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alle Ahnungen einer noch grösseren Glückseligkeit darüber vergessen zu haben schien. Vermutlich (denn gewiss können wir hierüber nichts entscheiden) würde die Schönheit des Gegenstands allein, so ausserordentlich sie war, diese sonderbare Würkung nicht getan haben; allein dieser Gegenstand war seine Geliebte, und dieser Umstand verstärkte die Bewundrung, womit auch die Kaltsinnigsten die Schönheit ansehen müssen, mit einer Empfindung, welche noch kein Dichter zu beschreiben fähig gewesen ist, so sehr sich auch vermuten lässt, dass sie den mehresten aus Erfahrung bekannt gewesen sein könne. Diese namenlose Empfindung ist es allein, was den wahren Liebhaber von einem Satyren unterscheidet, und was eine Art von sittlichen Grazien sogar über dasjenige ausbreitet, was bei diesem nur das Werk des Instinkts, oder eines animalischen Hungers ist. Welcher Satyr würde in solchen Augenblikken fähig gewesen sein, wie Agaton zu handeln? – – Behutsam und mit der leichten Hand eines Sylphen zog er das seidene Gewand, welches Amor verräterisch aufgedeckt hatte, wieder über die schöne Schlafende her, warf sich wieder zu den Füssen ihres Ruhebettes, und begnügte sich, ihre nachlässig ausgestreckte Hand, aber mit einer Zärtlichkeit, mit einer Entzückung und sehnsucht an seinen Mund zu drükken, dass eine Bildsäule davon hätte erweckt werden mögen. Sie musste also endlich erwachen. Und wie hätte sie auch sich dessen länger erwehren können, da ihr bisheriger Schlummer wirklich nur erdichtet gewesen war? Sie hatte aus einer Neugierigkeit, die in ihrer Verfassung natürlich scheinen kann, sehen wollen, wie ein Agaton bei einer so schlüpfrigen gelegenheit sich betragen würde; und dieser letzte Beweis einer vollkommnen Liebe, welche, ungeachtet ihrer Erfahrenheit, alle Annehmlichkeiten der Neuheit für sie hatte, rührte sie so sehr, dass sie, von einer ungewohnten und unwiderstehlichen Empfindung überwunden, in einem Augenblick, wo sie zum erstenmal zu lieben und geliebt zu werden glaubte, nicht mehr Meisterin von ihren Bewegungen war. Sie schlug ihre schönen Augen auf, Augen die in den wollüstigen Tränen der Liebe schwammen, und dem entzückten Agaton sein ganzes Glück auf eine unendlich vollkommnere Art entdeckten, als es das beredteste Liebesgeständnis hätte tun können. O Callias! (rief sie endlich mit einem Ton der stimme, der alle saiten seines Herzens widerhallen machte, indem sie, ihre schönen arme um ihn windend, den Glückseligsten aller Liebhaber an ihren Busen drückte,) – – was für ein neues Wesen gibst du mir? Geniesse, o! geniesse, du Liebenswürdigster unter den Sterblichen, der ganzen unbegrenzten Zärtlichkeit, die du mir einflössest. Und hier, ohne den Leser unnötiger Weise damit aufzuhalten, was sie ferner sagte, und was er antwortete, überlassen wir den Pinsel einem Correggio, und schleichen uns davon.

Aber wir fangen an, zu merken, wiewohl zu späte, dass wir unsern Freund Agaton auf Unkosten seiner schönen Freundin gerechtfertiget haben. Es ist leicht vorauszusehen, wie wenig Gnade sie vor dem ehrwürdigen und glücklichen teil unsrer Leserinnen finden werde, welche sich bereden (und vermutlich Ursache dazu haben) dass sie in ähnlichen Umständen sich ganz anders als Danae betragen haben würden. Auch sind wir weit davon entfernt, diese allzuzärtliche Nymphe entschuldigen zu wollen, so scheinbar auch immer die Liebe ihre Vergehungen zu bemänteln weiss. Indessen bitten wir doch die vorbelobten Lukretien um Erlaubnis, dieses Capitel mit einer kleinen Nutzanwendung, auf die sie sich vielleicht nicht gefasst gemacht haben, schliessen zu dürfen. Diese Damen (mit aller Ehrfurcht die wir ihnen schuldig sind, sei es gesagt) würden sich sehr betrügen, wenn sie glaubten, dass wir die Schwachheiten einer so liebenswürdigen Creatur, als die schöne Danae ist, nur darum verraten hätten, damit sie gelegenheit bekämen, ihre Eigenliebe daran zu kitzeln. Wir sind in der Tat nicht so sehr Neulinge in der Welt, dass wir uns überreden lassen sollten, dass eine jede, welche sich über das Betragen unsrer Danae ärgern wird, an ihrer Stelle weiser gewesen wäre. Wir wissen sehr wohl, dass nicht alles, was das Gepräge, der Tugend führt, wirklich echte und vollhaltige Tugend ist; und dass sechszig Jahre, oder eine Figur, die einen Satyren entwaffnen könnte, kein oder sehr wenig Recht geben, sich viel auf eine Tugend zu gut zu tun, welche vielleicht niemand jemals versucht gewesen ist, auf die probe zu stellen. Wir zweifeln mit gutem grund sehr daran, dass diejenigen, welche von einer Danae am unbarmherzigsten urteilen, an ihrem Platz einem viel weniger gefährlichen Versucher als Agaton war, die Augen auskratzen würden: Und wenn sie es auch täten, so würden wir vielleicht anstehen, ihrer Tugend beizumessen, was eben sowohl die mechanische Würkung unreizbarer Sinnen, und eines unzärtlichen Herzens, hätte gewesen sein können. Unser Augenmerk ist bloss auf euch gerichtet, ihr liebreizenden Geschöpfe, denen die natur die schönste ihrer Gaben, die Gabe zu gefallen, geschenkt – – ihr, welche sie bestimmt hat, uns glücklich zu machen; aber, welche eine einzige kleine Unvorsichtigkeit in Erfüllung dieser schönen Bestimmung so leicht in Gefahr setzen kann, durch die schätzbarste eurer Eigenschaften, durch das was die Anlage zu jeder Tugend ist, durch die Zärtlichkeit eures Herzens selbst, unglücklich zu werden: Euch allein wünschten wir überreden zu können, wie gefährlich jene Einbildung ist, womit euch das Bewusstsein eurer Unschuld schmeichelt, dass es allezeit in eurer Macht stehe, der Liebe und ihren Forderungen Grenzen zu setzen. Möchten die Unsterblichen (wenn anders, wie wir hoffen, die Unschuld und die Güte des Herzens himmlische