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eines so unverhofften Wiedersehens desto vollkommner zu geniessenGrossmütige, göttliche Danae! rief Agaton in einer Entzückung von Dankbarkeit und LiebeKeine Beiwörter, Agaton, unterbrach ihn Danae, keine Schwärmerei! Du bist zu sehr gerührt; beruhige dichwir werden Zeit genug haben, uns von allem, was seitdem wir uns zum letzten mal gesehen haben, vorgegangen ist, Rechenschaft zu gebenLass mich das Vergnügen dich wieder gefunden zu haben unvermischt geniessen; es ist das erste, das mir seit zweien Jahren zu teil wird.

Mit diesen Worten (und in der Tat hätte sie die letzteren für sich selbst behalten können, wenn es möglich wäre, immer Meister von seinem Herzen zu sein) stunde sie auf, näherte sich dem Critolaus, und liess dem mehr als jemals bezauberten Agaton Zeit, sich in eine ruhigere Gemütsfassung zu setzen.

Cœtera intus agenturUnsere schönen Leserinnen wissen nun schon genug, um sich vorstellen zu können, was diese zärtliche Scene für Folgen haben musste. Danae und Critolaus wurden gar bald gute Freunde. Dieser junge Mann gestund, seine Psyche ausgenommen, nichts vollkommners gesehen zu haben, als Danae; und Danae erfuhr mit vielem Vergnügen, dass Critolaus der Gemahl der schönen Psyche, und Psyche die wiedergefundene Schwester Agatons sei. Sie hatte nicht viel Mühe ihre Gäste zu bereden, das Nachtlager in ihrem haus anzunehmen; unsre Liebenden hätten also die Schuld sich selbst beimessen müssen, wenn sie keine gelegenheit gefunden hätten, sich umständlich zu besprechen, und gegen einander zu erklären. Die schöne Danae meldete ihrem Freunde, dass sie die Verräterei des Hippias, und die Ursache der heimlichen Entweichung Agatons, bei ihrer Zurückkunft nach Smyrna bald entdeckt habe. Sie verbarg ihm nicht, dass der Schmerz ihn verloren zu haben, sie zu dem seltsamen Entschluss gebracht, der Welt zu entsagen, und in irgend einer entlegenen Einöde sich selbst für die Schwachheiten und Fehltritte ihres vergangenen Lebens zu bestrafen; jedoch setzte sie hinzu, hoffe sie, dass wenn sie einmal gelegenheit haben würde, ihm eine ganz aufrichtige und umständliche Erzählung der geschichte ihres Herzens bis auf die Zeit, da sein Umgang und die Begeistrung, worein sie durch ihn allein zum ersten mal in ihrem Leben gesetzt worden, ihrer Seele wie ein neues Wesen gegeben, zu machener Ursache finden würde sie, wo nicht immer zu entschuldigen, doch mehr zu bedauren als zu verdammen. Die Furcht, den Gedanken in ihr zu veranlassen, als ob sie durch das was ehmals zwischen ihnen vorgegangen war, von seiner Hochachtung verloren hätte, zwang unsern Helden eine geraume Zeit, die Lebhaftigkeit seiner Empfindungen in seinem Herzen zu verschliessen. Danae wurde indessen mit der Familie des Archytas bekannt, man musste sie lieben, sobald man sie sah; und sie gewann desto mehr dabei, je besser man sie kennen lernte. Es war überdies eine von ihren Gaben, dass sie sich sehr leicht und mit der besten Art in alle Personen, Umstände und Lebens-Arten schikken konnte. Wie konnte es also anders sein, als dass sie in kurzem durch die zärtlichste Freundschaft mit dieser liebenswürdigen Familie verbunden werden musste? Selbst der weise Archytas liebte ihre Gesellschaft, und sie machte sich ein Vergnügen daraus, einem alten. mann von so seltnen Verdiensten die Beschwerden des hohen Alters durch die Annehmlichkeiten ihres Umgangs erleichtern zu helfen. Aber nichts war der Liebe zu vergleichen, welche Psyche und Danae einander einflössten. Niemalen hat vielleicht unter zwo Frauenzimmern, welche so geschickt waren, Rivalinnen zu sein, eine so zärtliche, und vollkommne Freundschaft geherrschet. Man kann sich einbilden, ob Agaton dabei verlor. Er sah die schöne Danae alle Tage; er hatte alle Vorrechte eines Bruders bei ihraber wie sollte es möglich gewesen sein, dass er sich immer daran begnügt hätte? – Es gab Augenblicke, wo er, von den Erinnerungen seiner ehmaligen Glückseligkeit berauscht, sich die Rechte eines begünstigten Liebhabers herausnehmen wollte. Aber Danae wurde durch den vertrauten Umgang mit so tugendhaften Personen, als diejenigen waren, mit denen sie nunmehr lebte, in ihrer neuen Denkungs-Art so sehr bestärkt, dass die zärtlichsten Verführungen der Liebe nichts über sie erhielten. In diesem Stücke wollte sie nicht mehr Danae für ihn sein. Das ist unwahrscheinlich, werden die Kenner sagen; unwahrscheinlich, antworte ich, aber möglich. Mit einem Worte, Danae bewies durch ihr Exempel, dass es einer Danae möglich sei; und Agaton erfuhr es so sehr, dass Psyche endlich selbst Mitleiden mit ihm zu haben anfing. Sie wusste die geheime geschichte ihrer Freundin; Danae hatte Tugend genug gehabt, ihr eine aufrichtige Erzählung davon zu machen. Die Bedenklichkeiten sind leicht zu erraten, welche der Glückseligkeit dieser Liebenden, welche so ganz für einander geschaffen zu sein schienen, im Wege stunden. Aber waren sie wichtig genug, um ihrentwillen unglücklich zu sein? – Hatte er nicht das Beispiel des grossen Perikles vor sich? Verdiente Danae nicht in allen Betrachtungen das Schicksal der Aspasia? – – Es wäre uns leicht, unsern Lesern hierüber aus dem Wunder zu helfen; aber wir überlassen es ihnen zu erraten, was er tat – – oder auszumachen, was er hätte tun sollen.

Fünftes Capitel

Abdankung

Und nun, nachdem wir in diesem letzten buch zu Gunsten unsers Helden alles getan zu haben glauben, was die zärtlichsten Freunde, die er sich erworben haben kann, (und wir hoffen, dass er einige haben werde,) nur immer zu seinem Besten wünschen konnten