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wir, durch eine unwahrscheinlichere Dichtung als man im ganzen Orlando unsers Freunds Ariost finden wird, die schöne Danae in die notwendigkeit gesetzt hätten, in der Stille von ihm zu denken, was die berühmte Phryne bei einer gewissen gelegenheit von dem weisen Xenocrates öffentlich gesagt haben soll.

So wisset dann, schöne Leserinnen, (und hütet euch, stolz auf diesen Sieg eurer Zaubermacht zu sein,) dass Agaton, nachdem er eine ziemliche Weile in einem Gemütszustand, dessen Abschilderung den Pinsel eines Tomsons oder Gessners erfoderte, allein zurückgeblieben war, wir wissen nicht ob aus eigner Bewegung oder durch den geheimen Antrieb irgend eines antiplatonischen Genius den Weg gegen einen Pavillion genommen, der auf der Morgenseite des Gartens in einem kleinen Hain von Citronen- Granaten- und Myrtenbäumen auf jonischen Säulen von Jaspis ruhte; dass er, weil er ihn erleuchtet gefunden, hineingegangen, und nachdem er einen Saal, dessen herrliche Auszierung ihn nicht einen Augenblick aufhalten konnte, und zwei oder drei kleinere Zimmer durchgeeilet, in einem Cabinet, welches für die Ruhe der Liebesgöttin bestimmt schien, die schöne Danae auf einem Sofa von nelkenfarbem Atlas schlafend angetroffen; dass er, nachdem er sie eine lange Zeit in unbeweglicher Entzückung und mit einer Zärtlichkeit, deren innerliches Gefühl alle körperliche Wollust an Süssigkeit übertrifft, betrachtet hatte, endlich – – – – von der Gewalt der allmächtigen Liebe bezwungen, sich nicht länger zu entalten vermocht, zu ihren Füssen kniend, eine von ihren nachlässig ausgestreckten schönen Händen mit einer Inbrunst, wovon wenige Liebhaber sich eine Vorstellung zu machen jemals verliebt genug gewesen sind, zu küssen, ohne dass sie daran erwacht wäre; dass er hierauf noch weniger als zuvor sich entschliessen können, so unbemerkt als er gekommen, sich wieder hinwegzuschleichen; und kurz, dass die kleine Psyche, die Tänzerin, welche seit der Pantomime, man weiss nicht warum, gar nicht seine Freundin war, mit ihren Augen gesehen haben wollte, dass er eine ziemliche Weile nach Anbruch des Tages, allein, und mit einer Mine, aus welcher sich sehr vieles habe schliessen lassen, aus dem Pavillion hinter die Myrtenhecken sich weggestohlen habe.

Neuntes Capitel

Nachrichten zu Verhütung eines besorglichen

Missverstandes

Die Tugend (pflegt man dem Horaz nachzusagen) ist die Mittelstrasse zwischen zwei Abwegen, welche beide gleich sorgfältig zu vermeiden sind. Es ist ohne Zweifel wohl getan, wenn ein Schriftsteller, der sich einen wichtigern Zweck als die blosse Ergötzung seiner Leser vorgesetzt hat, bei gewissen Anlässen, anstatt des zaumlosen Mutwillens vieler von den neuern Franzosen, lieber die bescheidne Zurückhaltung des jungfräulichen Virgils nachahmet, welcher bei einer gelegenheit, wo die Angola's und Versorand's alle ihre Malerkunst verschwendet, und sonst nichts besorget hätten, als dass sie nicht lebhaft und deutlich genug sein möchten, sich begnügt uns zu sagen:

"Dass Dido und der Held in Eine Höhle kamen."

Allein wenn diese Zurückhaltung so weit ginge, dass die Dunkelheit, welche man über einen schlüpfrigen Gegenstand ausbreitete, zu Missverstand und Irrtum Anlass geben könnte: So würde sie, deucht uns, in eine falsche Scham ausarten; und in solchen Fällen scheint uns ratsamer zu sein, den Vorhang ein wenig wegzuziehen, als aus übertriebener Bedenklichkeit Gefahr zu laufen, vielleicht die Unschuld selbst ungegründeten Vermutungen auszusetzen. So ärgerlich also gewissen Leserinnen, deren strenge Tugend bei dem blossen Namen der Liebe Dampf und Flammen speit, der Anblick eines schönen Jünglings zu den Füssen einer selbst im Schlummer lauter Liebe und Wollust atmenden Danae billig sein mag; so können wir doch nicht vorbeigehen, uns noch etliche Augenblicke bei diesem anstössigen gegenstand aufzuhalten. Man ist so geneigt, in solchen Fällen der Einbildungskraft den Zügel schiessen zu lassen, dass wir uns lächerlich machen würden, wenn wir behaupten wollten, dass unser Held die ganze Zeit, die er (nach dem Vorgeben der kleinen Tänzerin) in dem Pavillion zugebracht haben soll, sich immer in der ehrfurchtsvollen Stellung gehalten habe, worin man ihn zu Ende des vorigen Capitels gesehen hat. Wir müssen vielmehr besorgen, dass Leute, welche nichts dafür können, dass sie keine Agatons sind, vielleicht so weit gehen möchten, ihn im Verdacht zu haben, dass er sich den tiefen Schlaf, worin Danae zu liegen schien, auf eine Art zu Nutze gemacht haben könnte, welche sich ordentlicher Weise nur für einen Faunen schickt, und welche unser Freund Johann Jacob Rousseau selbst nicht schlechterdings gebilliget hätte, so scharfsinnig er auch (in einer Stelle seines Schreibens an Herrn Dalembert) dasjenige zu rechtfertigen weisst, was er "eine stillschweigende Einwilligung abnötigen" nennet. Um nun unsern Agaton gegen alle solche unverschuldete Mutmassungen sicher zu stellen, müssen wir zur Steuer der Wahrheit melden, dass selbst die reizende Lage der schönen Schläferin, und die günstige Leichtigkeit ihres Anzugs, welche ihn einzuladen schien, seinen Augen alles zu erlauben, seine Bescheidenheit schwerlich überrascht haben würden, wenn es ihm möglich gewesen wäre, der zauberischen Gewalt der Empfindung, in welche alle Kräfte seines Wesens zerflossen schienen, Widerstand zu tun. Wir wagen nicht zuviel, wenn wir einen solchen Widerstand in seinen Umständen für unmöglich erklären, nachdem er einem Agaton unmöglich gewesen ist. Er überliess also endlich seine Seele der vollkommensten Wonne ihres edelsten Sinnes, dem Anschauen einer Schönheit, welche selbst seine idealische Einbildungskraft weit hinter sich zurücke liess; und (was nur diejenigen begreifen werden, welche die wahre Liebe kennen,) dieses Anschauen erfüllte sein Herz mit einer so reinen, vollkommnen, unbeschreiblichen Befriedigung, dass er alle Wünsche,