; er würde tanzen wie sie, wenn er hören könnte. Die Weltleute sind in der Tat nicht zu verdenken, wenn sie uns andre für ein wenig mondsüchtig halten; wer will ihnen zumuten, dass sie glauben sollen, es fehle ihnen etwas, das zu einem vollständigen Menschen gehört? Ich kannte zu Aten ein junges Frauenzimmer, welches die natur wegen der Hässlichkeit ihrer übrigen Figur durch sehr artige Füsse getröstet hatte. Ich möchte doch wissen, sagte sie zu einer Freundin, was diese jungen Gecken an der einbildischen Timandra sehen, dass sie sonst für niemand Augen haben als für sie? Es ist wahr, sie hat keine unfeine Farbe, ihre Züge sind so so, ihre Augen wenigstens aufmunternd genug, und sie ist sehr besorgt, ihre Bewunderer durch Auslegung gewisser schlüpfriger Schönheiten für die Gleichgültigkeit ihres Gesichts schadlos zu halten; aber was sie für Füsse hat! Wie kann man einen Anspruch an Schönheit machen, ohne einen feinen Fuss zu haben? Du hast Recht, versetzte die Freundin, die der natur nichts schönes zu danken hatte, als ein paar überaus kleine Ohren; man muss einen Fuss haben wie du, um schön zu sein; aber was sagst du zu ihren Ohren, Hermia? So wahr mir Diana gnädig sei, sie würden einem Faunen Ehre machen. So sind die Menschen, und es wäre unbillig ihnen übel zu nehmen, dass sie so sind. Die Nachtigall singt, der Rabe krächzt, und er müsste kein Rabe sein, wenn er nicht dächte, dass er gut krächze; er hat noch recht, wenn er denkt, die Nachtigall krächze nicht gut; es ist wahr, dann geht er zu weit, wenn er über die Nachtigall spottet, dass sie nicht so gut krächzt wie er; aber sie würde eben so Unrecht haben, wenn sie über ihn lachte, dass er nicht singe wie sie; er singt nicht, aber er krächzt doch gut, und das ist für ihn genug. Aber Hippias ist besorgt für mich, er bedaurt mich, er will mich so glücklich machen, wie er ist. Das ist grossmütig! Er hat ausfündig gemacht, dass ich das Schöne liebe, dass ich gegen den Reiz des Vergnügens nicht unempfindlich bin. Diese Entdeckung war leicht zu machen; aber in den Schlüssen, die er daraus zieht, könnt' er sich betrogen haben. Der kluge Ulysse zog sein steinichtes kleines Itaca, wo er frei war, und sein altes Weib mit der er vor zwanzig Jahren jung gewesen war, der bezauberten Insel der schönen Calyps vor, wo er unsterblich und ein Sclave gewesen wäre; und der Schwärmer Agaton würde mit allem seinem Geschmack für das Schöne, und mit aller seiner Empfindlichkeit für die Ergötzungen, ohne sich einen Augenblick zu bedenken, lieber in das Fass des Diogenes kriechen, als den Palast, die Gärten, das Serail und die Reichtümer des weisen Hippias besitzen, und Hippias sein.
Immer Selbstgespräche, hören wir den Leser sagen. Wenigstens ist dieses eines, und wer kann davor? Agaton hatte sonst niemand, mit dem er hätte reden können als sich selbst; denn mit den Bäumen und Nymphen reden nur die Verliebten. Wir müssen uns schon entschliessen, ihm diese Unart zu gut zu halten, und wir sollten es desto eher tun können, da ein so feiner Weltmann als Horaz unstreitig war, sich nicht geschämt hat zu gestehen, dass er öfters mit sich selbst zu reden pflege.
Achtes Capitel
Vorbereitungen zum Folgenden
Agaton hatte noch nicht lange genug unter den Menschen gelebt, um die Welt so gut zu kennen, als ein Teophrast sie zu der Zeit kannte, da er sie verlassen musste. Allein was ihm an Erfahrung abging, ersetzte seine natürliche Gabe in den Seelen zu lesen, die durch die Aufmerksamkeit geschärft worden war, womit er die Menschen und die Auftritte des Lebens, die er zu sehen gelegenheit gehabt, beobachtet hatte. Daher kam es, dass seine letzte Unterredung mit dem Hippias, anstatt ihn etwas zu lehren, nur den Verdacht rechtfertigte, den er schon einige Zeit gegen den charakter und die denkart dieses Sophisten gefasst hatte. Er konnte also auch leicht erraten von was für einer Art die geheime Philosophie sein würde, von welcher er ihm so grosse Vorteile versprochen hatte. Dem ungeachtet verlangte ihn nach dieser Zusammenkunft, teils weil er neugierig war, die denkart eines Hippias in ein System gebracht zu sehen, teils weil er sich von der Beredsamkeit desselben diejenige Art von Ergötzung versprach, die uns ein geschickter Gaukler macht, der uns einen Augenblick sehen lässt, was wir nicht sehen, ohne es bei einem klugen Menschen so weit zu bringen, dass man in eben demselben Augenblick nur daran zweifeln sollte, dass man betrogen wird. Mit einer Gemütsverfassung, die so wenig von der Gelehrigkeit hatte, welche Hippias foderte, fand sich Agaton ein, als er nach Verfluss einiger Tage an einem Morgen in das Zimmer des Sophisten gerufen wurde, welcher auf einem Ruhbette liegend seiner erwartete, und ihm befahl sich neben ihm niederzusetzen und das Frühstück mit ihm zu nehmen. Diese Höflichkeit war nach der Absicht des weisen Hippias eine Vorbereitung, und er hatte, um die Würkung derselben zu befördern, das schönste Mädchen in seinem haus ausersehen, sie hiebei zu bedienen. In der Tat die Gestalt dieser Nymphe, und die gute Art womit sie ihr Amt versah, machten ihre Aufwartung für einen Weisen von Agatons Alter ein wenig beunruhigend. Das schlimmste war, dass die