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weit übertreffe, als sie von dieser einzigen Ungenannten übertroffen werde. In der Tat war ihr Ruhm von dieser Seite so festgesetzt, dass man das Gerücht nicht unwahrscheinlich fand, welches versicherte, dass sie in ihrer ersten Jugend den berühmtesten Malern zum Modell gedient habe; und dass sie bei einer solchen gelegenheit den Namen erhalten, unter welchem sie in Jonien berühmt war. Izo hatte sie zwar das dreissigste Jahr schon zurückgelegt, allein ihre Schönheit hatte dadurch mehr gewonnen als verloren; und der blendende Jugendglanz, der mit dem Mai des Lebens zu verschwinden pflegt, wurde durch tausend andre Reizungen ersetzt, welche ihr, nach dem Urteil der Kenner, eine gewisse Anziehungskraft gaben, die man, ohne sich eines schwülstigen Ausdrucks schuldig zu machen, in gewissen Umständen für unwiderstehlich halten konnte. Dem ungeachtet scheute sich, unter der Aegide der Gleichgültigkeit, worin ihn damals ordentlicher Weise auch die schönsten Figuren zulassen pflegten, der weise Hippias nicht, seine Tugend öfters dieser Gefahr auszusetzen. Er war der schönen Danae unter dem Titel eines Freundes vorzüglich angenehm, und die geheime geschichte sagt so gar, dass sie ihn ehmals nicht unwürdig gefunden, ihm eine Zeitlang eine noch interessantere Stelle, bei ihrer person anzuvertrauen; eine Stelle die nur von den liebenswürdigsten seines Geschlechts bekleidet zu werden pflegte. Diese Dame war es, deren Beihülfe Hippias sich zu Ausführung seines Anschlags wider den Agaton bedienen wollte, dessen schwärmerische Tugend, seinen Gedanken nach, eine Beschimpfung seiner Grundsätze war, die er viel weniger leiden konnte, als die allerscharfsinnigste Widerlegung in forma. Er begab sich also zu der gewöhnlichen Stunde zu ihr, und war kaum in den Saal getreten, wo sie sich befand, und in den Bedürfnissen des Bades, von zwei jungen Knaben, welche eher ein paar Liebesgötter zu sein schienen, bedient wurde als sie schon in seinem Gesicht etwas bemerkte, das mit seiner gewöhnlichen Heiterkeit einen Absatz machte. Was hast du, Hippias, sagte sie zu ihm, dass du eine so tiefsinnige Mine mitbringst? Ich weiss nicht, antwortete er, warum ich tiefsinnig aussehen sollte, wenn ich eine Dame im Bade besuche; aber das weiss ich, dass ich dich noch nie so schön gesehen habe, als in diesem Augenblick. Gut, sagte sie, das beweist, dass ich recht geraten habe. Ich bin gewiss, dass ich heute nicht besser aussehe als das letztemal, da du mich sahest; aber deine Phantasie ist höher gestimmt als gewöhnlich, und du schreibst den Einfluss, den sie auf deine Augen hat, grossmütig auf die Rechnung des Gegenstands, den du vor dir hast; ich wollte wetten, dass die hässlichste meiner Kammermädchen, dir in diesem Augenblick eine Grazie scheinen würde. Ich habe, versetzte Hippias, keine Ansprüche an eine lebhaftere Einbildungskraft zu machen als Zeuxes und Aglaophon, welche sich nichts vollkommners zu erfinden getrauten als Danae. Welche schöne gelegenheit zu einer neuen Verwandlung, wenn ich Jupiter wäre! – "Und was für eine Gestalt wolltest du annehmen, um zu gleicher Zeit meine Sprödigkeit und deine liebe Gemahlin zu hintergehen? Denn ich glaube kaum, dass unter allen geflügelten, vierfüssigen und kriechenden Tieren eines ist, das nicht schon einem Unsterblichen hätte dienen müssen, irgend ein ehrliches Mädchen zu beschleichen." Ich würde mich nicht lange besinnen, sagte Hippias; was für eine Gestalt könnte ich annehmen, die dir angenehmer und mir zu meiner Absicht bequemer wäre, als dieses Sperlings, der deine Liebhaber so oft zu einer gerechten Eifer sucht reizt; der, durch die zärtlichsten Namen aufgemuntert, mit solcher Freiheit um deinen Nacken flattert, oder mit mutwilligem Schnabel den schönsten Busen neckt, und die Liebkosungen allezeit doppelt wieder empfängt, die er dir gemacht hat. Es ist dir leichter wie es scheint, versetzte die Dame, einen Sperling an deine Stelle, als dich an die Stelle eines Sperlings zu setzen; bald könntest du mir die Schmeicheleien meines kleinen Lieblings verdächtig machen. Aber genug von den Wundern, die du meiner Schönheit zutrauest; wir wollen von was anderm reden. Weissest du, dass ich meinem Liebhaber den Abschied gegeben habe? "Dem schönen Hyacintus?" Ihm selbst, und was noch mehr ist, mit dem festen Entschluss, seine Stelle nimmer zu ersetzen. "Das ist eine tragische Entschliessung, schöne Danae." Nicht so sehr als du denkest. Ich versichre dich, Hippias, meine Geduld reicht nicht mehr zu, alle Torheiten dieser abgeschmackten Gecken auszustehen, welche die Sprache der Empfindung reden wollen und nichts fühlen; deren Herz nicht so viel als mit einer Nadelritze verwundet ist, ob sie gleich von Martern und von Flammen reden; die unfähig sind etwas anders zu lieben als sich, und denen meine Augen nur zum Spiegel dienen sollen, um darin den Wert ihrer kleinen unverschämten Figur zu bewundern. Kaum glauben sie ein Recht an unsre Gütigkeit zu haben, so bilden sie sich ein, dass sie uns viel Ehre erweisen, wenn sie unsere Liebkosungen mit einer zerstreuten Mine dulden. Ein jeder blick, den sie auf mich werfen, sagt mir, dass ich ihnen nur zum Spielzeug diene; und die Hälfte meiner Reizungen geht an ihnen verloren, weil sie keine Seele haben, um die Schönheiten einer Seele zu empfinden. Dein Unwille ist gerecht, versetzte der Sophist; es ist verdriesslich, dass man diesen Mannsleuten nicht begreiflich machen kann, dass die Seele das liebenswürdigste an einem schönen Frauenzimmer ist. Aber beruhige dich; nicht alle Männer denken so unedel,