so konnte Hippias mit desto besserm grund voraussetzen, dass er noch ein vollkommner Neuling in der Welt sei, als weder die denkart noch das Betragen dieses jungen Menschen so beschaffen war, dass ein Kenner auf günstigere Gedanken hätte gebracht werden sollen. Leute von seiner Art können, in der Tat zehen Jahre hinter einander in der grossen Welt gelebt haben, ohne dass sie dieses fremde und entlehnte Ansehen verlieren, welches beim ersten blick verkündiget, dass sie hier nicht einheimisch sind; geschweige, dass sie fähig wären, sich jemals zu dieser edlen Freiheit von den Fesseln der gesunden Vernunft, zu dieser weisen Gleichgültigkeit gegen alles was die schwärmerischen Seelen Empfindung nennen, und zu dieser verzärtelten Feinheit des Geschmacks zu erheben, wodurch die Weltleute sich auf eine so vorteilhafte Art unterscheiden. Solche Leute können wohl Beobachtungen machen; allein da ihnen dieser Instinct, dieses sympatetische Gefühl mangelt, mittelst dessen jene einander so schnell und zuverlässig ausfündig machen; oder deutlicher zu reden, da sie von allem auf eine andre Art gerührt werden, als jene; und sich, so sehr sie sich auch anstrengten, niemals an ihre Stelle setzen können: so bleiben sie doch immer in einem unbekannten land, wo ihre Erkenntnis nur bei Mutmassungen stehen bleibt, und ihre Erwartung alle Augenblicke durch unbegreifliche Zufälle und unverhoffte Veränderungen betrogen wird. Mit allen seinen Vorzügen war Agaton doch in eben dieser klasse, und es ist also kein Wunder, dass er, ungeachtet der tiefen Betrachtungen die er über seine Unterredung mit dem Hippias bei sich selbst anstellte, sehr weit entfernt war, die Gedanken zu erraten, womit dieser Sophist jetzt umging, dessen Eitelkeit durch den schlechten Fortgang seines Vorhabens, und den Eigensinn dieses seltsamen Jünglings weit mehr beleidiget war, als er sich hatte anmerken lassen. Agaton, wenn er das wirklich wäre, was er zu sein schien, wäre (dachte der weise Mann nicht ohne Grund) eine lebendige Widerlegung seines Systems. Wie? sagte er zu sich selbst, (ein Umstand, der ihm selten begegnete) ich habe mehr als vierzig Jahre in der Welt gelebt, und unter einer unendlichen Menge von Menschen von allen Ständen und Classen, nicht einen einzigen angetroffen, der meine Begriffe von der menschlichen natur nicht bestätiget hätte, und dieser junge Mensch sollte mich noch an die Tugend glauben lehren? Es kann nicht sein; er ist ein Phantast oder ein Heuchler. Was er auch sein mag, ich will es ausfündig machen. – – Gut! Das ist ein vortrefflicher Einfall! Ich will ihn auf eine probe stellen, wo er unterliegen muss, wenn er ein Schwärmer, und wo er die Maske ablegen wird, wenn er ein Comödiant ist. Er hat gegen Cyane ausgehalten, dies hat ihn stolz und sicher gemacht. Aber das beweist noch nichts. Wir wollen ihn auf eine stärkere probe setzen; wenn er in dieser den Sieg erhält, so muss er – ja, so will ich meine Nymphen entlassen, mein Haus den Priestern der Cybele vermachen, und an den Ganges ziehen, und in der Höhle eines alten Palmbaums, mit geschlossnen Augen und den Kopf zwischen den Knien, so lange in der nämlichen Positur sitzen bleiben, bis ich, allen meinen Sinnen zu trotz, mir einbilde, dass ich nicht mehr bin! – Dies war ein hartes Gelübde; auch hielt sich Hippias sehr überzeugt, dass es so weit nicht kommen würde, und damit er keine Zeit versäumen möchte; so machte er noch an demselbigen Tag Anstalt, seinen Anschlag auszuführen.
Zweites Capitel
Hippias stattet einer Dame einen Besuch ab
Die Damen zu Smyrna hatten damals eine Gewohnheit, welche ihrer Schönheit mehr Ehre machte als ihrer Sittsamkeit. Sie pflegten sich in den warmen Monaten gemeiniglich alle Nachmittage eines kühlenden Bades zu bedienen, und, um keine lange Weile zu haben, nahmen sie um diese Zeit die Besuche derjenigen Mannspersonen an, die das Recht eines freien Zutritts in ihren Häusern hatten. Diese Gewohnheit war in Smyrna eben so unschuldig als es der Gebrauch bei unsern westlichen Nachbarinnen ist, Mannspersonen bei der Toilette um sich zu haben; auch kam diese Freiheit nur den Freunden zu statten, und, den besonderen Fall ausgenommen, wenn die hartnäckige Blödigkeit eines noch unerfahrnen Neulings einiger Aufmunterung nötig hatte, waren die Liebhaber gänzlich davon ausgeschlossen. Unter einer grossen Anzahl von Schönen, bei denen der weise Hippias dieses Vorrecht genoss, war auch eine, die unter dem Namen Danae den ersten Rang in derjenigen klasse von Frauenzimmern einnahm, die man bei den Griechen Freundinnen, oder noch eigentlicher Gesellschafterinnen zu nennen pflegte. Diese Gattung von Damen war damals unter ihrem Geschlecht, was die Sophisten unter dem männlichen; sie stunden in keiner geringern achtung, und konnten sich rühmen, dass die vollkommensten Modelle aller Vorzüge ihres Geschlechts, wenn man die strenge Tugend ausnimmt, die Aspasien, die Leontium und die Phrynen sich kein Bedenken machten von ihrem Orden zu sein. Was die Danae betrifft, so machten die Mannspersonen zu Smyrna kein Geheimnis daraus, dass sie, ihrem Urteil nach, an Schönheit und Artigkeit alle andre Frauenzimmer, galante und spröde, tugendhafte und andächtige, übertreffe. Es ist wahr, die geschichte meldet nicht, dass die Damen sich sehr beeifert hätten, das Urteil der Mannspersonen durch ihren öffentlichen Beitritt zu bestätigen; allein soviel ist gewiss, dass keine unter ihnen war, die sich selbst nicht gestanden hätte, dass, eine einzige person ausgenommen, die sie niemals öffentlich nennen wollten, die schöne Danae alle übrigen eben so