sie; noch alles wusste, was sie durch unsere Indiscretion von der schönen Danae erfahren haben Wir wissen freilich was wir ungefähr von ihr denken sollen; allein in seinen Augen war sie eine Göttin; und zu ihren Füssen liegend konnte er, zumal bei der Verbindlichkeit, die er ihr hatte, natürlicher Weise, diese Danae nicht mit einer so philosophischen Gleichgültigkeit ansehen, wie wir andern.
Agaton war nun also ein Hausgenosse der schönen Danae, und entfaltete mit jedem Tage neue Verdienste, die ihn dieses Glücks würdig zeigten, und die seine geringe achtung für den Hippias ihn verhindert hatte, in dessen haus sehen zu lassen. Da nebst den besonderen Ergötzungen des Landlebens diese feinere Art von Belustigungen, an denen der Witz und die Musen den meisten Anteil haben, die hauptsächlichste Beschäftigung war, wozu man die Zeit in diesem angenehmen Aufentalt anwendete; so hatte er gelegenheit genug, seine Talente von dieser Seite schimmern zu lassen; und seine bezauberte Phantasie gab ihm so viele Erfindungen an die Hand, dass er keine andre Mühe hatte, als diejenigen auszuwählen, die er am geschicktesten glaubte, seine Gebieterin und die kleine Gesellschaft von vertrauten Freunden, die sich bei ihr einfanden, zu ergötzen. So weit war es schon mit demjenigen gekommen, der vor wenigen Wochen es für eine geringschätzige Bestimmung hielt, in der person eines unschuldigen Anagnosten die Jonischen Ohren zu bezaubern.
In der Tat können wir länger nicht verbergen, dass diese unbeschreibliche Empfindung (wie er dasjenige nannte was ihm die schöne Danae eingeflösst hatte) dieses ich weiss nicht was, welches wir, so wenig er es auch gestanden hätte, ganz ungescheut Liebe nennen wollen, in dem Lauf von wenigen Tagen so sehr zugenommen hatte, dass einem jeden andern als einem Agaton die Augen über den wahren Zustand seines Herzens aufgegangen wären. Wir wissen wohl, dass die Umständlichkeit unsrer Erzählung bei diesem Teile seiner geschichte, den Ernstaftern unter unsern Lesern, wenn wir anders dergleichen haben werden, sehr langweilig vorkommen wird. Allein die achtung, die wir ihnen schuldig sind, kann uns nicht verhindern, uns die Vorstellung zu machen, dass diese geschichte vielleicht künftig, und wenn es auch nur aus einem Gewürzladen wäre, einem jungen noch nicht ganz ausgebrüteten Agaton in die hände fallen könnte, der aus einer genauern Beschreibung der Veränderungen, welche die Göttin Danae nach und nach in dem Herzen und der denkart unsers Helden hervorgebracht, sich gewisse Beobachtungen und Cautelen ziehen könnte, von denen er vielleicht einen guten Gebrauch zu machen gelegenheit bekommen möchte. Wir glauben also, wenn wir diesem zukünftigen Agaton zu Gefallen uns die Mühe nehmen, der leidenschaft unsers Helden von der Quelle an in ihrem wiewohl noch geheimen Lauf nachzugehen, desto eher entschuldiget zu sein, da es allen übrigen, die mit diesen Anecdoten nichts zu machen wissen, frei steht, das folgende Capitel zu überschlagen.
Fünftes Capitel
Natürliche geschichte der Platonischen Liebe
Die Quelle der Liebe, sagt Zoroaster, oder hätte es doch sagen können, ist das Anschauen eines Gegenstandes, der unsre Einbildungskraft bezaubert. Der Wunsch diesen Gegenstand immer anzuschauen, ist der erste Grad derselben. Je bezaubernder dieses Anschauen ist, und je mehr die an dieses Bild der Vollkommenheit angeheftete Seele daran zu entdecken und zu bewundern findet, desto länger bleibt sie in den Grenzen dieses ersten Grades der Liebe stehen. Dasjenige was sie hiebei erfährt, kommt anfangs demjenigen ausserordentlichen Zustande ganz nahe, den man Verzückung nennt; alle andere Sinnen, alle würksamen Kräfte der Seele scheinen stille zu stehen, und in einen einzigen blick, worin man keiner Zeitfolge gewahr wird, verschlungen zu sein. Dieser Zustand ist zugewaltsam, als dass er lange dauern könnte; langsamer oder schneller macht er der Empfindung eines unaussprechlichen Vergnügens Platz, welches die natürliche Folge jenes ecstatischen Anschauens ist, und wovon, wie einige Adepten uns versichert haben, keine andre Art von Vergnügen oder Wollust uns einen bessern Begriff geben kann, als der unreine und düstre Schein einer Pechfackel von der klarheit des unkörperlichen Lichts, worin, nach der Meinung der Morgenländischen Weisen, die Geister als in ihrem Elemente leben. Dieses innerliche Vergnügen äussert sich bald durch die Veränderungen, die es in dem mechanischen teil unsers Wesens hervorbringt; es wallt mit hüpfender Munterkeit in unsern Adern, es schimmert aus unsern Augen, es giesst eine lächelnde Heiterkeit über unser Gesicht, und gibt allen unsern Bewegungen eine neue Lebhaftigkeit und Anmut: es stimmt und erhöhet alle Kräfte unsrer Seele, belebt das Spiel der Phantasie und des Witzes, und kleidet, so zu sagen, alle unsre Ideen in den Schimmer und die Farbe der Liebe. Ein Liebhaber ist in diesem Augenblick mehr als ein gewöhnlicher Mensch; er ist (wie Plato sagt) von einer Gotteit voll, die aus ihm redet und würket; und es ist keine Vollkommenheit, keine Tugend, keine Heldentat so gross, wozu er in diesem stand der Begeistrung und unter den Augen des geliebten Gegenstands nicht fähig wäre. Dieser Zustand dauert noch fort, wenn er gleich von demselben entfernt wird, und das Bild desselben, das seine ganze Seele auszufüllen scheint, ist so lebhaft, dass es einige Zeit braucht, bis er der Abwesenheit des Urbildes gewahr wird. Aber kaum empfindet die Seele diese Abwesenheit, so verschwindet jenes Vergnügen mit seinem ganzen bezauberten Gefolge; man erfährt in immer zunehmenden Graden das Gegenteil von allen Würkungen jener Begeisterung, wovon wir geredet haben; und derjenige der vor kurzem mehr als ein Mensch schien, scheint nun nichts als der Schatten von sich