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Mittel (wenigstens so lange das angenehme Blendwerk daurt) in seiner Gewalt zu sehen, sich über die Gegenstände seines Neides hinauf schwingen, und sie tief im Staube unter sich zurücklassen zu können. Und wenn gleich die unverhehlbare Schwäche unsrer natur uns auf der einen Seite, zu grossem Vorteil unsrer Trägheit, von der Ausübung heroischer Tugenden loszählt; so ergötzt sich doch inzwischen unsre Eigenliebe an dem süssen Wahne, dass wir eben so wundertätige Helden gewesen sein würden, wenn uns das Schicksal an ihren Platz gesetzt hätte.

Wir müssen uns gefallen lassen, wie diese gewagten Gedanken, so natürlich und wahr sie uns scheinen, von den verschiednen Classen unsrer Leser aufgenommen werden mögen: Und wenn wir auch gleich Gefahr laufen sollten, uns ungünstige Vorurteile zuzuziehen; so können wir doch nicht umhin, diese angefangene Betrachtung um so mehr fortzusetzen, je grösser die Beziehung ist, welche sie auf den ganzen Inhalt der vorliegenden geschichte hat.

Unter allen den übernatürlichen Charaktern, welche die mehrbelobten romanhaften Sittenlehrer in einen gewissen Schwung von Hochachtung gebracht haben, sind sie mit keinem glücklicher gewesen, als mit dem Heldentum in der Grossmut, in der Tapferkeit und in der verliebten Treue. Daher finden wir die Liebensgeschichten, Ritterbücher und Romanen, von den zeiten des guten Bischofs Heliodorus bis zu den unsrigen, von Freunden, die einander alles, sogar die Forderungen ihrer stärksten Leidenschaften, und das angelegenste Interesse ihres Herzens aufopfern; von Rittern, welche immer bereit sind, der ersten Infantin, die ihnen begegnet, zu gefallen, sich mit allen Riesen und Ungeheuern der Welt herumzuhauen; und (bis Crebillon eine bequemere Mode unter unsre Nachbarn jenseits des Rheins aufgebracht hat) beinahe von lauter Liebhabern angefüllt, welche nichts angelegners haben, als in der Welt herumzuziehen, um die Namen ihrer Geliebten in die Bäume zu schneiden, ohne dass die reizendesten Versuchungen, denen sie von Zeit zu Zeit ausgesetzt sind, vermögend wären, ihre Treue nur einen Augenblick zu erschüttern. Man müsste wohl sehr eingenommen sein, wenn man nicht sehen sollte, warum diese vermeinten Heldentugenden in eine so grosse Hochachtung gekommen sind. Von je her haben die Schönen sich berechtiget gehalten, eine Liebe, welche ihnen alles aufopfert, und eine Beständigkeit, die gegen alle andre Reizungen unempfindlich ist, zu erwarten. Sie gleichen in diesem Stücke den grossen Herren, welche verlangen, dass unserm Eifer nichts unmöglich sein solle, und die sich sehr wenig darum bekümmern, ob uns dasjenige, was sie von uns fordern, gelegen, oder ob es überhaupt recht und billig sei, oder nicht. Eben so ist es für unsre Beherrscherinnen schon genug, dass der Vorteil ihrer Eitelkeit und ihrer übrigen Leidenschaften sich bei diesen vorgeblichen Tugenden am besten befindet, um einen Artabanus oder einen Grafen von Comminges zu einem grösseren Mann in ihren Augen zu machen, als alle Helden des Plutarchs zusammengenommen. Und ist die unedle Eigennützigkeit oder der feige Kleinmut, womit wir (zumal bei jenen Völkern, wo der Tod aus sittlichen Ursachen mehr als natürlich ist, gefürchtet wird) den grössesten teil der bürgerlichen Gesellschaft angesteckt sehen, vielleicht weniger interessiert, eine sich selbst ganz vergessende Grossmut und eine Tapferkeit, die von nichts erzittert, zu vergöttern? Je vollkommener andre sind, desto weniger haben wir nötig es zu sein; und je höher sie ihre Tugend treiben, desto weniger haben wir bei unsern Lastern zu besorgen.

Der Himmel verhüte, dass unsre Absicht jemals sei, in schönen Seelen diese liebenswürdige Schwärmerei für die Tugend abzuschrecken, welche ihnen so natürlich und öfters die Quelle der lobenswürdigsten Handlungen ist. Alles was wir mit diesen Bemerkungen abzielen, ist allein, dass die romanhaften Helden, von denen die Rede ist, noch weniger in dem Bezirke der natur zu suchen seien als die geflügelten Löwen und die Fische mit Mädchenleibern; dass es moralische Grotesken seien, welche eine müssige Einbildungskraft ausbrütet, und ein verdorbner moralischer Sinn, nach Art gewisser Indianer, destomehr vergöttert, je weiter ihre verhältniswürdige Missgestalt von der menschlichen natur sich entfernet, welche doch, mit allen ihren Mängeln, das beste, liebenswürdigste und vollkommenste Wesen ist das wir wirklich kennen – – und dass also der Held unsrer geschichte, durch die Veränderungen und Schwachheiten, denen wir ihn unterworfen sehen, zwar allerdings, wir gestehen es, weniger ein Held, aber destomehr ein Mensch, und also desto geschickter sei, uns durch seine Erfahrungen, und selbst durch seine Fehler zu belehren.

Wir können indes nicht bergen, dass wir aus verschiednen Gründen in Versuchung geraten sind, der historischen Wahrheit dieses einzige mal Gewalt anzutun, und unsern Agaton, wenn es auch durch irgend einen Deum ex Machina hätte geschehen müssen, so unversehrt aus der Gefahr, worin er sich wirklich befindet, herauszuwickeln, als es für die Ehre des Platonismus, die er bisher so schön behauptet hat, allerdings zu wünschen gewesen wäre. Allein da wir in Erwägung zogen, dass diese einzige poetische Freiheit uns nötigen würde, in der Folge seiner begebenheiten so viele andre Veränderungen vorzunehmen, dass die geschichte Agatons wirklich die natur einer geschichte verloren hätte, und zur Legende irgend eines moralischen Don Esplandians geworden wäre: So haben wir uns aufgemuntert, über alle die ekeln Bedenklichkeiten hinauszugehen, die uns anfänglich stutzen gemacht hatten, und uns zu überreden, dass der Nutzen, den unsre verständigen Leser sogar von den Schwachheiten unsers Helden in der Folge zu ziehen gelegenheit bekommen könnten, ungleich grösser sein dürfte, als der zweideutige Vorteil, den die Tugend dadurch erhalten hätte, wenn