. Er geriet durch einen Zufall in die hände Cilicischer Seeräuber, und aus diesen in die meinige. Er nannte sich Pytokles; aber weil ich diese Art von Namen nicht leiden kann, so hiess ich ihn Callias, und er verdient so zu heissen, denn er ist der schönste Mensch, den ich jemals gesehen habe. Seine übrigen Gaben bestätigen die gute Meinung, die sein Anblick von ihm erweckt. Er hat Verstand, Geschmack, und Wissenschaft; er ist ein Liebhaber und ein Günstling der Musen; aber mit allen diesen Vorzügen ist er doch nichts weiter als ein wunderlicher Kopf, ein Schwärmer und ein unbrauchbarer Mensch. Er nennt seinen Eigensinn Tugend, weil er sich einbildet, die Tugend müsse die Antipode der natur sein; er hält die Ausschweifungen seiner Phantasie für Vernunft, weil er sie in einen gewissen Zusammenhang gebracht hat; und sich selbst für weise, weil er auf eine metodische Art raset. Er gefiel mir beim ersten Anblick, ich fasste den Entschluss, etwas aus diesem jungen Menschen zu machen; aber alle meine Mühe war umsonst; und wenn es möglich ist, dass er durch jemand zu recht gebracht werden kann, so muss es durch ein Frauenzimmer geschehen; denn ich glaube bemerkt zu haben, dass man nur durch sein Herz in seinen Kopf kommen kann. Die Unternehmung wäre deiner würdig, schöne Danae, und wenn sie dir nicht gelingt, so ist er unverbesserlich, und verdient nichts, als dass man ihn seiner Torheit und seinem Schicksal überlasse.
Du hast meinen ganzen Ehrgeiz rege gemacht, Hippias, versetzte die schöne Danae; bringe ihn diesen Abend mit; ich will ihn sehen, und wenn er aus eben denselben Elementen zusammengesetzt ist, wie andre Erder eine probe machen, ob Danae ihrer Lehrmeisterin würdig ist.
Hippias war sehr erfreut, den Zweck seines Besuchs so glücklich erreicht zu haben, und versprach beim Abschied, zur bestimmten Zeit diesen wunderbaren Jüngling aufzuführen, an welchem die schöne Danae so begierig war, die Macht ihrer Reizungen zu versuchen.
Drittes Capitel
geschichte der schönen Danae
Die Dame, mit welcher unsre Leser im vorigen Capitel Bekanntschaft gemacht, hat vermutlich einem guten teil derselben nicht so übel gefallen, dass sie nicht eine nähere Nachricht von dem charakter und der geschichte derselben erwarten sollten; und wir sind desto geneigter, ihrem Verlangen ein Genüge zu tun, je nötiger der Verfolg unsrer Geschichten zu machen scheint, dass der Leser in den Stand gesetzt werde, der schönen Danae Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Die allgemeine Meinung zu Smyrna war, dass sie eine Tochter der berühmten Aspasia von Milet sei, die, nachdem sie in ihrer Vaterstadt die Kunst der Galanterie, wovon sie Profession machte, durch die Verbindung derselben mit der Philosophie und den Künsten der Musen, zu jenem Grade der Vollkommenheit erhoben hatte, der sie zur wahren Erfinderin derselben zu machen schien, nach Aten gezogen war, wo sie sich ihrer seltnen Vorzüge auf eine so kluge Art zu bedienen gewusst, dass sie sich endlich zur unumschränkten Beherrscherin des grossen Perikles, der das ganze Griechenland beherrschte, oder wie die comischen Dichter ihrer Zeit sich ausdrückten, zur Juno dieses ateniensischen Jupiters erhoben hatte. Allein die Vermutungen, worauf sich diese Meinung von der Abkunft der Danae gründete, können nicht für hinlänglich angesehen werden, das Zeugnis verschiedner Geschichtschreiber zu überwägen, welche versichern, dass sie aus der Insel Scios gebürtig gewesen, und nach dem Tod ihrer Eltern, in ihrem vierzehnten Jahr mit einem Bruder nach Aten gekommen, um in dieser Stadt, worin alle angenehmen Talente willkommen waren, durch die ihrigen ihren Unterhalt zu gewinnen. Die Kunst, welche sie hier trieb, war eine Art von pantomimischen Tänzen, wozu gemeiniglich nur eine oder zwo Personen erfordert wurden, und worin die tanzende person, nach der Modulation einer Flöte oder Leier, gewisse Stücke aus der Götter- und Heldengeschichte der Griechen, durch Gebärden und Bewegungen vorstellte. Allein, da diese Kunst wegen der Menge derer die sie trieben, nicht zureichte sie zu unterhalten, so sah sich die junge Danae genötiget, den Künstlern zu Aten die Dienste eines Models zu tun; und erhielt dadurch ausser dem Nutzen, den sie davon zog, die schmeichelnde Ehre, bald als Diana, bald als Venus auf die Altäre gestellt, die Bewunderung der Kenner und die Anbetung des Pöbels zu erhalten. Bei einer solchen gelegenheit trug es sich zu, dass sie von dem jungen Alcibiades überraschet, und in der Stellung der Danae des Acrisius, welche sie eben vorstellte, allzureizend befunden wurde, als dass einem geringern als Alcibiades auch nur der Anblick so vieler Schönheiten erlaubt sein sollte. Auf der andern Seite wurde die junge Danae von der Figur, den Manieren, dem Stand und den Reichtümern dieses liebenswürdigen Verführers so sehr eingenommen, dass er keine grosse Mühe hatte, sie zu bereden sich in seinen Schutz zu begeben. Er brachte sie also in das Haus der Aspasia, welches zu gleicher Zeit eine Academie der schönsten Geister von Aten, und eine Frauenzimmer-Schule war, worin junge Mädchen von den vorzüglichsten Gaben, unter der Aufsicht einer so vollkommnen Meisterin, eine Erziehung erhielten, welche sie zu der Bestimmung geschickt machen sollte, die Grossen und die Weisen der Republik in ihren Ruhestunden zu ergötzen. Danae machte sich diese gelegenheit so wohl zu Nutze, dass sie die Gunst, und endlich selbst die Vertraulichkeit der Aspasia erhielt, welche, weit über die Niederträchtigkeit gemeiner Seelen erhaben, sich mit so vielem Vergnügen in dieser jungen person