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leiden, dass diese und ähnliche Stellen seines Werkes von allen andern Lesern für Galimatias gehalten werden, da er versichert ist, dass *** ihn versteht – – Agaton könnte also von dieser gedoppelten Art von Liebe, wovon eine die Antipode der andern ist, aus Erfahrung sprechen; allein diejenige, worin jene beiden sich in einander mischen, die Liebe, welche die Sinnen, den Geist und das Herz zugleich bezaubert, die heftigste, die reizendste und gefährlichste aller Leidenschaften, war ihm mit allen ihren Symptomen und Würkungen noch unbekannt; und es ist also kein Wunder, dass sie sich schon seines ganzen Wesens bemeistert hatte, eh es ihm nur eingefallen war, ihr zu widerstehen. Es ist wahr, dasjenige was in seinem Gemüte vorging, nachdem er in zwei oder drei Tagen die schöne Danae weder gesehen, noch etwas von ihr gehört hatte, hätte den Zustand seines Herzens einem unbefangnen Zuschauer verdächtig gemacht; aber er selbst war weit entfernt das geringste Misstrauen in die Unschuld seiner Gesinnungen zu setzen. Was ist natürlicher, als das Verlangen, das vollkommenste und liebenswürdigste unter allen Wesen, nachdem man es einmal gesehen hat, immer zu sehen? Solche Schlüsse macht die leidenschaft. "Aber was sagte denn die Vernunft dazu?" Die Vernunft? O, die sagte gar nichts. übrigens müssen wir doch, es mag nun zur Entschuldigung unsers Helden dienen oder nicht, den Umstand nicht aus der Acht lassen, dass er von der schönen Danae nichts anders wusste, als was er gesehen hatte. Der Charakter, den ihr die Welt beilegte, war ihm gänzlich unbekannt; er hatte noch keinen Anlass, und, die Wahrheit zu sagen, auch kein Verlangen gehabt, sich darnach zu erkundigen.

Drittes Capitel

Worin die Absichten des Hippias einen merklichen

Schritt machen

Inzwischen waren ungefähr acht Tage verflossen, welche dem stillschweigenden und melancholischen Agaton, zu grossem Vergnügen des boshaften Sophisten, achtundert Jahre dauchten, als dieser an einem Morgen zu ihm kam, und mit einer gleichgültigen Art zu ihm sagte: Danae hat einen Aufseher über ihre Gärten und Landgüter vonnöten; was sagst du zu dem Einfall, den ich habe, dich an diesen Platz zu setzen? Mich daucht, du würdest dich nicht übel zu einem solchen amt schicken; hast du nicht Lust in ihre Dienste zu treten? Ein Wort, welches Bestürzung und übermässige Freude, Misstrauen und Hoffnung, Erblassen und Glühen zu gleicher Zeit ausdrückte, würde uns wohl zustatten kommen, die Verwirrung auszudrücken, worein diese Anrede den guten Agaton setzte. Sie war zu gross, als dass er sogleich hätte antworten können. Allein die Augen des Hippias, in denen er einen teil der Bosheit lase, die der Sophist zu verbergen sich bemühte, gaben ihm bald die Sprache wieder. Wenn du Lust hast, dich auf diese Art von mir los zu machen, versetzte er mit so vieler Fassung als ihm möglich war, so hab ich nur eine Bedenklichkeit – "Und diese ist?" – dass ich mich sehr schlecht auf die Landwirtschaft verstehe. Das hat nichts zu bedeuten, antwortete der Sophist; du wirst Leute unter dir haben, die sich desto besser darauf verstehen, und das ist genug. Im übrigen glaube ich, dass du mit Vergnügen in diesem haus sein wirst. Du liebest das Landleben, und du wirst gelegenheit haben alle seine Annehmlichkeiten zu schmecken. Wenn du es zufrieden bist, so geh ich, um diese Sache in Richtigkeit zu bringen. Du hast dir das Recht erkauft, mit mir zu machen was du willt, erwiderte Agaton. Die Wahrheit zu sagen, fuhr Hippias fort, ungeachtet der kleinen Misshelligkeiten unsrer Köpfe, verlier ich dich ungern: allein Danae scheint es zu wünschen, und ich habe Verbindlichkeiten gegen sie; sie hat, ich weiss nicht woher, eine grosse Meinung von deiner Fähigkeit gefasst, und da ich alle Tage gelegenheit haben werde, dich in ihrem haus zu sehen, so kann ich mir es um so eher gefallen lassen, dich an eine Freundin abzutreten, von der ich gewiss bin, dass dir so begegnet werden wird, wie du es verdienest. Agaton beharrte in dem Ton der Gleichgültigkeit, den er angenommen hatte, und Hippias, dem es Mühe genug kostete, die Spöttereien zurückzuhalten, die ihm alle Augenblicke auf die Lippen kamen, verliess ihn, ohne sich merken zu lassen, dass er wüsste, was er von dieser Gleichgültigkeit denken sollte. Das Betragen Agatons bei diesem Anlass wird ihn vielleicht in den Verdacht setzen, dass er sich bewusst gewesen sei, dass es nicht richtig in seinem Herzen stehe, warum hätte er sonst nötig gehabt sich zu verbergen? Allein man muss sich der Vorurteile erinnern, die er wider den Sophisten gefasst hatte, um zu sehen, dass er vollkommen in seinem Charakter blieb, indem er Empfindungen vor ihm zu verbergen suchte, die einem so unverbesserlichen Anti-Platon ganz unverständlich oder vollkommen lächerlich gewesen wären. Die Freude, welcher er sich überliess, so bald er sich allein sah, lässt uns keinen Zweifel übrig, dass er damals noch nicht das geringste Misstrauen in sein Herz gesetzt habe. Diese Freude war über allen Ausdruck.

Liebhaber von einer gewissen Art können sich eine Vorstellung davon machen, welche der allerbesten Beschreibung wert ist; und den übrigen würde diese Beschreibung ungefähr so viel helfen, als eine Seekarte einem Fussgänger. Die unvergleichliche Danae wieder zu sehen; nicht nur wieder zu sehen, in ihrem haus zu sein, unter ihren Augen