das zugehen?" Können nicht zehn Millionen die Pest haben, und Socrates allein gesund herum gehen? "Diese Instanz beweist nichts für dich. Ein Volk hat nicht immer die Pest; Allein die zehn Millionen denken immer so wie ich. Sie sind also in ihrem natürlichen Zustande, wenn sie so denken; und wer anders denkt, gehört folglich entweder zu einer andern Gattung von Wesen, oder zu den Wesen, die man Toren nennt." So ergeb ich mich in mein Schicksal. "Es gibt noch eine Alternative, junger Mensch. Du schämest dich, entweder deine Gedanken so schnell zu verändern, oder du bist ein Heuchler." Keines von beiden, Hippias. "Leugne mir zum Exempel, wenn du kannst, dass dir die schöne Cyane, die uns beim Frühstück bediente, Begierden eingeflösst hat, und dass du verstohlne Blicke –" Ich leugne nichts. "So gestehe, dass das Anschauen dieser runden schneeweissen arme, dieses aus der flatternden Seide hervoratmenden Busens, die Begierde in dir erregt, ihrer zu geniessen." Ist das Anschauen kein Genuss? "Keine Ausflüchte, junger Mensch!" Du betrügst dich, Hippias, wenn es erlaubt ist einem Weisen das zu sagen; ich bedarf keiner Ausflüchte. Ich mache nur einen Unterschied zwischen einem mechanischen Instinct, der nicht gänzlich von mir abhängt, und dem Willen meiner Seele. Ich habe den Willen nicht gehabt, dessen du mich beschuldigest. "Ich beschuldige dich nichts, als dass du meiner spottest. Ich denke, dass ich die natur kennen sollte. Die Schwärmerei kann in deinen Jahren keine so unheilbare Krankheit sein, dass sie wider die Reizung des Vergnügens sollte aushalten können." Deswegen vermeide ich die Gelegenheiten. "Du gestehest also, dass Cyane reizend ist." Sehr reizend. "Und dass ihr Genuss ein Vergnügen wäre?" Vermutlich. "Warum quälest du dich dann, dir ein Vergnügen zu versagen, das in deiner Gewalt ist." Weil ich mich dadurch vieler andern Vergnügen berauben würde, die ich höher schätze. "Kann man in deinem Alter so sehr ein Neuling sein? Was für Vergnügen, die allen übrigen Menschen unbekannt sind, hat die natur für dich allein aufbehalten? Wenn du noch grössere kennest als dieses, – doch ich merke dich. Du wirst mir wieder von den Vergnügungen der Geister, von Nectar und Ambrosia sprechen; aber wir spielen jetzt keine Comödie, mein Freund. Die Erscheinung einer Cyane in einem von den Gebüschen meiner Gärten würde fähig sein, so gar deinen Geistern Körper zu geben." Hippias, ich rede wie ich denke. Ich kenne Vergnügen, die ich höher schätze als diejenigen, die der Mensch mit den Tieren gemein hat. "Zum Exempel?" Das Vergnügen eine gute Handlung zu tun. "Was nennest du eine gute Handlung?" Eine Handlung, wodurch ich, mit einiger Anstrengung meiner Kräfte, oder Aufopferung eines Vorteils oder Vergnügens, andrer Bestes befördere. "Du bist also töricht genug zu glauben, dass du andern mehr schuldig seiest, als dir selbst?" Das nicht; sondern ich finde für gut, ein geringeres Vergnügen dem grösseren aufzuopfern, welches ich alsdann geniesse, wenn ich das Glück meiner Nebengeschöpfe befördern kann. "Du bist sehr dienstfertig; gesetzt aber es sei so, wie hängt dieses mit demjenigen zusammen, wovon jetzt die Rede ist?" Das ist leicht zu sehen. Gesetzt, ich überliesse mich den Eindrücken, welche die Reizungen der schönen Cyane auf mich machen könnten; gesetzt, sie liebte mich, und liesse mich alles erfahren, was die Wollust berauschendes hat; eine Verbindung von dieser Art könnte von keiner langen Dauer sein; aber würden die Erinnerungen der genossnen Freuden nicht die Begierde erwecken, sie wieder zu geniessen? "Eine neue Cyane" – würde mir wieder gleichgültig werden, und eben diese Begierden zurück lassen. "Eine immerwährende Abwechslung ist also hierin, wie du siehst, das Gesetz der natur." Aber auf diese Art würde ichs gar bald so weit bringen, keiner Begierde widerstehen zu können. "Wozu brauchst du zu widerstehen, so lange deine Begierden in den Schranken der natur und der Mässigung bleiben?" Wie aber, wenn endlich das Weib meines Freundes, oder welche es sonst wäre, die der ehrwürdige Name einer Mutter gegen den blossen Gedanken eines unkeuschen Anfalls sicher stellen soll; oder wie, wenn die unschuldige Jugend einer Tochter, die vielleicht kein andres Heuratsgut als ihre Unschuld und Schönheit hat; der Gegenstand dieser Begierden würde, über die ich durch so vieles Nachgeben alle Gewalt verloren hätte? "So hättest du dich in Griechenland wenigstens vor den Gesetzen vorzusehen. Allein was müsste das für ein Hirn sein, das in solchen Umständen kein Mittel ausfündig machen könnte, seine leidenschaft zu vergnügen, ohne sich mit den Gesetzen abzuwerfen? Ich sehe, du kennest die Damen zu Aten und Sparta nicht." O! was das betrifft, ich kenne so gar die Priesterinnen zu Delphi. Aber ist es möglich, dass du im Ernste gesprochen hast? "Ich habe nach meinen grundsätzen gesprochen. Die gesetz haben in gewissen Staaten, (denn es gibt einige, wo sie mehr Nachsicht haben) nötig gefunden, unser natürliches Recht an eine jede, die unsre Begierden erregt, einzuschränken. Allein da dieses nur geschah, um gewisse Ungelegenheiten zu verhindern, die aus dem ungescheuten Gebrauch jenes Rechts in solchen Staaten zu besorgen wären,