1766_Wieland_106_24.txt

Vergnügens sind. Warum ist Alcibiades ehrgeizig? Alcibiades bewirbt sich um einen Ruhm, der seine Ausschweifungen, seinen Übermut, seinen schleppenden Purpur, seine Schmäuse und Liebeshändel bedeckt; der es den Ateniensern erträglich macht, den Liebesgott, mit dem Blitze Jupiters bewaffnet, auf dem Schilde seines Feldherrn zu sehen; der die Gemahlin eines spartanischen Königs so sehr verblendet, dass sie stolz darauf ist, für seine Buhlerin gehalten zu werden. Ohne diese Vorteile würde ihm Ansehn und Ruhm so gleichgültig sein, als ein Haufen Rechenpfennige einem corintischen Wucherer. Allein, spricht man, wenn es seine Richtigkeit hat, dass die Vergnügen der Sinne alles sind, was uns die natur zuerkannt hat, was ist leichter und was braucht weniger Kunst und Anstalten, als glücklich zu sein? "Wie wenig bedarf die natur um zu Frieden zu sein?" Es ist wahr, die rohe natur bedarf wenig. Ihre Unwissenheit ist ihr Reichtum. Eine Bewegung, die seinen Körper munter erhält, eine Nahrung die den Hunger stillt, ein Weib, schön oder hässlich, wenn ihn die Ungeduld eines gewissen Bedürfnisses beunruhiget, ein schattichter Rasen, wenn er des Schlafs bedarf und eine Höhle, sich vor dem Ungewitter zu sichern, ist alles was der wilde Mensch nötig hat, um in dem Lauf von achtzig oder hundert Jahren sich nur nicht einmal einfallen zu lassen, dass man mehr brauchen könne. Die Vergnügen der Einbildungskraft und des Geschmacks sind nicht für ihn; er geniesst nicht mehr als die übrigen Tiere, und geniesst wie sie. Wenn er glücklich ist, weil er sich nicht für unglücklich hält, so ist er es doch nicht in Vergleichung mit demjenigen, für den die Künste des Witzes und des Geschmacks die angenehmste Art der Bedürfnisse der natur zu geniessen, und eine unendliche Menge von Ergötzungen der Sinne und der Einbildung erfunden haben, wovon die natur in dem rohen Zustande, worin wir sie uns in den ältesten zeiten vorstellen, keinen Begriff hat. Diese Vergleichung, es ist wahr, findet nur in dem Stand einer Gesellschaft statt, die sich in einer langen Reihe von Jahrhunderten endlich zu einem gewissen Grade der Vollkommenheit erhoben hat. In einem solchen aber wird alles das zum Bedürfnis, was der Wilde nur darum nicht vermisset, weil es ihm unbekannt ist; und ein Diogenes könnte zu Corint nicht glücklich sein, wenn er nicht ein Narr wäre. Gewisse poetische Köpfe haben sich ein goldnes Alter, ein Arcadien, ein angenehmes Hirtenleben geträumt, welches zwischen der rohen natur und der Lebensart des begüterten Teils eines gesitteten und sinnreichen Volkes das Mittel halten soll. Sie haben die verschönerte natur von allem demjenigen entkleidet, wodurch sie verschönert worden ist, und dieses idealische Wesen die schöne natur genannt. Allein ausserdem, dass diese schöne natur, in dieser nackten Einfalt, welche man ihr gibt, niemals irgendwo vorhanden war; wer siehet nicht dass die Lebensart des goldnen Alters der Dichter, zu derjenigen welche durch die Künste mit allem bereichert und ausgeziert worden, was der Witz zu erfinden fähig ist, um uns in den Armen einer ununterbrochnen Wollust, vor dem Überdruss der Sättigung zu bewahren; dass, sage ich, jene dichtrische Lebensart zu dieser sich eben so verhält, wie die Lebensart des wildesten Sogdianers zu jener? Wenn es angenehmer ist in einer bequemen Hütte zu wohnen als in einem hohlen Baum, so ist es noch angenehmer in einem geräumigen haus zu wohnen, das mit den ausgesuchtesten und wollüstigsten Bequemlichkeiten versehen, und, wohin man die Augen wendet, mit Bildern des Vergnügens ausgeziert ist; und wenn eine mit Bändern und Blumen geschmückte Phyllis reizender ist als eine schmutzige und zottichte Wilde, muss nicht eine von unsern Schönen, deren natürliche Reizungen durch einen wohlausgesonnenen und schimmernden Putz erhoben werden, um eben so viel besser gefallen als eine Phyllis?

Drittes Capitel

Die Geisterlehre eines echten Materialisten

Wir haben die natur gefragt, Callias, worin die Glückseligkeit bestehe, die sie uns zugedacht habe, und wir haben ihre Antwort. Ein schmerzenfreies Leben, die angenehmste Befriedigung unsrer natürlichen Bedürfnisse, und der abwechslende Genuss aller Arten von Vergnügen, womit die Einbildungskraft, der Witz und die Künste unsern Sinnen zu schmeicheln fähig sind. – Dieses ist alles was der Mensch Lodern kann, und wenn es eine erhabnere Art von Glückseligkeit gibt, so können wir wenigstens gewiss sein, dass sie nicht für uns gehört, da wir nicht einmal fähig sind, uns eine Vorstellung davon zu machen. Es ist wahr, der entusiastische teil unter den Verehrern der Götter schmeichelt sich mit einer zukünftigen Glückseligkeit, zu welcher die Seele nach der Zerstörung des Körpers erst gelangen soll. Die Seele, sagen sie, war ehmals eine Freundin und Gespielin der Götter, sie war unsterblich wie sie, und begleitete (wie Plato homerisiert) den geflügelten Wagen Jupiters, um mit den übrigen Unsterblichen die unvergängliche Schönheiten zu beschauen, womit die unermesslichen Räume über den Sphären erfüllt sind. Ein Krieg, der unter den Bewohnern der unsichtbaren Welt entstand, verwickelte sie in den Fall der Besiegten; sie ward vom Himmel gestürzt, und in den Kerker eines tierischen Leibes eingeschlossen, um durch den Verlust ihrer ehmaligen Wonne, in einem Zustand, der eine Kette von Plagen und Schmerzen ist, ihre Schuld auszutilgen. Das unendliche Verlangen, der nie gestillte Durst nach einer Glückseligkeit, die sie in keinem irdischen Gut findet, ist das einzige, das ihr zu ihrer Qual von ihrem vormaligen Zustand übrig geblieben ist; und es ist unmöglich, dass sie diese