selbst, ohne Leben, ohne Geist, zu nichts geschickt als in einöden Wildnissen wie ein Gespenst umherzuirren, den Namen seiner Göttin in Felsen einzugraben, und den tauben Bäumen seine Schmerzen vorzuseufzen; ein kläglicher Zustand, in Wahrheit, wenn nicht ein einziger blick des Gegenstands, von dem diese seltsame Bezauberung herrührt, hinlänglich wäre, in einem Wink diesem Schatten wieder einen Leib, dem Leib eine Seele, und der Seele diese Begeisterung wieder zu geben, durch welche sie ohne Beobachtung einiger Gradation von der Verzweiflung zu unermesslicher Wonne übergeht. Wenn Agaton dieses alles nicht völlig in so hohem Grad erfuhr, als andre von seiner Art, so muss dieses vermutlich allein dem Einfluss beigemessen werden, den seine werte Psyche noch in dasjenige hatte, was in seinem Herzen vorging. Allein wir müssen gestehen, dieser Einfluss wurde immer schwächer; die lebhaften Farben, womit ihr Bild seiner Phantasie ehemals vorgeschwebt hatte, wurden immer matter; und anstatt dass ihn sonst sein Herz an sie erinnert hatte, musste es jetzt von ungefähr und durch einen Zufall geschehen. Endlich verschwand dieses Bild gänzlich; Psyche hörte auf für ihn zu existieren, ja kaum erinnerte er sich alles dessen, was vor seiner Bekanntschaft mit der schönen Danae vorgegangen war anders, als ein erwachsener Mensch sich seiner ersten Kindheit erinnert. Es ist also leicht zu begreifen, dass seine ganze vormalige Art zu empfinden und zu sein, einige Veränderung erlitt, und gleichsam die Farbe und den Ton des Gegenstands bekam, der mit einer so unumschränkten Macht auf ihn würkte. Sein ernstaftes Wesen machte nach und nach einer gewissen Munterkeit Platz, die ihm vieles, das er ehmals missbilliget hatte, in einem günstigern Lichte zeigte; seine Sittenlehre wurde unvermerkt freier und gefälliger, und seine ehmaligen guten Freunde, die eterischen Geister, wenn sie ja noch einigen Zutritt bei ihm hatten, mussten sich gefallen lassen, die Gestalt der schönen Danae anzunehmen, um vorgelassen zu werden. Vor Begierde der Beherrscherin seines Herzens zu gefallen, vergass er, sich um den Beifall unsichtbarer Zuschauer seines Lebens zu bekümmern; und der Zustand der entkörperten Seelen deuchte ihn nicht mehr so beneidenswürdig, seitdem er im Anschauen dieser irdischen Göttin ein Vergnügen genoss, welches alle seine Einbildungen überstieg. Der Wunsch immer bei ihr zu sein, war nun erfüllt, dem zweiten, der auf diesen gefolget sein würde, dem Verlangen ihre Freundschaft zu besitzen war sie selbst gleich anfangs grossmütiger Weise zuvorgekommen, und die verbindliche und vertraute Art, wie sie etliche Tage lang mit ihm umging, liess ihm von dieser Seite nichts zu wünschen übrig. Er hatte ihre Freundschaft, nun wünschte er auch ihre Zärtlichkeit zu haben – – Ihre Zärtlichkeit! – – Ja, aber eine Zärtlichkeit, wie nur die Einbildungskraft eines Agaton fähig ist, sich vorzustellen. Kurz, da er anfing zu merken, dass er sie liebe, so wünschte er wieder geliebt zu werden. Allein er liebte sie mit einer so uneigennützigen, so geistigen, so begierdenfreien Liebe, als ob sie eine Sylphide gewesen wäre; und der kühnste Wunsch, den er zu wagen fähig war, war nur, in derjenigen sympatetischen Verbindung der Seelen mit ihr zu stehen, wovon ihm Psyche die Erfahrung gegeben hatte. Wie angenehm (dachte er) wie entzükkungsvoll, wie sehr über alles, was die Sprache der Sterblichen ausdrücken kann, müsste eine solche Sympatie mit einer Danae sein, da sie mit Psyche schon so angenehm gewesen war! Zum Unglück für unsern Platoniker war dieses ein Plan, wozu Danae, welche dieses mal keine Sylphide spielen wollte, sich nicht so gut anliess, als er es gewünscht hatte. Sie fuhr immer fort sich in den Grenzen der Freundschaft zu halten, und, die Wahrheit zu sagen, sie war entweder nicht geistig genug, sich von dieser intellectualischen Liebe, von der er ihr so viel schönes vorsagte, einen rechten Begriff zu machen; oder sie fand es lächerlich, in ihrem Alter und mit ihrer Figur eine Rolle zu spielen, die, nach ihrer denkart, sich nur für eine person schickte die im Bade keine Besuche mehr annimmt; wenn sie gleich allzu bescheiden war, ihm dieses mit Worten zu sagen, so fand sie doch Mittel genug, ihm ihre Gedanken über diesen Punct auf eine vielleicht eben so nachdrückliche Art zu erkennen zu geben. Gewisse kleine Nachlässigkeiten in ihrem Putz, ein verräterischer Zephyr, oder ihr Sperling, der indem sie neben Agaton auf einer Ruhebank sass, mit mutwilligem Schnabel an dem Gewand zerrte, das zu ihren Füssen herabfloss, schienen seiner äterischen Liebe zu spotten, und ihm Aufmunterungen zu geben, die ein minder bezauberter Liebhaber nicht nötig gehabt hätte. Danae hatte Ursache mit der Würkung dieser kleinen Kunstgriffe zufrieden zu sein. Agaton, welcher sich angewöhnt hatte, den Leib und die Seele als zwei verschiedene Wesen zu betrachten, und in dessen Augen Danae eine geraume Zeit nichts anders, als (nach dem Ausdruck des Guidi) eine himmlische Schönheit in einem irdischen Schleier gewesen war, vermengte diese beiden Wesen je länger je mehr in seiner Phantasie mit einander, und er konnte es desto leichter, da in der Tat alle körperlichen Schönheiten seiner Göttin so beseelt waren, und alle Schönheiten ihrer Seele so lebhaft aus diesem reizenden Schleier hervorschimmerten, dass es beinahe unmöglich war, sich eine ohne die andre vorzustellen. Dieser Umstand brachte zwar keine wesentliche Veränderung in seiner Art zu lieben hervor; doch ist gewiss, dass er nicht wenig dazu beitrug, ihn unvermerkt in eine Verfassung zu setzen