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sehr wenig Unrecht getan, als er ihm eine Einbildungskraft von dieser Art zuschrieb; ob wir ihm gleich in Absicht des Mittels nicht völlig beifallen können, wodurch selbige, seiner Meinung nach, am besten in das gehörige Gleichgewicht mit den übrigen Kräften der Seele gesetzt werden könne. Die schlaue Danae hatte sich aus der Beschreibung des Hippias eine solche Vorstellung von dem Agaton gemacht, dass sie alles gewonnen zu haben glaubte, wenn sie nur seine Einbildungskraft auf ihre Seite gebracht haben würde. Hippias, dachte sie, hatte nur darin gefehlt, dass er ihn durch die Sinnen verführen wollte. Auf diese Voraussetzung machte sie einen Plan, über den sie nicht wenig vergnügt war; und dachte so wenig daran, dass die Ausführung sie ihr eigenes Herz kosten könnte, als Agaton sich von der Gefahr träumen liess, die dem seinigen zubereitet wurde. Endlich kam die Stunde, die dem Hippias bestimmt worden war. Agaton begleitete seinen Herrn, ohne zu wissen wohin. Sie traten in einen Palast, der auf einer doppelten Reihe von jonischen Säulen ruhte, und mit vielen vergoldeten Bildsäulen ausgezieret war. Das Inwendige dieses Hauses stimmte vollkommen mit der Pracht des äusserlichen Anblicks überein. Allentalben begegnete ihm das geschäftige Gewimmel von unzählichen Sclaven und Sclavinnen, wovon die erstern alle unter zwölf Jahren zu sein schienen, und so wie die letzteren von ausserordentlicher Schönheit waren. Ihre Kleidung stellte dem auge' eine angenehme Verbindung der Einförmigkeit mit der Abwechslung vor; einige waren weiss, andre in himmelblau, andre in rosenfarb, andre in andre Farben gekleidet, und jede Farbe schien eine besondere klasse zu bezeichnen, welcher ihre eigne Dienste angewiesen waren. Agaton, auf den alles lebhaftere Eindrücke machte, als es nötig war, um nach dem Massstab der Moralisten genug zu sein, wurde durch alles was er sah, so sehr bezaubert, dass er sich in eine von seinen idealischen Welten versetzt glaubte. Allein eh er Zeit hatte zu sich selbst zu kommen, führte ihn Hippias in einen grossen und hellerleuchteten Saal, worin die Gesellschaft versammelt war, welche sie vermehren sollten. Er hatte kaum einen blick auf sie geworfen, als die schöne Danae ihm mit einer Anmut und Leutseligkeit die ihr eigen war, entgegen kam, und ihm sagte, dass ein Freund des Hippias das Recht habe, sich in ihrem haus und in dieser Gesellschaft als einheimisch anzusehen. Ein so verbindliches Compliment verdiente wohl eine Antwort in eben diesem Ton; allein Agaton war in diesem Augenblick ausser Stand, höflich zu sein: Ein blick, womit man den äussersten Grad des angenehmsten Erstaunens malen müsste, war alles, was er auf diese Anred' erwidern konnte. Die Gesellschaft, die er versammelt fand, war aus lauter solchen Personen zusammengesetzt, welche die Vorrechte des vertrautesten Umgangs in diesem haus genossen, und die attische Urbanität, die von der spröden, regelmässigen und manierenreichen Politesse der heutigen Europäer so sehr verschieden war, in einem so hohen Grad als Danae selbst, besassen. In einer Gesellschaft nach der heutigen Art würde Agaton, in den ersten Augenblikken, da er sich darstellte, zu einer unendlichen Menge von boshaften und spöttischen Anmerkungen Stoff gegeben haben; allein in dieser war ein flüchtiger blick alles, was er auszuhalten hatte. Die Unterredung wurde fortgesetzt, niemand zischelte dem andern ins Ohr, oder schien das Erstaunen zu bemerken, mit der seine Augen die schöne Danae zu verschlingen schienen; kurz, man liess ihm alle Zeit die er brauchte um wieder zu sich selbst zu kommen, wofern sich anders dieser Ausdruck für die Verfassung schickt, in der er sich diesen ganzen Abend durch befand. Vielleicht erwartet man, dass wir eine nähere Erläuterung über diesen ausserordentlichen Eindruck geben sollen, welchen Danae auf unsern allzureizbaren Helden machte; allein wir sehen uns noch ausser Stand, die Neugierde des Lesers über einen Punct zu befriedigen, wovon Agaton selbst noch nicht fähig gewesen wäre, Rechenschaft zu geben: Soviel können wir inzwischen sagen, dass diese Danae dem Anschein nach niemals weniger erwarten konnte, eine solche Würkung zu machen; so wenig Mühe hatte sie sich gegeben, durch einen schlauen Putz ihre Reizungen in ein günstiges Licht zu setzen. Ein Kleid von weissem Taft, mit kleinen Streifen von Purpur, und eine halberöffnete Rose in ihrem schwarzen Haar, machte ihren ganzen Staat aus; und von der Durchsichtigkeit, wodurch die Kleidung der Cyane den Augen unsers Helden anstössig gewesen, war die ihrige so weit entfernt, dass man mit besserm Recht an ihr hätte aussetzen können, dass sie zu sehr verhüllt sei. Es ist wahr, sie hatte sorge getragen, dass ein kleiner niedlicher Fuss, der an Weisse den Alabaster übertraf, dem Auge nicht immer entzogen würde; und die ganze Schönheit ihres Gesichts war nicht vermögend, den Agaton aufmerksam zu erhalten, wenn sich dieser reizende Fuss sehen liess, allein dieses, und eine schneeweisse Hand mit dem Anfang eines vollkommen schönen Arms war alles, was das neidische Gewand den vorwitzigen Blicken nicht versagte; was es also auch sein mochte, was in seinem Herzen vorging, so ist doch dieses gewiss, dass an der person und dem Betragen der schönen Danae nicht das mindeste zu entdecken war, das einige besondere Absicht auf unsern Helden hätte anzeigen können; und dass sie, es sei nun aus Unachtsamkeit oder Bescheidenheit, nicht einmal zu bemerken schien, dass Agaton für sie allein Augen, und über ihrem Anschauen den Gebrauch aller andern Sinnen verloren hatte.

Fünftes Capitel

Pantomimen

Nach Endigung der Mahlzeit, bei welcher Agaton beinahe