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so vieler Eilfertigkeit als er konnte, und der Mond, dessen voller Glanz die ganze Gegend weit umher aus den dämmernden Schatten hob, begünstigte sein Unternehmen. Das Getümmel nahm immer zu, je näher er dem rücken des berges kam; er unterschied jetzt den Schall von Trummeln und das Flüstern regelloser Flöten, und fing an zu erraten, was dieser Lerm zu bedeuten haben möchte; als sich ihm plötzlich ein Schauspiel darstellte, welches fähig scheinen könnte, den Weisen selbst, dessen wir oben erwähnet haben, seiner eingebildeten Göttlichkeit vergessen zu machen. Ein schwärmender Haufen von jungen Tracischen Weibern war es, welche von der Orphischen Wut begeistert, sich in dieser Nacht versammelt hatten, die unsinnigen Gebräuche zu begehen, die das heidnische Altertum zum Andenken des berühmten Zuges des Bacchus aus Indien eingesetzt hatte. Ohne Zweifel könnte eine ausschweifende Einbildungskraft, oder der Griffel eines la Fage von einer solchen Scene ein ziemlich verführerisches Gemälde machen; allein die Eindrücke die der würkliche Anblick auf unsern jungen Helden machte, waren nichts weniger als von der reizenden Art. Das stürmisch fliegende Haar, die rollenden Augen, die beschäumten Lippen und die aufgeschwollnen Muskeln, die wilden Gebärden und die rasende Fröhlichkeit, mit der diese Unsinnigen in frechen Stellungen, ihre mit zahmen Schlangen umwundnen Tyrsos schüttelten, ihre Klapperbleche zusammen schlugen, oder abgebrochne Dityramben mit lallender Zunge stammelten; alle diese Ausbrüche einer fanatischen Wut, die ihm nur desto schändlicher vorkam, weil sie den Aberglauben zur Quelle hatte, machten seine Augen unempfindlich, und erweckten ihm einen Ekel vor Reizungen, die mit der Schamhaftigkeit alle ihre Macht auf ihn verloren hatten. Er wollte zurück fliehen, aber es war unmöglich, weil er in eben dem Augenblick, da er sie erblickte, von ihnen bemerkt worden war. Der unerwartete Anblick eines Jünglings, an einem Ort und bei einem Feste, welches kein männliches auge entweihen durfte, hemmte plötzlich den Lauf ihrer lärmenden Fröhlichkeit, um alle ihre Aufmerksamkeit auf diese Erscheinung zu wenden.

Hier können wir unsern Lesern einen Umstand nicht länger verhalten, der in diese ganze geschichte einen grossen Einfluss hat. Agaton war von einer so wunderbaren Schönheit, dass die Rubens und Girardons seiner Zeit, weil sie die Hoffnung aufgaben, eine vollkommnere Gestalt zu erfinden, oder aus den zerstreuten Schönheiten der natur zusammen zu setzen, die seinige zum Muster nahmen, wenn sie den Apollo oder Bacchus vorstellen wollten. Niemals hatte ihn ein weibliches auge erblickt, ohne die Schuld ihres Geschlechts zu bezahlen, welches die natur für die Schönheit so empfindlich gemacht zu haben scheint, dass diese einzige Eigenschaft den meisten unter ihnen die Abwesenheit aller übrigen verbirgt. Agaton hatte ihr in diesem Augenblick noch mehr zu danken; sie rettete ihn von dem Schicksal des Penteus. Seine Schönheit setzte diese Mänaden in Erstaunen. Ein Jüngling von einer solchen Gestalt, an einem solchen Ort, zu einer solchen Zeit! Konnten sie ihn für etwas geringers halten, als für den Bacchus selbst? In dem Taumel worin sich ihre Sinnen befanden, war nichts natürlichers als dieser Gedanke; auch gab er ihrer Phantasie auf einmal einen so feurigen Schwung, dass, da sie die Gestalt dieses Gottes vor sich sahen, sie alles übrige hinzudichteten, was ihm zu einem vollständigen Dionysus mangelte. Ihre bezauberten Augen stellten ihnen die Silenen und die Ziegenfüssigen Faunen vor, die um ihn her schwärmten, und Tiger und Leoparden die mit liebkosender Zunge seine Füsse leckten; Blumen, so deucht es sie, entsprangen unter seinen Fusssohlen, und Quellen von Wein und Honig sprudelten von jedem seiner Tritte auf, und rannen in schäumenden Bächen die Felsen hinab. Auf einmal erschallte der ganze Berg, der Wald und die benachbarten Felsen von ihrem lauten Evan, Evan! mit einem so entsetzlichen Getöse der Trummeln und Klapperbleche, dass Agaton, bei dem das, was er in diesem Augenblick sah und hörte, alles überstieg, was er jemals gesehen, gehört, gedichtet oder geträumt hatte, von Entsetzen und Erstaunung gefesselt, wie eine Bildsäule stehen blieb, indes, dass die entzückten Bacchantinnen gaukelnde Tänze um ihn her machten, und durch tausend unsinnige Gebärden ihre Freude über die vermeinte Gegenwart ihres Gottes ausdrückten.

Allein die unmässigste Schwärmerei hat ihre Grenzen, und weicht endlich der Obermacht der Sinnen. Zum Unglück für den Helden unsrer geschichte kamen diese Unsinnigen allmählich aus einer Entzükkung zurück, worüber sich vermutlich ihre Einbildungskraft gänzlich algemattet hatte, und bemerkten immer mehr menschliches an demjenigen, den seine ungewöhnliche Schönheit in ihren trunknen Augen vergöttert hatte. Etliche, die das Bewusstsein ihrer eignen stolz genug machte, die Ariadnen dieses neuen Bacchus zu sein, näherten sich ihm, und setzten ihn durch die Art womit sie ihre Empfindungen ausdrückten in eine desto grössere Verlegenheit, je weniger er geneigt war, ihre ungestümen Liebkosungen zu erwidern. Dem Ansehn nach würde unter ihnen selbst ein grimmiger Streit entstanden, und Agaton zuletzt das tragische Schicksal des Orpheus, der ehmals aus ähnlichen Ursachen von den tracischen Mänaden zerrissen worden war, erfahren haben, wenn nicht die Unsterblichen, die das Gewebe der menschlichen Zufälle leiten, in eben dem Augenblick ein Mittel seiner Errettung herbeigebracht hätten, da weder seine Stärke, noch seine Tugend ihn zu retten hinlänglich war.

Drittes Capitel

Unvermutete Unterbrechung des Bacchus-Festes

Eine Schar Cilicischer Seeräuber, welche frisches wasser einzunehmen bei nächtlicher Weile an dieser Küste geländet, hatten von fern das Getümmel der Bacchantinnen gehört, und sogleich für einen Aufruf zu einer ansehnlichen Beute aufgenommen. Sie erinnerten sich, dass die vornehmsten Frauen dieser Gegend die geheimnisvollen