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Religion unsrer Väter befiehlt uns einen Jupiter, eine Venus zu glauben; ganz gut; aber was für eine Vorstellung macht man uns von ihnen? Jupiter soll ein Gott, Venus eine Göttin sein: Allein der Jupiter des Phidias ist nichts mehr als ein heroischer Mann, noch die Venus des Praxiteles mehr als ein schönes Weib; von dem Gott und der Göttin hat kein Mensch in Griechenland den mindesten Begriff. Man verspricht uns nach dem Tod ein unsterbliches Leben bei den Göttern; aber die Begriffe die wir uns davon machen, sind entweder aus den sinnlichen Wollüsten, oder den feinern und geistigem Freuden, die wir in diesem Leben erfahren haben, zusammengesetzt; es ist also klar, dass wir gar keine echte Vorstellung von dem Leben der Geister und von ihren Freuden haben. Ich will hiemit nicht leugnen, dass es Götter, Geister oder vollkommnere Wesen als wir sind, haben könne oder wirklich habe. Alles was meine Schlüsse zu beweisen scheinen, ist dieses, "dass wir unfähig sind, uns eine richtige idee von ihnen zu machen, oder kurz, dass wir nichts von ihnen wissen." Wissen wir aber nichts, weder von ihrem Zustande noch von ihrer natur, so ist es für uns eben so viel, als ob sie gar nicht wären. Anaxagoras bewies mir einst mit dem ganzen Entusiasmus eines Sternsehers, dass der Mond Einwohner habe. Vielleicht sagte er die Wahrheit. Allein was sind diese Mondbewohner für uns? Meinest du, der König Philippus werde sich die mindeste sorge machen, die Griechen möchten sie gegen ihn zu hülfe rufen? Es mögen Einwohner im mond sein; für uns ist der Mond weder mehr noch weniger als eine leere glänzende Scheibe, die unsre Nächte erheitert, und unsre Zeit abmisst. Hat es aber diese Bewandtnis, wie es denn nicht anders sein kann, wie töricht ist es, den Plan seines Lebens nach Schimären einzurichten, und sich der Glückseligkeit deren man wirklich geniessen könnte, zu begeben, um sich mit ungewissen Hoffnungen zu weiden; die Frucht seines Daseins zu verlieren, so lange man lebt, in Hoffnung sich dafür schadlos zu halten, wenn man nicht mehr sein wird! Denn dass wir jetzt leben, und dass dieses Leben auf hören wird, das wissen wir gewiss; ob ein andres alsdann anfange, ist wenigstens ungewiss, und wenn es auch wäre, so ist es doch unmöglich, das Verhältnis desselben gegen das izige zu bestimmen, da wir kein Mittel haben uns einen echten Begriff davon zu machen. Lass uns also den Plan unsers Lebens auf das gründen, was wir kennen und wissen; und nachdem wir gefunden haben, was das glückliche Leben ist, den geradesten und sichersten Weg suchen, auf dem wir dazu gelangen können.

Viertes Capitel

Worin Hippias bessere Schlüsse macht

Ich habe schon bemerkt, dass die Glückseligkeit, welche wir suchen, nur in dem Stand einer Gesellschaft, die sich schon zu einem gewissen Grade der Vollkommenheit erhoben hat, statt finde. In einer solchen Gesellschaft entwickeln sich alle diese mannichfaltigen Geschicklichkeiten, die bei dem wilden Menschen, der so wenig bedarf, so einsam lebt, und so wenig Leidenschaften hat, immer müssige Fähigkeiten bleiben. Die Einführung des Eigentums, die Ungleichheit der Güter und Stände, die Armut der einen, der Oberfluss, die Üppigkeit und die Trägheit der andern, dieses sind die wahren Götter der Künste, die Mercure und die Musen, denen wir ihre Erfindung oder doch ihre Vollkommenheit zu danken haben. Wie viel Menschen müssen ihre Bemühungen vereinigen, um einen einzigen Reichen zu befriedigen! Diese bauen seine Felder und Weinberge, andre pflanzen seine Lustgärten, noch andre bearbeiten den Marmor, woraus seine wohnung aufgeführt wird; tausende durchschiffen den Ocean um ihm die Reichtümer fremder Länder zuzuführen; tausende beschäftigen sich, die Seide und den Purpur zu bereiten, die ihn kleiden; die Tapeten, die seine Zimmer schmücken; die kostbaren Gefässe, woraus er isst und trinkt; und die weichen Lager, worauf er der wollüstigsten Ruhe geniesst. Tausende müssen in schlaflosen Nächten ihren Witz verzehren, um neue Bequemlichkeiten, neue Wollüste, eine leichtere und angenehmere Art die leichtesten und angenehmsten Verrichtungen, die uns die natur auferlegt, zu tun, für ihn zu erfinden, und durch die Zaubereien der Kunst, die den gemeinsten Dingen einen Schein der Neuheit zu geben weiss, seinen Ekel zu täuschen, und seine vom Genuss ermüdeten Sinnen aufzuwecken. Für ihn arbeitet der Maler, der Tonkünstler, der Dichter, der Schauspieler, und überwindet unendliche Schwierigkeiten, um Künste zur Vollkommenheit zu treiben, welche die Anzahl seiner Ergötzungen vermehren sollen. Allein alle diese Leute, welche für den glücklichen Menschen arbeiten, würden es nicht tun, wenn sie nicht selbst glücklich zu sein wünschten. Sie arbeiten nur für denjenigen, der ihre Bemühung für sein Vergnügen belohnen kann. Der König von Persien selbst ist nicht mächtig genug, den Zeuxes zu zwingen, dass er ihm eine Leda male. Nur die Zauberkraft des Goldes, welchem eine allgemeine Übereinkunft der gesitteten Völker den Wert aller nützlichen und angenehmen Dinge beigelegt hat, kann den Genie und den Fleiss einem Midas dienstbar machen, der ohne seine Schätze kaum so viel wert wäre, dem Maler, der für ihn arbeitet, die Farben zu reiben. Die Kunst, sich die Mittel zur Glückseligkeit zu verschaffen, ist also schon gefunden, mein lieber Callias, sobald wir die Kunst gefunden haben, einen genugsamen Vorrat von diesem Steine der Weisen zu bekommen, der uns