimmt, den Aufputz ihres schönen Kopfes zu besorgen; und die Art, wie ich dieses Amt verwaltete, erwarb mir ihre Gunst so sehr, dass sie mich beinahe so viel liebte, als ihren Schosshund. In diesem Zustand hielt ich mich für so glücklich, als ich es ohne deine Gegenwart in einem jeden andern hätte sein können, bis die Ankunft des Sohnes meiner Gebieterin die Scene veränderte.

Siebentes Capitel

Fortsetzung der Erzählung der Psyche

Narcissus, so hiess dieser junge Herr, war von seiner Mutter nach Aten geschickt worden, die Weisen daselbst zu hören, und die feinen Sitten der Atenienser an sich zu nehmen. Allein er hatte keine Zeit gefunden, weder das eine noch das andre zu tun. Einige junge Leute, die er seine Freunde nannte, machten jeden Tag eine neue Lustbarkeit ausbündig, die ihn verhinderte, die schwermütigen Spaziergänge der Philosophen zu besuchen. Über das hatten ihm die artigsten Sträussermädchen von Aten gesagt, dass er ein sehr liebenswürdiger junger Herr wäre; er hatte es ihnen geglaubt, und sich also keine Mühe gegeben, erst zu werden, was er nach einem so vollgültigen Zeugnis, schon war. Er hatte sich also mit nichts beschäftiget, als seine person in das gehörige Licht zu setzen; niemand in Aten konnte