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Liebe zu ändern, welches vielleicht alle Marquisinnen von Paris zusammengenommen nicht von ihm erhalten würden. Diese glückseligen Liebenden brauchten, um ihrer Empfindung nach, den Göttern an Wonne gleich zu sein, nichts als ihre Liebe: Sie verschmähten jetzt alle diese Lustbarkeiten, an denen sie vorher so viel Geschmack gefunden hatten; ihre Liebe machte alle ihre Beschäftigungen und alle ihre Ergötzungen aus: Sie empfanden nichts anders, sie dachten an nichts anders, sie unterhielten sich mit nichts anderm; und doch schienen sie sich immer zum erstenmal zu sehen, zum erstenmal zu umarmen, zum erstenmal einander zu sagen, dass sie sich liebten; und wenn sie von einer Morgenröte zur andern nichts anders getan hatten, so beklagten sie sich doch über die Kargheit der Zeit, welche zu einem Leben, das sie zum Besten ihrer Liebe unsterblich gewünscht hätten, ihnen augenblicke für Tage anrechne. Welch ein Zustand, wenn er dauern könnte! – – ruft hier der griechische Autor aus.

Eilftes Capitel

Eine bemerkenswürdige Würkung der Liebe, oder

von der Seelenmischung

Ein alter Schriftsteller, den gewiss niemand beschuldigen wird, dass er die Liebe zu metaphysisch behandelt habe, und den wir nur zu nennen brauchen, um allen Verdacht dessen, was materielle Seelen für Platonische Grillen erklären, von ihm zu entfernen; mit einem Worte, Petronius, bedient sich irgendwo eines Ausdrucks, welcher ganz deutlich zu erkennen gibt, dass er eine verliebte Vermischung der Seelen nicht nur für möglich, sondern für einen solchen Umstand gehalten habe, der die Geheimnisse der Liebesgöttin natürlicher Weise zu begleiten pflege. Jam alligata mutuo ambitu corpora animarum quoque mixturam fecerant, sagt dieser Oberaufseher der Ergötzlichkeiten des Kaisers Nero; um vermutlich eben dasselbe zu bezeichnen, was er an einem andern Ort ungleich schöner also ausdrückt:

Et transfudimus hinc & hinc labellis

Errantes animas – –

Ob er selbst die ganze Stärke dieses Ausdrucks eingesehen, oder ihm so viel Bedeutung beigelegt habe, als wir; ist eine Frage, die uns (nach Gewohnheit der meisten Ausleger) sehr wenig bekümmert. Genug, dass wir diese Stellen einer Hypotese günstig finden, ohne welche sich, unsrer Meinung nach, verschiedene Phänomena der Liebe nicht wohl erklären lassen, und vermöge welcher wir annehmen, dass bei wahren Liebenden, in gewissen Umständen, nicht (wie einer unsrer tugendhaftesten Dichter meint) ein Tausch, sondern eine würkliche Mischung der Seelen vorgehe. Wie dieses möglich sei zu untersuchen, überlassen wir billig den weisen und tiefsinnigen Leuten, welche sich, in stolzer Musse und seliger Abgeschiedenheit von dem Getümmel dieser sublunarischen Welt, mit der nützlichen Speculation beschäftigen, die Art und Weise ausfündig zu machen, wie dasjenige was wirklich ist, ohne Nachteil ihrer Meinungen und Lehrgebäude, möglich sein könne. Für uns ist genug, dass eine durch unzähliche Beispiele bestätigte Erfahrung ausser allen Zweifel setzt, dass diejenige Gattung von Liebe, welche Schaftesbury mit bestem Recht zu einer Art des Entusiasmus macht, und gegen welche Lucrez aus eben diesem grund sich mit so vielem Eifer erklärt, solche Würkungen hervorbringe, welche nicht besser als durch jenen Petronischen Ausdruck abgemalt werden können.

Agaton und Danae, die uns zu dieser Anmerkung Anlass gegeben haben, hatten kaum vierzehn Tage, welche freilich nach dem Calender der Liebe nur vierzehn Augenblicke waren, in diesem glückseligen Zustande, worin wir sie im vorigen Capitel verlassen haben, zugebracht: als diese Seelenmischung sich in einem solchen Grade bei ihnen äusserte, dass sie nur von einer einzigen gemeinschaftlichen Seele belebt und begeistert zu werden schienen. wirklich war die Veränderung und der Absatz ihrer gegenwärtigen Art zu sein, mit ihrer vorigen so gross, dass weder Alcibiades seine Danae, noch die Priesterin zu Delphi den spröden und unkörperlichen Agaton wieder erkannt haben würden. Dass dieser aus einem speculativen Platoniker ein practischer Aristipp geworden; dass er eine Philosophie, welche die reinste Glückseligkeit in Beschauung unsichtbarer Schönheiten setzt, gegen eine Philosophie, welche sie in angenehmen Empfindungen, und die angenehmen Empfindungen in ihren nächsten Quellen, in der natur, in unsern Sinnen und in unsern Herzen sucht, vertauschte; dass er von den Göttern und Halbgöttern, mit denen er vorher umgegangen war, nur die Grazien und Liebesgötter beibehielt; dass dieser Agaton, der ehmals von seinen Minuten, von seinen Augenblicken der Weisheit Rechenschaft geben konnte, jetzt fähig war (wir schämen uns es zu sagen) ganze Stunden, ganze Tage in zärtlicher Trunkenheit wegzutändeln – – Alles dieses, so stark der Abfall auch ist, wird dennoch den meisten begreiflich scheinen. Aber dass Danae, welche die Schönsten und Edelsten von Asien, welche Fürsten und Satrapen zu ihren Füssen gesehen hatte, welche gewohnt war, in den schimmerndsten Versammlungen am meisten zu glänzen, einen Hof von allem, was durch Vorzüge der Geburt, des Geistes, des Reichtums und der Talente würdig war, nach ihrem Beifall zu streben, um sich her zu sehen: Dass diese Danae jetzt verächtliche Blicke in die grosse Welt zurückwarf, und nichts angenehmers fand als die ländliche Einfalt, nichts schöners als in Hainen herumzuirren, Blumenkränze für ihren Schäfer zu winden, an einer murmelnden Quelle in seinem Arm einzuschlummern, von der Welt vergessen zu sein, und die Welt zu vergessen – – dass sie, für welche die Liebe der Empfindung sonst ein unerschöpflicher Gegenstand von witzigen Spöttereien gewesen war, jetzt von den zärtlichen Klagen der Nachtigall in stillheitern Nächten bis zu Tränen gerührt werden – – oder wenn sie ihren Geliebten unter einer schattichten Laube schlafend fand, ganze Stunden, unbeweglich, in zärtliches Staunen und in den