Genuss ihrer Empfindungen versenkt, neben ihm sitzen konnte, ohne daran zu denken, ihn durch einen eigenützigen Kuss aufzuwecken, – – dass diese Schülerin des Hippias, welche gewohnt gewesen war, nichts lächerlichers zu finden, als die Hoffnung der Unsterblichkeit, und diese süssen Träume von bessern Welten, in welche sich empfindliche Seelen so gerne zu wiegen pflegen – – dass sie jetzt, beim dämmernden Schein des Monds, an Agatons Seite auf Blumen hingegossen, schon entkörpert zu sein, schon in den seligen Tälern des Elysiums zu schweben glaubte – -mitten aus den berauschenden Freuden der Liebe sich zu Gedanken von Gräbern und Urnen verlieren, dann ihren Geliebten zärtlicher an ihre Brust drückend den gestirnten Himmel anschauen, und ganze Stunden von der Wonne der Unsterblichen, von unvergänglichen Schönheiten und himmlischen Welten phantasieren konnte, und, von den Wünschen ihrer grenzenlosen Liebe getäuscht, in der Hoffnung einer immer währenden Dauer jetzt so wenig Ausschweifendes fand, dass ihr kein Gedanke natürlicher, keine Hoffnung gewisser schien; dieses waren in der Tat Wunderwerke der Liebe, und Wunderwerke, welche nur die Liebe eines Agatons, nur jene Vermischung der Seelen, durch welche ihrer beider denkart, Ideen, Geschmack und Neigungen in einander zerflossen, zuwege bringen konnte. Welches von beiden bei dieser Vermischung gewonnen oder verloren habe, wollen wir unsern Lesern zu entscheiden überlassen, von denen der zärtlichere teil vielleicht der schönen Danae den Vorteil zuerkennen wird: Aber dieses, deucht uns, wird niemand so roh oder so stoisch sein zu leugnen, dass sie glücklich waren – felices errore suo – – glücklich in dieser süssen Betörung, welcher, um dasjenige zu sein, was die Weisen schon so lange gesucht und nie gefunden haben, nichts abgeht, als dass sie (wie der griechische Autor hier abermal mit Bedauern ausruft) nicht immer währen kann.
Sechstes Buch
Erstes Capitel
Ein Besuch des Hippias
Zufällige Ursachen hatten es so gefüget, dass Hippias sich auf einiche Wochen von Smirna hatte entfernen müssen, und dass die Zeit seiner Abwesenheit gerade in diejenige Zeit fiel, worin die Liebe unsers Helden und der schönen Danae den äussersten Punkt ihrer Höhe erreichte. Dieser Umstand hatte sie gänzlich Meister von einer Zeit gelassen, welche sie zum Vorteil der Liebe und des Vergnügens so wohl anzuwenden wussten. Keiner von Danaes ehemaligen Verehrern hatte sich erkühnt, ihre Einsamkeit zu stören; und die Freundinnen, mit denen sie ehmals in Gesellschaft gestanden war, hatten zu gutem Glück alle mit ihren eignen Angelegenheiten so viel zu tun, dass sie keine Zeit behielten, sich um Freunde zu bekümmern. Zudem war ihr Aufentalt auf dem land nichts ungewöhnliches, und der allgemeine Genius der Stadt Smirna war der Freiheit in der Wahl der Vergnügungen allzugünstig, als dass eine Danae (von der man ohnehin keine vestalische Tugend foderte) über die ihrigen, wenn sie auch bekannt gewesen wären, sehr strenge Urteile zu besorgen gehabt hätte.
Allein Hippias war kaum von seiner Reise zurückgekommen, so liess er eine seiner ersten Sorgen sein, sich in eigner person nach dem Fortgang des Entwurfs zu erkundigen, den er mit ihr zu Bekehrung des allzuplatonischen Callias gemeinschaftlich angelegt hatte. Die besondere Vertraulichkeit, worin er seit mehr als zehn Jahren mit ihr gelebt hatte, gab ihm das vorzügliche Recht, sie auch alsdann zu überraschen, wenn sie sonst für niemand sichtbar war. Er eilte also, so bald er nur konnte, nach ihrem Landgute; und hier brauchte er nur einen blick auf unsre Liebende zu werfen, um zu sehen, wie viel in seiner Abwesenheit mit ihnen vorgegangen war. Ein gewisser Zwang, eine gewisse Zurückhaltung, eine Art von schamhafter Schüchternheit, welche ihm besonders an der Pflegtochter Aspasiens fast lächerlich vorkam, war das erste, was ihm an beiden in die Augen fiel. Wahre Liebe (wie man längst beobachtet hat) ist eben so sorgfältig ihre Glückseligkeit zu verbergen, als jene frostige Liebe, welche Coquetterie oder Langeweile zur Mutter hat, begierig ist, ihre Siege auszuposaunen. Allein dieses war weder die einzige noch die vornehmste Ursache einer Zurückhaltung, welche unsre Liebenden, aller angewandten Mühe ungeachtet, einem so scharfsichtigen Beobachter nicht entziehen konnten. Das Bewusstsein der Verwandlung, welche sie erlitten hatten; die Furcht vor dem comischen Ansehen, welches sie ihnen in den Augen des Sophisten geben möchte; die Furcht von einem Spott, vor dem sie die mutwilligen Ergiessungen bei jedem Blicke, bei jedem Lächeln erwarteten; dieses war es, was sie in Verlegenheit setzte, und was den artigsten Gesichtern in ganz Jonien etwas Verdriessliches gab, welches von einem jeden andern als Hippias für ein Zeichen, dass seine Gegenwart unangenehm sei, hätte aufgenommen werden müssen. Allein dieser nahm es für das auf, was es in der Tat war; und da niemand besser zu leben wusste, so schien er so wenig zu bemerken, was in ihnen vorging, machte den Unachtsamen und Sorglosen so natürlich, hatte so viel von seiner Reise und tausend gleichgültigen Dingen zu schwatzen, und wusste dem Gespräch einen so freien Schwung von Munterkeit zu geben, dass sie alle erforderliche Zeit gewannen, sich wieder zu erholen, und sich in eine ungezwungene Verfassung zu setzen. Wenn Agaton hiedurch so sehr beruhiget wurde, dass er wirklich hoffte, sich in seinen ersten Besorgnissen betrogen zu haben, so war die feinere Danae weit davon entfernt, sich durch die Kunstgriffe des Sophisten ein Blendwerk vormachen zu lassen. Sie kannte ihn zu gut, um nicht in seiner Seele zu lesen; sie sah wohl, dass es zu einer